Weichgespült

VOR-SICHT:„Wendehammer“, sechsteilige Serie, Regie: Esther Amrami (1-3), Sinan Akkus (4-6), Buch: Alexandra Maxeiner, Kamera: Matan Radin (1-3), Jesse Mazuch (4-6), Produktion: Moovie (ZDF, 12., 19. und 26.5.22, je zwei Folgen 20.15-21.45 Uhr und in der ZDF-Mediathek)

epd Bei Betrachtung von oben kommen in dieser Serie voller Geheimnisse und Lügen erste Zweifel: Die Drohnenaufnahmen, die die Nachbarschaft der fünf Hauptfiguren abbilden wie ein allwissendes Auge, zeigen gar keinen Wendehammer. Wer hier, am Ende der Straße, vor den Pollern und dem gemauerten Gebäude dahinter tatsächlich wenden will, könnte das höchstens mit Meikes Lastenfahrrad schaffen. Der Postbote, der gleich in der ersten Folge in Nadines Schlafzimmer fast erstickt, käme auch noch durch. Alle anderen müssten wohl rückwärts fahren. In Wahrheit handelt es sich hier nämlich um eine Sackgasse, und wenn man das symbolisch nimmt - wie es auch der Titel nahelegt - dann haben die vier Schulfreundinnen und die eine Zugezogene, die so gern dazugehören würde, mit ihrer bürgerlichen Vorstadtsiedlung, ihren Männern und Problemen eher das Nietenlos gezogen.

Die Frauen um die 40, um die es hier geht, schätzen ihr nahes Zusammenwohnen, das etwas von dauerhaft verlängerter Klassenfahrt hat, über die Maßen. So unterschiedlich die Persönlichkeiten und Erwartungen an das Leben sind, so fest vertrauen Meike Nowak (Meike Droste), Nadine Jacobi (Friederike Linke), Franziska Schöller (Susan Hoecke) und Samira Torabi (Elmira Rafizadeh) auf ihre langjährige Freundschaft. Beneidenswert, findet Julia Arnim (Alice Dwyer), die Zugezogene. Nicht wissend, dass die vier mehr gemeinsam haben als Posiealbenerinnerungen an die Schulzeit. Auf dem Grund des nahe gelegenen Badesees liegt ein gut erhaltenes Skelett, das eine Kette mit Franziskas eingraviertem Namen noch immer fest in der Knochenhand hält.

Trixi, Meikes Border Collie, verbuddelt irgendwann einen Knochen im Garten, der im Verdacht steht, aus dem See zu stammen. Dessen Pegelstand sinkt, seit Bauunternehmer Steinert (Heikko Deutschmann), unterstützt vom Bürgermeister (Aykut Kayacik), aus dem nahe gelegenen Minigolfplatz ein Golfressort machen will und das ganze Gelände umgestaltet. Das corpus delicti muss weg, so viel steht fest, wenn nicht herauskommen soll, was vor 20 Jahren, direkt nach dem Abi, am See geschah. Suboptimal ist auch, dass Mona (Nele Trebs), eine eifrige Volontärin in der Lokalredaktion, beginnt, in alten Schuljahrbüchern zu stöbern, und auf kompromittierende Fotos stößt. Allerdings hat auch Mona ein Geheimnis, und zwar kein kleines.

Sechs Folgen lang schaukeln Meike, Nadine, Franziska, Samira und Julia ihren Alltag mit ihren Männern (Max von Pufendorf, Marc Ben Puch, Aram Tafreshian und andere), Kindern, Berufen, sechs Folgen lang nähert sich Julia der Gruppe an, und sechs Folgen lang werden Tag für Tag Pläne geschmiedet, um das Skelett im See zu beseitigen, die wiederum scheitern. Die Themen und Probleme, die Autorin Alexandra Maxeiner ihren Protagonistinnen ins Haushaltsbuch schreibt, sind aktuell. Meike, vor deren geistigem Auge sich ständig Katastrophenszenarien abspielen, sucht verzweifelt einen Kitaplatz, um im Reisebüro zum Familieneinkommen beitragen zu können.

Franziska scheint zwar nicht bis zum Hals mit Hypothekenzinsen belastet wie Meike, aber in neurotischem Perfektionszwang gefangen. Einst hoch begabte Jurastudentin, nun Hausfrau und Vollzeitmutter, schreibt sie ihrem Mann, der lieber auf dem Tennisplatz soziale Kontakte pflegt, die Anwalts-Schriftsätze ins Reine und bügelt seine Rechtspatzer aus. Als sie ihr Studium wieder aufnimmt, bekommt sie zur neuen Freiheit des Intellekts bald noch einen heftigen Kommilitonen-Flirt dazu. Sowie Erpresserbriefe.

Nadines Mann kocht beruflich auf Schiffsfernreise, sie tröstet sich mit schöner Regelmäßigkeit unter anderem mit dem katzenallergischen Postboten, wird mit einer ungeheuren Steuerschuld konfrontiert und macht in einem Schließfach eine Entdeckung, die ihre Zukunftspläne über den Haufen wirft.

Samira bewirbt sich um die Stelle der Leitenden Oberärztin, ihr Freund, der mehr auf Vater-Mutter-Kind als auf Karriere steht, sucht das Weite. Julia schließlich, netter Freund, ein Kleinkind, tolles Leben, versucht, vor ihrer Professorenfamilie zu verbergen, dass von der angeblich fertigen Dissertation gerade mal ein Quellenverzeichnis steht. Und dass ihr der Sinn mehr nach handfester Projektarbeit steht als nach akademischen Titeln.

Wer sich bei „Wendehammer“ an Serien wie „Desperate Housewives“ oder „Vorstadtweiber“ erinnert fühlt, liegt nicht falsch. Komödie und Spannung ergänzen sich gut, das Tempo stimmt, und einige slapstickhafte Szenen wie das verunglückte Interview mit Bürgermeisterkandidatin Meike in ihrem Garten sind ansehnlich witzig. Insgesamt zielt die Tonalität von „Wendehammer“ mehr auf Beste-Freundinnen-Serie als auf Groteske, Gesellschaftssatire oder schwarzhumorige Boshaftigkeit. Hier wurde etwas viel Weichspüler hineingegeben.

Das Beste ist die schauspielerische Darstellung der Hauptfiguren. Meike Droste als etwas verpeilte Katastrophenvergegenwärtigerin mit sozialem Anliegen, das später zur Kandidatur als Bürgermeisterin führt, oder Susan Hoecke als oberpusselige Vorzeigefrau, die selbst beim heimlichen Date erst einmal das getrocknete Kerzenwachs vom Tisch knibbelt, sowie ihre Vorstadtfreundinnen sind das Salz in der Suppe, der man doch mehr Schärfe und weniger Affirmation der Lebensumstände gewünscht hätte. „Wendehammer“ endet mit einem Cliffhanger, der auf eine zweite Staffel hoffen lässt. Die könnte gern entlarvender und böser sein.

Aus epd medien 18/22 vom 6. Mai 2022

Heike Hupertz