Wie im echten Leben

VOR-SICHT: „Tina mobil“, sechsteilige Miniserie, Regie: Richard Huber, Buch: Laila Stieler, Kamera: Robert Berghoff, Produktion: X-Filme (ARD/RBB, 22.9., 29.9. und 6.10.21, 20.15-21.45 Uhr; ab 16.9. in der Mediathek)

epd Tina mit dem schönen Nachnamen Sanftleben ist das, was man eine „gestandene Frau“ nennt. Um die 50, drei noch nicht ganz flügge Kinder, mit deren Vater sie trotz Trennung immer noch gut klarkommt. Tina ist nicht auf den Mund gefallen, neigt nicht zum Jammern, Anpacken ist die Devise. Und sich nichts gefallen lassen. Auch nicht die Schikanen des Chefs, der sie, als sie ihm zu aufmüpfig wird, einfach feuert.

Doch zum Amt latschen, warten, bitten, Formulare ausfüllen und gottergeben auf das Geld warten, Lebensmittel wie Almosen bei der Tafel holen - das ist nicht Tinas Sache. Und vor allem ist da ihr eherner Grundsatz: Die Kinder sollen nichts davon merken, egal wie schwach und hilflos und müde sie sich manchmal fühlt. Und egal, wie schlimm die Lage ist, es darf keine Abstriche bei Gitarrenstunden, Fußballtraining und dem gefüllten Kühlschrank geben. „Das ist mein Problem“, ist einer von Tinas Hauptsätzen.

Aber Tina ist gut im Plänemachen, im Handeln und im Netzwerken mit anderen Frauen, auch wenn sie das nie so nennen würde. Also macht sich die gelernte Bäckereifachverkäuferin selbstständig - mit dem, das sie am besten kann, nämlich „Schrippen vakoofen“. So heißt das in Berlin, wo Tina großgeworden ist und wo sie immer noch lebt. Den Businessplan fürs Arbeitsamt schmiedet sie mit einer ebenfalls alleinerziehenden und deshalb arbeitslosen Buchhalterin auf einer Parkbank, im Tausch gegen Naturalien. Fortan tingelt sie mit ihrem Backmobil durch die zahlreichen Käffer um Berlin, in denen es längst keinen Konsum mehr und fast nur noch alte Leute gibt.

So was muss man spielen können. Gabriela Maria Schmeide kann das - und wie! Das ist eine Tina aus Fleisch und Blut, mit ihrem großen, mutigen Herzen und allen Macken, Ecken. Eine, die laut werden kann und die manchmal ganz stumm ist, die lacht und heult, die aus zwei Teebeuteln noch eine dritte Tasse rausholt, die erschöpft auf dem Stuhl einschläft und sich an Konzerte von Al Di Meola erinnert.

Ihre Kinder sind keine altklugen, zuckersüßen Nesthäkchen und keine wild vor sich hin pubertierenden Gören - die sind auch echt. Und empathisch. Caro (toll: Runa Greiner), Julia (Fine Sender) und Felix (David Ali Rashed) machen nämlich nicht das, was ihre Mutter ihnen ständig sagt („Mach Dir keinen Kopp. Das ist mein Problem.“), sondern sie machen sich sehr wohl einen Kopp. Und sie sorgen sich um ihre Mutter, obwohl die manchmal schwierig für ihre Kinder ist. Denn auch diese Mutter muss lernen, dass Kinder das Recht haben, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, für den selbst gebauten Mist geradezustehen und ihre eigenen Zukunftspläne zu schmieden.

Es gibt genug Baustellen: Caro schleppt einige Pfunde zu viel und etliche Komplexe mit sich herum, fühlt sich als Versagerin, hat eine Lehre abgebrochen und traut sich kaum noch aus der Wohnung, den Kontakt zur Welt hält sie über ihren Beauty-Vlog. Sohn Felix baut heimlich Cannabis an, um etwas dazuzuverdienen, und Julia, die musikalisch Hochbegabte, wird ungewollt schwanger und ist dafür eigentlich noch zu jung.

Und hinter Tinas manchmal aufscheinender Melancholie sitzt eine grabsteinschwere Trauer, die sich erst ab der dritten Folge offenbart …

Die Serie ist horizontal erzählt und hangelt sich am Alltag entlang, dennoch wird sie nie statisch. Den Sanftlebens wird einiges abverlangt: Alle müssen ein bisschen an den anderen wachsen und tun das auch. Man muss nur mal sehen, wie Caro in ihrer neuen Aufgabe als Mutters Fahrerin und Kosmetikberaterin der Dorffrauen aufblüht!

Autorin Laila Stieler und Regisseur Richard Huber haben hier ein kleines, liebevolles Juwel geschaffen, das an andere erfolgreiche RBB-Produktionen wie „Warten auf’n Bus“ erinnert. Da stimmt alles: jeder Satz, jede Geste, jedes Detail. Diese Serie zeigt, dass man aus dem profanen Alltag mit all den großen und kleinen Glücks- und Katastrophenmomenten, aus diesem ewigen Strecken nach der Decke und dem Kampf gegen den Abstieg eine Serie machen kann, die keine Minute langweilig wird.

Hinzu kommt eine hinreißende Besetzung bis in die kleinen Nebenrollen: Alexander Hörbe (als Tinas Ex Harry), Steffi Kühnert als Frauenärztin, Ann-Kathrin Gummich als beste Freundin, Max Hopp, Margarita Breitkreiz, und obendrein die alten Leutchen in der Provinz, die an Tinas Bus einkaufen: Christian Steyer, Ute Lubosch, Ursula Werner, Monika Lennartz, Carmen-Maja Antoni, Axel Werner - eben die Alten aus dem Osten, im schönsten Sinn. Das Geplänkel der älteren Damen am Bus muss man einfach gesehen und gehört haben! Es ist zum Niederknien herrlich.

Perfekt abgerundet wird diese Serie mit dem maßgeschneiderten Soundtrack von Dohmen & Dürbeck - Gundermann, Veronika Fischer, Renft-Combo, Lift -, den Tina vorzugsweise laut in ihrem Backmobil hört. Und Al Di Meola ist auch mit an Bord.

Aus epd medien 37/21 vom 17. September 2021

Ulrike Steglich