Von der Pose zur Haltung

VOR-SICHT: „Almost Fly“, sechsteilige Dramedy-Serie, Regie und Buch: Florian Gaag, Kamera: Christian Rein, Produktion: W&B Television (Warner TV Serie, ab 2.5.22, 21.00-22.30 Uhr)

epd Die Zigarettenschachteln im Tankstellenregal sind noch ohne Ekelbilder, die Beträge an der Zapfsäule werden in D-Mark angezeigt, und die ersten Trabis fahren vor: Die Dramedy „Almost Fly“, angesiedelt in der fiktiven westdeutschen Kleinstadt Eichfeld, lädt zu einer Zeitreise in die gerade oft herbeizitierten 1990er Jahre ein. Wie jüngst in der RTL+-Serie „Der König von Palma“ sind die Wiedervereinigung und der deutsche Titelgewinn bei der Fußballweltmeisterschaft in die Handlung eingebaut. Doch vor dem sattsam bekannten Hintergrund entfaltet der Sechsteiler eine frische, so noch ungesehene Geschichte: Autor und Regisseur Florian Gaag („Wholetrain“) malt sich aus, wie es gewesen sein könnte, als der Hip-Hop die hiesige Popkultur eroberte - kurz bevor 1992 Die Fantastischen Vier mit „Die da!?!“ den ersten Charterfolg im Genre Deutschrap erzielten.

Helden des musikalischen Retro-Trips sind drei jugendliche Außenseiter kurz vorm Abi, jeder leidet auf seine Weise unter Pubertät und Provinz. Walter (Samuel Benito), genannt W, muss nicht nur die Schikanen seines älteren Mechaniker-Bruders Helli (Julius Nitschkoff) über sich ergehen lassen, es ist vor allem der für ihn vorgesehene Lebensentwurf seiner Eltern (Andreas Anke, Anja Schneider), die Buchhaltung der verhassten Tankstelle zu übernehmen, der ihn verzweifeln lässt. Sein bester Freund Ben (Andrew Porfitz), der einzige schwarze Junge an der Schule, hat ebenfalls an Hänseleien („Schornsteinfeger“) zu knapsen und trägt schwer daran, seinen US-amerikanischen Vater nicht zu kennen. Und dann ist da noch Nik (Simon Fabian), ein archetypischer Brillen-Nerd, der sich zwischen seiner exzentrischen Künstlermutter und dem gescheiterten Schriftstellervater in die innere Emigration begeben hat.

Welch ein Glück in all der Tristesse und Seelenpein, dass ihnen plötzlich die Musik neue Horizonte eröffnet: Für die drei kommt es einer Offenbarung gleich, als sie bei einer Party in der nahen US-Militärbasis Zeugen werden, wie die dort stationierten GIs den Sound und die Moves ihrer Heimat feiern - und wie beides offenbar auch das begehrte andere Geschlecht begeistert. Kurzerhand beschließen W, Ben und Nik, selbst zu rappen, und melden beim bevorstehenden Schulfest einen Auftritt an. Als sie der schnöselige Schriftführer, ihr Krawatte und Aktenkoffer tragender Mitschüler Alex (Laurids Schürmann), nach den Details fragt, treten allerdings Probleme zutage. Oder, wie Alex es am Ende der ersten Folge schneidend formuliert: „Ihr seid ’ne Band ohne Namen und ihr habt keine Musik? Mutig!“

Es ist eine angenehme Mischung aus Humor und Wahrhaftigkeit, aus Comedy und Coming of age, in der Florian Gaag nun den Werdegang der Jungs erzählt. Wie sie sich im analogen Steinzeitalter auf die Suche nach Songs („Funky Thang“) begeben und Plattenläden abtelefonieren. Wie sie verständnislos dreinblicken, wenn sie im Wörterbuch lesen, dass der vermeintlich coole Ausdruck „bitch“, den sie sich notiert haben, „Hündin“ heißen soll. Wie Liebesnöte zwischen Zahnspangen-Misere und Mixtape-Romantik den musikalischen Reifeprozess beeinflussen. Aber auch wie Nerd Nick aus Lego, seinem Kinderplattenspieler und der väterlichen Hightech-Anlage Turntables zusammenbastelt und ungeahnte Scratching-Skills entwickelt.

„Atomic Trinity“, so ist auch Episode drei betitelt, wird dann der erste Bandname der Crew, zu der nach einem desaströsen Schulfest-Auftritt noch das zugezogene Ost-Mädchen Denise (Paula Hartmann) stößt. Sie, die in der DDR Breakdance gemacht hat, ist es auch, die die Jungs zum nächsten Schritt treibt: statt in stümperhaftem Schul-Englisch Unverstandenes zu reimen, lieber auf Deutsch zu rappen und wirklich etwas zu sagen. Statt nur Posen nachzuäffen, eine eigene Haltung zu entwickeln. Den Sprung von „Almost Fly“ zu „Fly“ zu schaffen.

Musikalisch lässt sich die Eigenproduktion des Pay-TV-Nischensenders Warner TV Serie, die laut einer Ankündigung des Senders kurz nach der Erstausstrahlung im deutschsprachigen Raum über die Streaming-Plattform HBO Max „in 61 weiteren Märkten in den USA, Lateinamerika und Europa“ gelauncht werden soll, ebenfalls nicht lumpen: Am eigens für die Serie geschaffenen Score haben Musiker wie Dexter, Maniac und Jan Weissenfeldt mitgearbeitet, die englischen Raps stammen von Kelvyn Colt und Peter Manns, die außerdem als Rap-Crew Down by Law in Erscheinung treten, und die deutschen Texte haben Fatoni und MC Roger Rekless alias David Mayonga von Deichkind beigesteuert. Mayonga avanciert in einer Gastrolle als DJ Nasty D zum Mentor der Protagonisten.

Ehre, wem Ehre gebührt: Mit „Add a friend“ begann 2012 die Kooperation zwischen dem Sender Warner TV Serie (damals noch TNT Serie) und der Produktionsfirma Wiedemann & Berg (epd 38/12), inzwischen gehören mit Preisen ausgezeichnete Meilensteine wie „4 Blocks“ und „Para - Wir sind King“ zur gemeinsamen Serien-Historie. „Almost Fly“ reiht sich da würdig ein.

Aus epd medien 17/22 vom 29. April 2022

Peter Luley