Wo Mord verjährt

VOR-SICHT: "Tatort: Züri brännt", Regie: Viviane Andereggen, Buch: Lorenz Langenegger, Stefan Brunner, Kamera: Martin Langer, Produktion: Zodiac Pictures (ARD/SRF, 18.10.20, 20.15-21.45 Uhr)

Der Titel "Züri brännt" stammt von einem Dokumentarfilm über Proteste im Jahr 1980, als in Zürich die Oper Unsummen an Subventionen zugesagt bekam, das Jugendzentrum aber nichts. Die rebellische junge Generation schritt zur Gewalt. Die - danach so benannte - "Rote Fabrik" wurde besetzt, es kam zu Straßenschlachten mit der Polizei. Sachschäden in Millionenhöhe fielen an, es gab Verletzte auf beiden Seiten. Manche Aktivisten tauchten unter oder wanderten aus.

40 Jahre später treffen zwei Ermittlerinnen bei der Kantonspolizei aufeinander, die sich erst mal nicht riechen können. Die eine, Tessa Ott (Carol Schuler) kommt aus besseren Kreisen und hatte es mit dem Aufstieg bei der Polizei eher leicht. Die andere, Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) musste sich ihre Chancen hart erkämpfen und ist stolz auf sich. Da spielen Klassenvorurteile eine Rolle, von unten nach oben guckt man misstrauisch und von oben nach unten auch. Aber was soll sein, die beiden müssen miteinander auskommen, denn sie haben einen gemeinsamen Fall: Eine verkohlte Leiche liegt auf der Straße.

Wer ist dieser Mann? Ein Tattoo führt erst mal nicht weiter, es dauert mit der Identifikation. Und dann kommt noch ein zweiter Fall dazu. Revierchef Peter Herzog (Roland Koch), der kurz vor seiner Pensionierung steht, erhält bei einer Feier ihm zu Ehren ein Kurierpaket. Er öffnet es nichtsahnend und heraus fällt ein menschlicher Schädel. Jetzt ist Polizeiarbeit gefragt. Es stellt sich heraus, dass der Schädel mal zu einer Frau gehörte, die 1980 verschwand. Und mit der Brandleiche geht es auch vorwärts. Eine Kollege war es, der da erst erschossen und dann angezündet wurde. Der trat in den 1970ern seinen Dienst an und schlug sich auf der Straße mit den aufständischen Jugendlichen. Womöglich hängen beide Fälle zusammen?

Die Geschichte von Lorenz Langenegger und Stefan Brunner wird nach Puzzle-Art mit Rückblenden und Flashbacks entwickelt. Die junge Frau, deren Schädel als Schock in die Geschichte fällt, war einst eine verdeckte Ermittlerin, mischte in der Aktionsgruppe Rote Fabrik mit und sang als Punklady auf der Bühne. Sie lebte gefährlich. Ihre Spur, von den Ermittlerinnen aufgenommen, führt mitten hinein in die Kantonspolizei. Dort reagiert man verschlossen. Und das Publikum erfährt (wenn es das nicht schon wusste), dass in der Schweiz Mord verjährt.

Nun fällt der Schatten des Verdachts auf die alte Garde. Die will nicht hineingezogen werden. "Das ist 40 Jahre her, entschuldige", sagt Herzog. Und Ott entgegnet ihm: "Die Angehörigen vergessen nichts."

Es gibt noch mehr solche gewichtigen Dialogzeilen, etwa: "Gewalt verschwindet nicht" oder: "Sieht aus, als ob die Vergangenheit zurückkommt". Das ist nun mal das Pathos eines Krimis, der ernste Themen verhandelt. "Züri brännt" borgt einen Teil seiner Spannung aus alten Abenteuern und vor langer Zeit geschlagenen Schlachten, was durchaus legitim sein kann, wenn, wie hier, in der Regie von Viviane Andereggen das Heute und das Vorgestern stimmig verschränkt werden.

Was die Gegenwart betrifft, so ist es die Konkurrenz zwischen den beiden jungen Kommissarinnen, die die Aufmerksamkeit fesselt. Sie sind neu in der "Tatort"-Familie und von daher besonderer Beachtung wert. Carol Schuler gibt ihre Tessa Ott betont lässig, so als wolle sie öfter mal sagen: Leute, was wollt ihr, ich bin hier, aber ich könnte auch was ganz anderes machen. Wenn es aber drauf ankommt, steht sie ihre Frau, ist angstfrei und präsent. Anna Pieri Zuercher als Polizistin Isabelle Grandjean ist eifrig, genau, mutig, aber doch nachdenklich, sie nimmt ihren Job ernst und nichts anderes so wichtig. In beiden steckt Potenzial.

Die Staatsanwaltschaft wird auch durch eine Frau vertreten, sie heißt Anita Wegenast, ist ein bisschen zwielichtig und wird von Rachel Braunschweig gespielt. Erfreulich zu sehen, wie selbstverständlich sich die Frauen bei der Verbrechensaufklärung inzwischen bewegen, es muss nirgends thematisiert werden, dass sie "als Frauen" hier Dienst tun. Sie gehören einfach dazu und sogar nach vorn - zumal die Männer sehr schnell in den begründeten Verdacht geraten, ordentlich Dreck am Stecken zu haben.

Die Regie lag auch in Frauenhand, was hoffen lässt, dass die vielen Forderungen nach einer Art Frauenquote im Filmgeschäft doch allmählich fruchten. Die Kamera von Martin Langer zeigt den Schaulustigen im Publikum ein Stück Zürich: den See, den Quai, alte bürgerliche Wohnhäuser, die Oper. Und auch die immer noch als Kulturzentrum existierende Rote Fabrik mit ihren tollen Graffiti.

Aus epd medien 42/20 vom 16. Oktober 2020

Barbara Sichtermann