Von wegen "Stunde Null"

VOR-SICHT: „Bonn - Alte Freunde, neue Feinde“, sechsteilige Dramaserie, Regie: Claudia Garde, Buch: Claudia Garde, Martin Rehbock, Peter Furrer nach einer Idee von Gerrit Hermans, Kamera: Andreas Köhler, Produktion: Odeon Fiction (ARD/WDR, 17., 18. und 24.1.23, jeweils in Doppelfolgen 20.15-21.45 Uhr; seit 11.1.23 in der ARD-Mediathek)

epd Als die 20-jährige Unternehmertochter Toni Schmidt (Mercedes Müller) nach ihrer Au-pair-Zeit in London 1954 wieder ins heimatliche Bonn kommt, ist die Freude groß: bei Vater Gerd (Juergen Maurer), Mutter Else (Katharina Marie Schubert), ihrer jüngeren Schwester Ingrid (Luise von Finckh) und bei ihrem Verlobten Hartmut (Julius Feldmeier). Doch es dauert nicht lange, bis der junge Mann einsehen muss, dass der Auslandsaufenthalt Toni verändert hat. Statt in seinem Elektrofachhandel das Büro zu übernehmen oder Kunden Fernseher zu verkaufen, möchte sie lieber ihre frisch erworbenen Englischkenntnisse einsetzen. Ihr Vater verschafft ihr einen Termin bei seinem Freund Reinhard Gehlen (Martin Wuttke), der gerade dabei ist, einen Auslandsnachrichtendienst aufzubauen. Toni fängt bei ihm als Fremdsprachensekretärin an.

Einmal mehr die bundesrepublikanischen 1950er Jahre also, wie sie schon die ZDF-Tanzschulsaga „Ku’damm ’56“ (ab 2016) aufgeblättert hat? Mal wieder die Geschichte eines weiblichen Aufbruchs und Ausbruchs aus alten Rollenbildern, wie in „Teufelsbraten“ (2007)? Eine Wirtschaftswundersaga à la „Unsere wunderbaren Jahre“ (2020), die demnächst in die Fortsetzung geht? Tatsächlich ist der Sechsteiler „Bonn - Alte Freunde, neue Feinde“, der im linearen Fernsehen in Doppelfolgen wie drei 90-Minüter daherkommt, ein typisches öffentlich-rechtliches period piece, das vor historischem Hintergrund Familien- und Liebesdramen entfaltet, proper ausstaffiert ist und selbstverständlich von Dokumentationen flankiert wird.

Dass die Serie dennoch das Anschauen lohnt, liegt daran, dass sie ihren historischen Hintergrund nicht nur als Folie nutzt, sondern sich mit Verve einem weniger bekannten Kapitel widmet: dem Aufbau des Bundesnachrichtendienstes in Pullach und damit verbunden der Kontinuität alter Nazi-Seilschaften in der jungen BRD. Von wegen „Stunde Null“: Wie einst die verdienstvolle Dokuserie „Hitlers Eliten nach 1945“ arbeitet Headautorin und Regisseurin Claudia Garde heraus, dass es nach Kriegsende nicht den viel beschworenen radikalen Bruch gab, sondern dass der Bedarf an Fachkräften beim Aufbau des neuen Staates dazu führte, dass auf Leute zurückgegriffen wurde, die ihr Handwerk schon in der Nazizeit beherrschten.

Mit jenem Reinhard Gehlen, bei dem Toni anheuert, hat Garde an zentraler Stelle eine Person der Zeitgeschichte in die Fiktion eingebaut - ebenso wie mit seinem Gegenspieler, dem Verfassungsschutzpräsidenten Otto John (Sebastian Blomberg), den Toni mitsamt seiner jüdischen Frau Lucie (Inga Busch) bereits auf einer Silvesterparty in London kennengelernt hat. Während Gehlen, Ex-Chef der Wehrmachtsabteilung „Fremde Heere Ost“, neben dem Aufbau seiner Organisation damit beschäftigt ist, gesuchten Altnazis zur Flucht zu verhelfen, kämpft der Jurist John, der zum Widerstandskreis der Männer vom 20. Juli 1944 gehörte, für das genaue Gegenteil: die Ergreifung und Verurteilung der Täter.

In dieses Spannungsfeld gerät nun Toni, als sie durch ihre Arbeit nicht nur von einem nationalistischen Geheimbund namens Scipio und von illegalen Waffentransporten erfährt, sondern auch Erschreckendes über die eigene Familie herausfindet: Ihr Vater, ein Baustoffhändler, der zunächst wie ein zeittypischer Patriarch wirkt, erweist sich als Nazi-Kollaborateur mit dunklen Geheimnissen, der eine üble Rolle beim Tod ihres nicht aus dem Krieg zurückgekehrten Bruders gespielt hat. Zudem hat John einen Romeo-Agenten auf Toni angesetzt, den Nazijäger Wolfgang Berns (Max Riemelt). Der hat zwar selbst eine SS-Vergangenheit und ist traumatisiert, kämpft nun aber auf der guten Seite und trägt dazu bei, dass Toni beginnt, für John zu spionieren.

Eine junge Frau zwischen mehreren sich belauernden Männern: Mercedes Müller, die bereits in „Oktoberfest 1900“ eine rebellische Tochter verkörperte, meistert diese Rolle souverän. Überzeugend strahlt sie die Wissbegierde ihrer Figur aus, gepaart mit Selbstbewusstsein und Sex-Appeal: Wenn es der Sache dient, begleitet Fräulein Schmidt ihren Vater schon mal schulterfrei zum Ministerball. Müller steht an der Spitze eines durchweg exzellenten Casts, der eindrückliche Szenen erschafft: etwa wenn Tonis Verlobter sie im Borgward mit verbundenen Augen zu einem Bauplatz kutschiert, auf dem er ihre gemeinsame Zukunft sieht - während sie sich ein naives Glück längst nicht mehr vorstellen kann. Oder wenn Mutter Else schon drauf und dran ist, mit ihrer jüdischen Jugendliebe Noah in einen Kibbuz zu ziehen, und dann doch dableibt, weil sie nicht aus ihrer Haut kann.

Bei aller fiktionalen Dramatik hat die historisch-politische Plotlinie dann eine fast ernüchternde Wirkung: Als Otto John am Ende nach vielen Fehlschlägen ein Erfolg gegen Scipio und Gehlen gelungen zu sein scheint und er voller Stolz zu einer Sitzung nach Berlin reist, muss er erkennen, dass seine Recherchen weder bei den West-Alliierten noch bei der Adenauer-Regierung erwünscht sind. Keiner will aktuell die Wiedervereinigung, die neuen Feinde sind die Kommunisten; im Fokus stehen Wirtschaft, Wiederbewaffnung und Nato-Mitgliedschaft. John verschwindet daraufhin am 20. Juli 1954 nach Ost-Berlin, unter dubiosen Umständen. Daran ließe sich in einer zweiten Staffel anknüpfen.

Aus epd medien 1-2/23 vom 13. Januar 2023

Peter Luley