Whistleblower im Keller

VOR-SICHT: "West of Liberty", zweiteiliger Thriller, Regie: Barbara Eder, Buch: Sara Heldt, Donna Sharpe nach dem Roman von Thomas Engström, Kamera: Carl Sundberg, Produktion: Anagram, Network Movie (ZDF, 24.+25.11.19, 22.15-23.50 Uhr)

Als die Mauer gefallen war und der Kapitalismus zumindest nach westlicher Lesart den Kommunismus besiegt hatte, schien damit auch das Schicksal des Spionage-Thrillers besiegelt. Der Kalte Krieg war vorbei, alte Gewissheiten hatten keine Gültigkeit mehr. Davon erzählt auch der im Auftrag des ZDF adaptierte Roman "West of Liberty" des Schweden Thomas Engström. Hauptfigur ist ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter, der als Doppelagent für die CIA gearbeitet hat und sich seit der "Wende" mehr schlecht als recht über Wasser hält. Heute ist Ludwig Licht (Wotan Wolke Möhring) Mitte 50 und trinkfreudiger Inhaber einer Bar, die nicht besonders gut läuft.

Ein weiterer Wendeverlierer ist sein Kontaktmann beim US-Geheimdienst: GT Berner (Matthew Marsh) hat schon längst das Pensionsalter erreicht, schiebt das Unvermeidliche jedoch hinaus und trauert den alten Zeiten nach, als die Welt noch übersichtlich in Gut und Böse aufgeteilt war. Berner will mit einem großen Coup abtreten und seinen Vorgesetzten den untergetauchten Gründer von Hydraleaks, einer Plattform für Whistleblower, präsentieren.

Die Geschichte ist in vielerlei Hinsicht interessant, denn wenn man das ganze Agentengedöns beiseitelässt, handelt "West of Liberty" vom letzten Rückzugsgefecht eines alten weißen Mannes, der nicht wahrhaben will, dass er ein analoges Fossil in einer digitalen Welt ist. Berner ist mit seinem Zynismus im Grunde die interessantere Figur als Licht, selbst wenn der Berliner der eigentliche Protagonist ist und auch viel mehr zu tun hat: Der Ex-Agent soll im Auftrag Berners eine Amerikanerin (Michelle Meadows) verstecken, die für die Plattform gearbeitet hat. Sie besitzt eine Liste mit den Klarnamen der Informanten von Hydraleaks. Dass den beiden ständig irgendwelche zwielichtige Gestalten auf den Fersen sind, hat allerdings andere Gründe: Licht hat Schulden bei einem moldawischen Kredithai.

"West of Liberty" bringt also alles mit, was ein klassischer Agententhriller braucht: einen skrupellosen Drahtzieher im Hintergrund, einen müden Helden, eine attraktive junge Frau, die beschützt werden muss, außerdem ein Komplott innerhalb des Geheimdienstes. Reizvoll ist zudem der Einfluss der modernen Welt, denn da ist ja noch der Kopf von Hydraleaks, Lucien Gell (Lars Eidinger).

Wotan Wilke Möhring ist genau der richtige Schauspieler für den verbrauchten deutschen Ex-Agenten, und der Engländer Matthew Marsh versieht den CIA-Leiter mit einem sympathischen melancholischen Trotz, der Berner zur tragischen Figur der Geschichte macht. Doch womöglich war Lars Eidinger die beste Besetzungsidee der Verantwortlichen. Er verkörpert Gell als schillernde Gestalt irgendwo zwischen Paranoia und Größenwahn, die ihre ganze Pracht nur vor Publikum entfalten kann. Dieser Mann vegetiert jetzt aber schon seit Monaten im Keller der syrischen Botschaft in Berlin vor sich hin.

Dass es vor allem die Männerfiguren sind, die den Reiz dieser deutsch-schwedischen Koproduktion ausmachen, hat nicht nur mit den Rollenentwürfen zu tun, sondern auch mit den Darstellern: Möhring, Marsh und Eidinger bringen das nötige Charisma mit. Die meisten weiblichen Mitwirkenden bleiben dagegen im Stereotyp ihrer Nebenrollen gefangen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Synchronsprecherin der in Schweden aufgewachsenen gebürtigen Amerikanerin Michelle Meadows nicht immer den richtigen Ton trifft. Auch optisch ist die Synchronisierung nur bedingt gelungen, von den typischen seltsamen Pausen dieser Kunstsprache ganz zu schweigen (in der Mediathek steht die nichtsynchronisierte Version als sechsteilige Miniserie).

Bei dieser internationalen Produktion ist sowohl die Besetzung als auch die Auswahl der kreativen Kräfte international. Die Autorinnen kommen aus Schweden (Sara Heldt) und England (Donna Sharpe), Regie führte die Österreicherin Barbara Eder, die hierzulande besonders durch zwei "Tatort"-Beiträge für den ORF auf sich aufmerksam gemacht hat. Ein bisschen mehr vom Wiener Schmäh, den sie da vorzeigen konnte, hätte auch "West of Liberty" gut getan. Humor findet sich noch am ehesten in der Selbstironie Möhrings, der spürbare Freude daran hatte, einen Mann zu verkörpern, der etwas älter ist als er selbst und bei weitem nicht so gut in Form: "Ich bin zu alt für diesen Scheiß." Anders als die Kinokollegen James Bond oder Jason Bourne braucht Licht ziemlich lange, um sich seiner Widersacher zu entledigen, dabei veranstaltet er aber regelmäßig eine ordentliche Sauerei.

Eder wollte offenbar das Vorurteil entkräften, Action sei Männersache. Allerdings weckt der stakkatoartig geschnittene Prolog inklusive donnernder Musik (Ian Person, Kalle Gustafsson Jerneholm) Erwartungen, die der Zweiteiler trotz gelegentlicher dynamischer Handkamerasequenzen nicht erfüllen kann. Die Musik bleibt zwar auch weiterhin sehr präsent, doch das Tempo lässt merklich nach, und zwischendurch ziehen sich die knapp 200 Minuten auch: weil sich die Handlung in Nebenschauplätzen verliert und die klischeehaften Figuren manchmal nicht nur ärgerlich, sondern sogar lächerlich sind.

Aus epd medien 47/19 vom 22. November 2019

Tilmann Gangloff