Wackliges Gleichgewicht

VOR-SICHT: "Balanceakt", Fernsehfilm, Regie: Vivian Naefe, Buch: Agnes Pluch, Kamera: Christine A. Maier, Produktion: Mona Film, Tivoli Film (ZDF/ORF, 26.8.19, 20.15-21.45 Uhr)

Sie behält es für sich - den doppelten Sinn dieses Satzes kann man für eine List der sprachlichen Vernunft halten. Aber eigentlich geht es in Vivian Naefes Film "Balanceakt" weniger tiefgründend, sondern sinnlich-konkret und bildlich zu. Als Marie (Julia Koschitz) nach einem Beinahe-Unfall ihres Sohnes zum Neurologen geht, sieht sie die MRT-Scans mit den Entzündungsherden in ihrem Gehirn an wie eine ferne Galaxie. Sie hat nicht vor, sich ihr fast perfektes Leben durch die Diagnose "Multiple Sklerose" verderben zu lassen. Sie hat einen Beruf mit viel Eigenverantwortung, der den Familienunterhalt sichert, mit dem Komponisten Axel (David Rott) einen wunderbaren Lebenspartner und einen Sohn, Luis (Jeremy Miliker), der wie die Summe der Lebensbejahung seiner Eltern wirkt. Eine Krankheit wie MS würde der relativen Unbeschwertheit dieser Umstände ein Ende setzen. Wenn sie bekannt würde, sich in den Vordergrund drängte.

Also entscheidet sich Marie zunächst für das Verschweigen. Sie behält es für sich - und behält damit nicht nur die Verantwortung für, sondern auch die Kontrolle über ihr eigenes Leben. Scheinbar, denn Sehstörungen und Lähmungserscheinungen der Gliedmaßen werden bald auffällig. Immer neue Lügen zeitigen immer auffälligere Vertuschungsversuche, immer mehr persönlicher Druck entsteht.

Bis die Hauptauftraggeberin der freien Architektin misstrauisch wird und Alex Maries Reaktionen nicht mehr begreift. Da sagt sie es. Ist das die erste Niederlage im Kampf gegen die unheilbare Krankheit? Auf das Leugnen folgt die Galgenhumor-Tapferkeit. "Könnte viel schlimmer sein", etwa ein Gehirntumor oder Krebs. Oder "die Pest". "Also Glück gehabt", meinen Marie und Alex. Der Sex nach diesen Worten scheint berauschend. Schafft man das mit Nähe?

Das Drehbuch von Agnes Pluch bemüht sich nicht nur in dieser intimen Szene, sondern immer wieder auch um einen leichten Ton. Otto (Peter Lerchbaumer), Maries Vater, hat beim sonntäglichen Mittagessen mit Familienanschluss trotz des ambitionierten Kochkurses das Gericht versemmelt. Die jüngere, abenteuerlustige Schwester Kerstin (Franziska Weisz) bringt einen so wenig zu ihr passenden Finanzberater als neue große Liebe in den trauten Kreis mit, dass das Lachhaftigkeitslevel von Paarbeziehungen mit unsterblichen Gefühlen sofort sprunghaft ansteigt. Axel leidet so nachvollziehbar in seinem neuen Brotberuf als Klavierlehrer gänzlich unbegabter Klimperschüler, dass es eine Freude ist.

Nach dem Genuss von Haschkeksen explodiert die gute Laune förmlich. Es ist in der Tat ein "Balanceakt", einen Film über die schmerzhafte Annäherung einer Frau "mitten im Leben", die "alles im Griff" haben zu müssen glaubt, nicht ins rührselige "Schicksal-als-Chance"-Klischee abgleiten zu lassen.

Das gelingt Regie, Buch und Kamera, aber es gelingt vor allem Julia Koschitz. Wenn sie anfangs beim Neurologen mit dem rechten Zeigefinger die Nasenspitze trotz mit selbstbewusster Zuversicht ausgeführter Bewegung verfehlt; wenn die nach einem MS-Schub verkrampfte Hand den Architektenzeichenstift nicht mehr halten kann, es aber dank Cortison und Interferon-Therapie später unter glückseligem, kleinem Lächeln wieder gelingt; wenn Marie ihren neuen Begleiter, die Angst, verflucht und sich später mit ihrer Schwester Kerstin, der lebenslangen Rivalin, ein ausgelassenes Humpelrennen im Park liefert, sieht man Koschitzs sorgsame Detailvorbereitung und ihr überlegtes, gleichwohl unmittelbar berührendes Spiel in jeder Szene.

Koschitz und auch Weisz bilden den Mittelpunkt des Films "Balanceakt", der eben auch eine Familienaufstellung ist. Hergebrachte Rollenzuschreibungen und Kindheitsmuster müssen angesichts schwerer Krankheit nicht zuletzt von den Eltern - neben Lerchbaumer verkörpert Ulli Maier die Mutter Edith - infrage gestellt werden. Die "starke" und die "ausgeflippte" Tochter, das war einmal. Lerchbaumer hat hier zunächst die Rolle des Verweigerers, die Mutter packt praktisch an und schwingt den Staubsauger für die Tochter, die mitten am Tag geschwächt im Bett liegt. Das ist deutlich verteilt, wirkt aber nicht plakativ.

Ernste Momente gibt es bei diesem Thema gleichwohl viele. Entfremdungserfahrungen mit Axel, den David Rott ebenfalls einfühlsam, aber als wahrhaftigen Liebesheld ohne substanzielle Anfechtungen geben muss, da "Balanceakt" eben auch ein Film über die Kraft der Liebe sein soll. Einsichtsmomente, als Marie mit Schwester Kerstin, die sie gerade mit einem Rollstuhl überrascht hat ("ich hasse Überraschungen"), im Planetarium in die Unendlichkeit des Alls schaut. Gestritten wird schließlich auch viel in diesem Film. Naefe, das wird im Pressematerial betont, hat im Alter von acht Jahren ihre an Multipler Sklerose erkrankte Mutter verloren, sie setzt damit auch ein Zeichen.

Geredet muss werden in diesem Fall, in dem durch Schweigen nichts gewonnen ist. Erkrankt ein Familienmitglied schwer, verändern sich alle wesentlichen Beziehungen im Umfeld. Fragen der Autonomie und Zugehörigkeiten müssen neu verhandelt werden. Übergriffigkeit, so erfährt es Marie hier, ersetzt plötzlich umstandslos das frühere Alles-Zutrauen. Zutrauen und Zumutung, darum geht es letztlich auch in dem Frauenfilm "Balanceakt". Ob so eine moderne Alleinernäherin mit wundervoll harmonischem Leben und Partner ohne jeglichen Selbstzweifel, wie sie zum Zweck der Fallhöhe eingangs porträtiert wird, wirklich existieren kann, ist da eher unwichtig. Naefes in vielem realistisch wirkender Film lebt auch vom Wunschdenken. Aber nicht allein. Und bringt zum Nachdenken über den Umgang mit Krankheit und unser von Natur aus wackliges Lebensgleichgewicht. MS wird hier zum Familienmitglied. Friede, Freude, Eierkuchen zeigt "Balanceakt" dennoch nicht. Das macht den Film wichtig und bemerkenswert.

Aus epd medien 34/19 vom 23. August 2019

Heike Hupertz