Vielstimmige Montage

VOR-SICHT: "Gerhard Schröder - Schlage die Trommel", Dokumentation, Regie und Buch: Torsten Körner, Montage: Martin Schröder, Produktion: Broadview TV (Arte/MDR, 14.7.2020, 21.45-22.40 Uhr)

Gerhard Schröder hat es gerade vom Altkanzler und Putin-Freund zum Instagram-Helden gebracht, lächelnd in der Bratpfanne rührend oder neben selbst gepflückten Blumen posierend. Seine wattierte Weste droht zum Kult zu werden, gewürdigt unter anderem in der Modekolumne des "SZ-Magazins". Von dieser aktuellen, leicht irritierenden Entwicklung ist in Torsten Körners Porträt des letzten sozialdemokratischen Kanzlers noch nichts zu sehen. Wohl aber von der Absenderin der Instagram-Posts, von Schröders Ehefrau Soyeon Schröder-Kim. Sie schildert eine Szene von der Hochzeitsfeier: Wie ihr die Stimme versagt habe, als sie Frank Sinatras Klassiker "My Way" vortragen wollte. Das Lied hatte sie zuvor umgetextet, berichtet sie, von "My Way", der ende, in "Our Way", der beginne.

Ob man solch romantische Details wirklich wissen muss, sei mal dahingestellt. Jedenfalls verbindet sich (nicht nur) an dieser Stelle Privates mit Politischem. Denn zuvor hatte Körner an Schröders Abschied vom Kanzleramt im November 2005 erinnert. Großer Zapfenstreich, die Bundeswehr-Kapelle spielt Sinatras "My Way", und in den Augen des vom Augenblick und wohl auch von sich selbst ergriffenen Noch-Kanzlers schimmert es feucht. Es sei sein Lied, "weil ich es auch auf meine Weise getan habe", antwortet er nun im Rückblick, denn Schröder selbst stand dem Autor ebenfalls für ein Interview zur Verfügung.

Wie auch Franz Müntefering, Otto Schily und Renate Schmidt (alle SPD), sowie Joschka Fischer, Jürgen Trittin und Renate Künast von den Grünen, die alle im Kabinett Schröder regierten. Wie Martin Schulz, der vorerst letzte in der Riege der gescheiterten SPD-Kanzlerkandidaten. Wie Exparteichef Sigmar Gabriel und Exparteivorsitz-Kandidatin Gesine Schwan. Und, natürlich unverzichtbar: Der, dessen Name nicht genannt werden darf in der deutschen Sozialdemokratie, Ex-SPD- und Ex-Linken-Chef Oskar Lafontaine also, Schröders desertierter Finanzminister, der dem "Genossen der Bosse" die Agenda 2010 noch mal um die Ohren haut ("Menschenbild des Neoliberalismus").

Ziemlich viel "Ex" dabei, aber nicht mehr in der ersten Reihe stehende Politiker haben den Vorteil, dass sie sich nicht allzu sehr um aktuelle Befindlichkeiten kümmern müssen. Ergänzend hat Körner auch mit dem mit Schröder befreundeten Maler Markus Lüpertz, mit Journalist Günter Bannas, Polens Expräsident Aleksander Kwasniewski, dem ehemaligen französischen Außenminister Hubert Védrine und Jonathan Powell, einst Stabschef des britischen Regierungschefs Tony Blair, gesprochen. Viele "Talking Heads" also - in einem Film über einen Politiker, über dessen Leben und Schaffen nun wirklich reichlich berichtet worden ist. Der letzte noch lebende Altkanzler hat sich zudem mit seiner Nähe zum russischen Autokraten Putin und der Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes beim Ölkonzern Rosneft in Deutschland ins Abseits gestellt. Seine eigene Partei hat sich von ihm abgewendet. Und in der öffentlichen Debatte spielt er kaum noch eine Rolle. Schröder ist out, outer geht es nicht. Warum also überhaupt dieser Film?

Schröders Außenseitertum ist allerdings gerade der Reiz von Körners politischer Zeitreise, deren vielstimmige, kurzweilige Montage verschiedene Blickwinkel auf die Persönlichkeit und gleichzeitig eine Ahnung vom sozialdemokratischen Talent zur Selbstzerfleischung gewährt. Und die natürlich mitten hinein führt ins aktuelle Jammertal, aus dem die SPD, mag sie in der großen Koalition noch so fleißig strampeln, einfach nicht hinausfindet. Nach dem triumphierenden Schröder folgten nur noch Verlierer, woran der Autor zu Beginn mit einer hübsch gemeinen Bildergalerie erinnert: Steinmeier 2009, Steinbrück 2013, Schulz 2017.

Sein Fehler sei es gewesen, sagt Martin Schulz, "dass ich nicht genug auf die Pauke gehauen habe". Das passt bestens zu Heinrich Heines "Doktrin", die Schröder lächelnd zum Besten gibt: "Schlage die Trommel und fürchte dich nicht..." Man darf es wohl als eine Art Lebensmotto für den legendären Kanzleramts-Zaunrüttler verstehen, das zugleich Ansporn sein soll für die alte Tante SPD. Jedenfalls zog Schröder dasselbe Gedicht schon 2013 bei gemeinsamen Wahlkampf-Auftritten mit Kanzlerkandidat Peer Steinbrück aus der Tasche. Und auch jetzt sagt er wieder: "Ein bisschen mehr Trommeln könnten wir brauchen."

Schön und gut, aber trommeln wofür? Die Frage wird dann doch etwas vernachlässigt in diesem Film, der ansonsten mit dem flinken Wechselspiel aus knackigen Aussagen und prägnantem Archivmaterial gefällt. Körner unterteilt seinen weitgehend chronologisch erzählten Rückblick in thematische Kapitel, beginnend mit Schröders "Hunger" auf den Aufstieg aus den armen Familienverhältnissen. Manchmal überrascht Körner mit schmissigen Aussagen, etwa wenn er Schröder als den "Günter Netzer der SPD" bezeichnet, weil er sich im Landesverband Niedersachsen wie einst der Gladbacher Kapitän im DFB-Pokalfinale 1973 als Spitzenkandidat quasi selbst eingewechselt habe. Mal wirken die Kommentare des auch als Medienkritiker hoch geschätzten Autors ziemlich formelhaft ("Zwar inszeniert er sich, aber er wirkt dabei stets authentisch"), mal ironisch zugespitzt ("Die neue Zeit braucht eine neue Frau"). Den Kanzler Schröder als "wandelnden Widerspruch" und die rot-grüne Regierungszeit als "Drama im Dauerbetrieb" zu bezeichnen, bringt die ereignisreiche Ära um die Jahrtausendwende vom ersten Bundeswehr-Einsatz außerhalb Deutschlands bis zur Hartz-IV-Reform auf den Punkt.

Auch in der Debatte um männliche Rollenbilder liefert Schröder vielfältigen Stoff. Unter anderem fünf Ehen, eine gewisse Vorliebe zu Freundschaften mit kernigen Typen à la Putin und eine Abneigung gegen "Gedöns"-Themen wie Familienpolitik. Womöglich ist das ungerecht: Franz Müntefering weist darauf hin, dass Schröder als erster Bundeskanzler eine Regierungserklärung zur Familienpolitik abgab und der knappe Wahlsieg 2002 nur gelang, weil er bei den Wählerinnen keine Verluste zu verzeichnen hatte, während der Zuspruch bei männlichen Wählern gegenüber 1998 zurückgegangen sei. Schröder, so der Eindruck, soll hier als Siegertyp, als Macho, den die Frauen lieben, reüssieren. Sigmar Gabriel weiß sogar zu berichten, dass Schröder beim gemeinsamen Fußballgucken gebügelt habe. Ist ja allerhand. Schröder habe sich seinen Frauen "unterworfen", behauptet Gabriel, was wohl mehr über ihn selbst als über seinen Spezi aus Niedersachsen aussagt.

Aus epd medien 28/20 vom 10. Juli 2020