Weiterleben

VOR-SICHT: „Liberame - Nach dem Sturm“, sechsteilige Dramaserie, Regie: Adolfo J. Kolmerer, Buch: Astrid Ströher, Marco Wiersch, Kamera: Christian Huck, Produktion: Bantry Bay Productions (ZDF, ab 30.7.22 in der Mediathek, ab 29.8. im TV)

epd Der erste Knalleffekt ist eine Finte: Als in der Eröffnungssequenz des ZDF-Sechsteilers „Liberame - Nach dem Sturm“ ein Mitglied einer Segelcrew auf offenem Meer versehentlich einen Kollegen mit einer Harpune anschießt, färbt sich zwar das Wasser blutrot, der Streifschuss bleibt aber ohne schwere Folgen. Der zweite Knalleffekt, das Reißen eines Schiffstaus, ist dagegen das zentrale Motiv des Vorspanns und eine Schlüsselszene der Serie: Besagte Segelcrew, fünf Männer und Frauen aus Deutschland, trifft im Mittelmeer auf ein havariertes Flüchtlingsboot, will helfen und es abschleppen - aber offenbar geht etwas schief. Wurde das zerborstene Seil womöglich manipuliert?

Mit dieser diffusen Andeutung zu dem einige Jahre zurückliegenden Geschehen lassen es die Drehbuchautoren Astrid Ströher und Marco Wiersch in ihrer Adaption der australischen Vorlage „Safe Harbour“ zunächst einmal bewenden und blenden ins Hamburg der Gegenwart. Dort trifft der als Taxifahrer arbeitende Syrer Ismail Sabia (Mohamed Achour), einer der Flüchtlinge von einst, auf den Hobby-Skipper Jan Garbe (Friedrich Mücke), der in Harburg eine kleine Familienwerft betreibt und gerade vergeblich versucht, seine Jacht „Liberame“ zu verkaufen. Wie viel Zufall bei dem Wiedersehen im Spiel war oder auf welche Weise Ismail den „almani“ ausspioniert hat, lassen Ströher und Wiersch ebenfalls nonchalant offen. „Ich hab ihn gefunden“, informiert Ismail nur knapp seinen Bruder.

In einem Mix aus Rückblenden und Gegenwartshandlung werden nun die weiteren Beteiligten der fehlgeschlagenen Rettungsaktion eingeführt. Auf deutscher Seite sind das Jans Frau Caro (Johanna Wokalek) und seine Schwester Fiona (Natalia Belitski), die beide im Büro der Werft arbeiten, sowie Fionas damaliger Partner Daniel (Marc Benjamin) und die befreundete Anwältin Helene (Ina Weisse). Auf syrischer Seite stehen Ismails Frau Zahra (Kenda Hmeidan), der gemeinsame Sohn Said (Shadi Eck) und Ismails Bruder Bilal (Tariq Al-Saies).

Nach einigem Rumgedruckse zwischen Jan und Ismail finden sich alle bis auf den im Ausland weilenden Daniel am Ende der ersten Episode zum Brunch bei den Garbes ein. Der wohltemperierte Smalltalk trägt indes nicht lange: „Sieben Menschen sind damals ertrunken“, platzt es irgendwann aus Zahra heraus, die selbst mit ihrem Mann Tochter Yasmin verloren hat. „Und Sie tun so, als sei das hier ein Treffen unter guten Freunden. Sie haben unsere Tochter getötet. Ihr habt sie getötet.“

Damit steht die Anklage im Raum, die die Sabias wenig später in Form einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung mit Todesfolge auch offiziell machen, und die Schuld-und-Sühne-Frage muss geklärt werden. Als die Kripo die Ermittlungen aufnimmt, ist längst klar, dass hier das Verhalten überforderter normal-sterblicher Nichthelden diskutiert wird. Überzeugend etablieren Regisseur Adolfo J. Kolmerer („Sløborn“) und sein Kameramann Christian Huck eine Atmosphäre permanenter Beklemmung, des Getriebenseins auf beiden Seiten. Jan und Caro müssen sich gegenseitig Affären beichten, zudem stellt ihre pubertierende Tochter Elly (Mina-Giselle Rüffer), der sie die Ereignisse verheimlicht hatten, unbequeme Fragen.

Bei den Sabias wiederum herrscht Uneinigkeit über den Umgang mit der Vergangenheit, und Ärztin Zahra, die hart an ihrem beruflichen Fortkommen arbeitet, scheut sich, ihrem Mann zu erzählen, dass sie wieder schwanger ist. Der titelgebende Wunsch nach Erlösung und Befreiung, das „Libera me“, gilt hier durchaus für alle.

Zu den Stärken der Serie gehört die differenzierte Schilderung der migrantischen Lebenswelten. Neben den Sabias, die sich schon mal untertitelt in ihrer Muttersprache unterhalten, gibt es da auch den nigerianischen Bootsflüchtling Akono (Emmanuel Ajayi), der sich als Fußballtrainer engagiert und gleichwohl von Abschiebung bedroht ist. Bilal, ein von Folternarben gezeichneter Ex-Soldat, findet Solidarität und eine Anstellung bei einer polnischen Cafébetreiberin. In der vielleicht schönsten Szene bittet ihn seine Arbeitgeberin, ihr noch etwas auf Arabisch zu erzählen, weil sie die ihr unbekannte Sprache so „melodisch“ findet - woraufhin Bilal ihr mit solcher Intensität von seinem Schicksal berichtet, dass es beinahe wirklich ohne Übersetzung verstehbar ist.

Leicht ermüdend gestalten sich dagegen die „Whodunit“-Ermittlungen der Story. Einerseits fügen die Rückblenden dem Geschehen immer mehr Puzzleteile hinzu: Aha, die abgesetzten Notrufe der „Liberame“ wurden von der Küstenwache ignoriert! Ach so, die Segelcrew hatte eine geheime Abstimmung für oder gegen das Abschleppen durchgeführt, die nur knapp drei zu zwei dafür ausfiel! Schau an, Kapitän Jan hatte wegen eines aufziehenden Sturms einen Richtungswechsel gen Libyen verfügt, der den Flüchtlingen nicht gefiel! Andererseits bemühen sich die Autoren erkennbar, alle Kandidaten für das immer wahrscheinlichere Seilkappen möglichst lange im Spiel zu halten. War es die alkoholkranke Anwältin Helene, die während ihrer Nachtwache eingeschlafen war? Oder die schnippische Fiona, die insgesamt wenig Empathie für die Flüchtlinge an den Tag legt? Oder doch der in Folge drei zurückgekehrte Tunichtgut Daniel, immerhin der Verursacher des Harpunenunfalls?

Die Antwort erscheint am Ende so willkürlich, dass es nicht abwegig gewesen wäre, wie in der Ferdinand-von-Schirach-Verfilmung „Terror - Ihr Urteil“ das Publikum darüber abstimmen zu lassen. Als Studie über das Weiterleben mit einem Trauma hat „Liberame“ dagegen durchaus Qualitäten.

Aus epd medien 30/22 vom 29. Juli 2022

Peter Luley