Wenig Zwischentöne

VOR-SICHT: "Wenn Frauen ausziehen", Fernsehfilm, Regie: Matthias Tiefenbacher, Buch: Christian Jeltsch, Kamera: Hanno Lentz, Roman Schauerle, Produktion: Akzente Film- & Fernsehproduktion (ZDF, 30.5.19, 20.15-21.45 Uhr)

Von Ferne grüßt Aristophanes: Weil es die Frauen in einem kleinen oberbayerischen Dorf satt haben, ständig nach der Pfeife ihrer Männer zu tanzen, beschließen sie die Totalverweigerung. Eine ganz ähnliche Geschichte hat der griechische Dichter in seiner Komödie "Lysistrata" erzählt: Um endlich den Krieg zwischen Athen und Sparta zu beenden, gehen die Frauen in einen Sexstreik. Moderne Adaptionen des Klassikers lassen es mitunter ganz schön krachen, und leider gilt das auch für die Variante, die Christian Jeltsch für "Wenn Frauen ausziehen" ersonnen hat. Das ist bedauerlich, denn der Stoff hat die Zuspitzung gar nicht nötig.

Autor Jeltsch und Regisseur Matthias Tiefenbacher sind auch die Schöpfer von "Schwarzach 23", doch vom hintergründigen Humor der ZDF-Krimireihe ist dieses deftige Lustspiel weit entfernt. Schon der Schauplatz ist ein Wink mit dem Zaunpfahl: Die Ortschaft heißt Gendering.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Investor wäre bereit, für das malerisch gelegene oberbayerische Dorf 18 Millionen Euro zu bezahlen, um dort einen Wellness-Park zu errichten. Die Frauen sind ganz aus dem Häuschen, weil sie sich nun endlich ihre langgehegten Wünsche erfüllen können, doch dummerweise spielen die Männer nicht mit. Also schließen beide Seiten jeweils einen Pakt: Die einen rufen den Generalstreik aus, die anderen schwören, den Vertrag nicht zu unterschreiben. Aber die listigen Damen kennen natürlich die Schwachstellen ihrer Gegner und bringen einen nach dem anderen dazu, den Schwur zu brechen.

Das hätte als skurrile Heimatkomödie eine schöne Satire über die vielen Facetten des Beziehungslebens werden können. Jeltsch, Autor Dutzender guter Drehbücher und mit den wichtigsten TV-Preisen ausgezeichnet, wäre eigentlich genau der Richtige, um die Figuren diesen Zweikampf der Geschlechter mit feiner Klinge führen zu lassen. Stattdessen prügeln sie mit Knüppeln aufeinander ein. Auch sonst lässt es Regisseur Tiefenbacher eher deftig zugehen.

Allerdings hat die Eindimensionalität vieler Figuren auch wenig Zwischentöne zugelassen. Das gilt vor allem für den Hausdespoten Karl. Der Mann ist eine krachlederne Karikatur und wird von Felix Vörtler derart kräftig über den Rand der Lächerlichkeit hinausgeschubst, dass sich Parallelen zum wahren Leben leicht ignorieren lassen. Seine unterdrückte Frau Diana wird von Marlene Morreis als Herdprämienmutti verkörpert. Ähnlich stereotyp ist ein Esoterikerpärchen (Saskia Vester, Jean-Yves Berteloot), das ausschließlich auf seine Suche nach Erleuchtung reduziert wird.

Im Zentrum des Lustspiels steht Wirtin Paula (Anna Maria Mühe), die einst mit Max (Max von Thun) die Welt bereisen wollte, sich aber seit dem Tod der Mutter um die Wirtschaft und ihren lebensmüden Vater (Friedrich von Thun) kümmern muss. Der alte Alfons ist die tragische Figur der Geschichte. Er wandert bei jedem Gewitter zum Gedenkkreuz für seine Frau, um sich wie sie vom Blitz erschlagen zu lassen. Paula verhindert das regelmäßig, indem sie mit Hilfe von Heliumballons einen mobilen Blitzableiter in den Himmel steigen lässt. Rührende und zudem spektakulär fotografierte Einfälle wie dieser zeigen, dass "Wenn Frauen ausziehen" auch eine anrührende Heimatkomödie im Stil von Marcus H. Rosenmüllers Komödie "Wer früher stirbt, ist länger tot" hätte werden können - was die eine oder andere Derbheit keineswegs ausgeschlossen hätte.

Hier wie dort gibt es einen jungen Erzähler, der bei Jeltsch und Tiefenbacher allerdings bloß eine stumme Nebenfigur ist: Marlon (Nino Bühlau) fungiert mit seinen Fotobotschaften als Chronist des Dorfes, eine sympathische Idee, die aber durch überflüssige Kommentare konterkariert wird ("Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt"). Ungleich wirkungsvoller als die wie SMS-Botschaften ans Publikum eingeblendeten Anmerkungen sind beiläufig inszenierte Momente wie jener, als Jesus am Kreuz einen kurzen Seitenblick zu einem küssenden jungen Paar wirft, oder wenn Tiefenbacher kaum merkliche Übergänge vom Modell des Wellness-Dorfs ("Authentic Bavaria") aufs echte Gendering montiert.

Andere Ideen wirken wie ein Verrat an den Figuren, etwa eine unnötige Slapstickeinlage von Paula, die mit dem Rennrad in den See rast. Als Paula und Max gegen Ende auf dem Weg zum "Golf von Mexiko" (dem Dorfteich) an den "Pyramiden von Gizeh" (ein paar Strohhaufen) vorbeifahren, zeigt sich, was aus dem Film hätte werden können.

Echten Bayern wird nicht verborgen bleiben, dass sich einige der Mitwirkenden am Dialekt versuchen, obwohl sie ganz woanders aufgewachsen sind. Immerhin ist das Mundartimitat von Anna Maria Mühe gut genug, um im Rest der Republik als Bairisch durchzugehen. Hörenswert ist auch die rockige Filmmusik des Duos Andreas Schäfer und Biber Gullatz.

Aus epd medien 21/19 vom 24. Mai 2019

Tilmann Gangloff