Wahnwitzige Wendungen

VOR-SICHT: "Das Gesetz sind wir", Krimikomödie, Regie: Markus Imboden, Buch: Holger Karsten Schmidt, Kamera: Michael Wiesweg, Produktion: Kordes & Kordes (ZDF, 25.3.20, 20.15-21.45 Uhr)

Sisyphos, so heißt es, solle man sich als glücklichen Menschen vorstellen, aber auf diese beiden Alltagshelden der Vergeblichkeit trifft das wohl kaum zu. Klaus Burck (Aljoscha Stadelmann) und Maja Witt (Julia Koschitz) sind Streifenpolizisten in Bremen, drehen Schicht für Schicht ihre Runden, offenbar seit Jahren.

Die Polizei, dein Freund und Helfer? Eher so: Die Polizei, dein Dienstleister und Fußabtreter. Verhaftete Drogendealer stehen am nächsten Tag mit ihrer Ware gleich wieder an derselben Stelle ("fester Wohnsitz"). Während es die arabischen Clankriminellen krachen lassen, kann Burck der Pflegerin des dementen Vaters Horst (sein Vater: Heiner Stadelmann) von seinen knapp 3.500 Euro brutto kein angemessenes Salär zahlen. Witt beredet alles mit ihrer Hündin Penny. Runde um Runde, Scheinbagatelle um Scheinbagatelle, Respektlosigkeit für Respektlosigkeit nimmt der Frust der beiden Ordnungshüter zu. Bis sie vier junge Männer dabei erwischen, wie sie einen Obdachlosen "for fun" anzünden wollen.

Ahmed Issa (Rauand Taleb, der gerade auch als schwuler Sidekick von Alina Levshin in "Dunkelstadt" wandelbares Talent zeigt) provoziert Burck so lange, bis bei dem sanftmütigen Polizisten die Sicherung durchbrennt. Faustschlag, Kieferbruch, Verhaftung. Kompliziert wird die Sache dadurch, dass Issa der jüngste Sohn der stadtregierenden Unterweltgröße Djamal (Merab Ninidze) ist. Zu Kreuzekriechen ist das mindeste, was die wahren, verkehrten Bremer Verhältnisse wieder herstellen würde. Dem Dienststellenleiter (Werner Wölbern) schwant Arges. Polizeiliches Wegducken scheint das Gebot der Stunde.

Niemand aber wird radikaler und findiger als der Idealist aus Notwehr. Oder die zur Schlauheit gezwungene "last woman standing", die nichts mehr zu verlieren hat.

Dass das ZDF "Das Gesetz sind wir" von Holger Karsten Schmidt (Buch) und Markus Imboden (Regie) als "Krimikomödie" bezeichnet, ist einigermaßen erstaunlich. Dieser Film ist nicht lustig, sondern eigentlich tiefernst - das gilt hier für fast jede Szene. "Das Gesetz sind wir" ist weniger witzig als jeder Finn-Zehender-Krimi und jede "Harter Brocken"-Folge, die ebenfalls aus der Feder von Holger Karsten Schmidt stammen. Polizisten, die als Beamte im Dienst aus Gerechtigkeitsnot vorsätzlich das Gesetz brechen, sind eigentlich ein "No Go" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Die Rubrizierung "Komödie" dient wahrscheinlich als Entlastungsargument: Alles nicht so schlimm gemeint. Das Harmlosigkeitsbegehren entpuppt sich aber, wie in vielen Arbeiten von Holger Karsten Schmidt, als Finte. Dieser Film ist eine hochmoralische Angelegenheit - ex negativo. "Das Gesetz sind wir" hat ethische Chuzpe - wie der klassische Western, der an die Stelle der korrupten Ordnung das unparteiische Gesetz wieder einsetzen will.

Was als Westerngroteske in "13 Uhr mittags" mit Jörg Schüttauf noch nicht wirklich gelang und in den "Harter Brocken"-Krimis schon viel besser funktioniert, wird in "Das Gesetz sind wir" eingelöst: Die Wiederherstellung der "richtigen" Machtverhältnisse mit List, Tücke und wahnwitzigen Wendungen, mittels eines herausragenden Buchs und genauester Inszenierung, großartigen (Schelmen-)Figuren und den überzeugend aufspielenden Darstellern Julia Koschitz und Aljoscha Stadelmann. Das ist keine Komödie, sondern realitätsextrapolierende Satire von der ätzenden und strafenden Art, wie sie ein Jonathan Swift geschrieben hat.

Eigentlich sind Witt und Burck keine Überzeugungstäter, geschweige denn Störenfriede. Luftgitarre spielen und Gassi gehen, Käsebrötchen in der Sonne, Bier und Gemüsesticks in guter Gesellschaft, so kann man sich ihren gelungenen Tag vorstellen - und so sieht man ihn hier, zu Tom Waits "Downtown Train". Pech, dass Clanchef Issa mit seinem Winkeladvokaten (Marc Hosemann) und guten Verbindungen ins LKA anrückt. Gut, dass die Polizisten ihre Pappenheimer kennen und zur Verteidigung des Rechts vor dem Unterschieben von Drogen und anderen Gesetzesbrüchen nicht zurückschrecken.

Der Kampf ist eröffnet. Falsche Zeugen, eine hilflose Richterin, die LKA-Mitarbeiter Julia Krohn (Bernadette Heerwagen) und Jan Bender (Michael Wittenborn), der blutige Überfall auf Horst und seine Pflegerin und die Entführung von Witts Hund spielen hier ebenso eine Rolle wie eine Giftschlangenmelkmaschine und ein vom Verfassungsschutz beeindruckter Fuhrparkverwalter. Koschitz und Stadelmann hat Schmidt Sätze ins Drehbuch geschrieben, die in ihrer Verknappung oft aphoristische Qualität haben.

Beim "Deutschen Fernsehkrimi-Festival" ist der Film Anfang des Monats mit dem Deutschen Fernsehkrimipreis ausgezeichnet worden (epd 11/20). Neben Aljoscha Stadelmann und Julia Koschitz spielt auch Heiner Stadelmann groß auf. Eine würdigere, schwarzhumorigere und schmerzfreiere Darstellung eines dementen Mannes als seine Interpretation der Figur Horst ist schwer vorstellbar. Für Heiner Stadelmann gab es beim Krimifestival dafür den Preis als bester Darsteller.

Aus epd medien 12/20 vom 20. März 2020

Heike Hupertz