Wenig Erkenntnis-Mehrwert

„Wege zur Macht. Deutschlands Entscheidungsjahr“, Dokumentation, Regie und Buch: Stephan Lamby, Kamera: Knut Muhsik, Paul Graneis, Erasmus DeGrande u.a., Produktion: Eco Media (ARD/SWR/RBB/Phoenix, 20.9.21, 20.15-21.30 Uhr)

epd Der Dokumentarfilmer Stephan Lamby, vielfach preisgekrönt, bewegt sich „im Labyrinth der Macht“, wie 2018 sein Protokoll der jüngsten Regierungsbildung überschrieben war, spürbar auf vertrautem Terrain. Wer ihn an sich heranlässt, ist offensichtlich bereit, etwas von sich preiszugeben. Die ohnehin schon vielgefilmten Politiker haben ihm für die Langzeitbeobachtung „Wege zur Macht“ auch noch die Momente zwischen ihren offiziellen Auftritten zur Verfügung gestellt. Diesmal hat Lamby Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz über Monate hinweg begleitet und ist den Protagonisten sehr nahegekommen. Er zeigt die Kandidatin und die beiden Kandidaten fürs Kanzleramt aus ungewöhnlichen Perspektiven und bietet hintergründiges Ergänzungsmaterial zu den gängigen frontalen Nachrichtenbildern.

Das allerdings führt zu der Frage, ob gerade wirklich noch Bedarf an Bonusmaterial besteht. Nach drei TV-Triellen, unzähligen „Wahlarenen“, „Klartext“-, „Am Tisch mit …“- oder Kinder-Interview-Formaten samt Talkshow-Begleitung dürfte bei einem Großteil des Publikums ein gewisser Übersättigungsgrad erreicht sein. Zumal der Wahlkampf ja noch in vollem Gange ist und, befeuert von immer neuen Umfragen, täglich neue Wendungen nimmt.

Von Dezember 2020, als die CDU noch einen Vorsitzenden suchte, bis Anfang September 2021, als Angela Merkel ihre Zurückhaltung aufgab und im Bundestag für Armin Laschet als ihren Nachfolger warb, dokumentiert Lamby den Lauf der Ereignisse. Wie sich Laschet zunächst gegen seine parteiinternen Konkurrenten Friedrich Merz und Norbert Röttgen durchsetzte und dann in einem zehntägigen Machtkampf um die Kanzlerkandidatur gegen den CSU-Vorsitzenden Markus Söder. Wie die Grünen schon ihr Kampagnenmotto suchten, bevor sie wussten, ob Annalena Baerbock oder Robert Habeck für sie antreten würde. Wie SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil einräumen musste, dass man „mit 14, 15, 16 Prozent keine Bundestagswahl gewinnt“. Wie die Corona-Krise und schließlich die Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz Einfluss auf die Wahlkampfgestaltung nahmen.

Diese großen Nachrichten-Lagen arbeitet Lamby mehrfach in Form von atemlosen Audioschnipsel-Collagen ein, was den Eindruck von Dichtheit und Tempo verstärkt. Aber das (Ausstrahlungs-)Timing dieses 75-Minüters wirkt trotzdem nicht glücklich: Die Geschehnisse sind einerseits noch nicht so lange her, dass sie dem Zuschauer in Erinnerung gerufen werden müssten, andererseits ist der Erkenntnis-Mehrwert, den „Wege zur Macht“ liefert, nicht so hoch, dass er eine völlig neue Sicht auf die Dinge bewirkt. Muss Laschets Lachen von Erftstadt noch einmal gezeigt werden? Sagt es etwas Neues über seinen Charakter aus, dass er vorgibt, keine Ahnung zu haben, warum Markus Söder schließlich doch zurückzog? Schärft es das Bild von ihm, wenn die Kamera bei einer kämpferischen Rede auf seine fuchtelnden Hände und wippenden Füße zoomt?

Geradezu absurd erscheint der Regieeinfall, zwischendurch den Pianisten Igor Levit über die Einsamkeit des auftrittslosen Künstlers sowie die Halt gebende Kraft der Töne dozieren zu lassen und ihn auch gleich für Teile der Musikuntermalung zu verpflichten. Eine Querdenkerin aus Hamburg darf ebenfalls ihre Weltsicht darlegen, zur Einordnung der politischen und pandemischen Zusammenhänge werden die talkshowbekannten Expertinnen Melanie Amann („Der Spiegel“) und Melanie Brinkmann (Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung) hinzugezogen.

Die Wahl des CDU-Vorsitzenden wird auf dem Boot des „Medien-Start-ups 'The Pioneer‘“ verfolgt, wo „alle ganz aufgeregt sind“, wie der Offkommentar informiert. Und der Versuchung, sich selbst ins Bild zu setzen, konnte Autor Lamby auch nicht widerstehen: Bei Interviews ist er zuweilen in der Rolle des harten Nachfragers zu sehen.

Natürlich mag es interessant sein zu erfahren, dass sich der Grünen-Slogan „Bereit, weil Ihr es seid“ im Pitch gegen „Wir machen das jetzt“ durchgesetzt hat. Natürlich sagt die glaubhafte Einschätzung Lars Klingbeils, man könne „in Berlin Gefahr laufen, kaputtberaten zu werden“, einiges über den hauptstädtischen Politikbetrieb aus. Solchen hübschen Details aber steht allzu oft eine dramatisierende Darstellung von Ereignissen gegenüber, die schon in Echtzeit vollumfänglich rezipierbar waren - wenn etwa zu dräuenden Klängen Tweets zum Hashtag #LaschetvsSöder übereinandergeblendet werden, die in der entscheidenden nächtlichen CDU-Vorstandssitzung ihren Weg in die Öffentlichkeit fanden. Am Ende dürfen die drei Protagonisten noch einmal aussprechen, dass sie wirklich Kanzler(in) werden wollen. Gut, dass am Sonntag Wahl ist.

Aus epd medien 38/21 vom 24. September 2021

Peter Luley