Verschenktes Potenzial

VOR-SICHT: "Club der einsamen Herzen", Fernsehfilm, Regie: Christine Hartmann, Buch: Christine Hartmann, Gerlinde Wolf, Kamera: Peter Nix, Produktion: TNF Telenormfilm (ARD/Degeto, 8.6.19, 20.15-21.45 Uhr)

Eigentlich seltsam, dass die ARD am ursprünglichen Ausstrahlungstermin dieses Films festgehalten hat, das Erste hätte "Club der einsamen Herzen" gut vorziehen und bereits anlässlich des Todes von Hannelore Elsner senden können. Die im April verstorbene Schauspielerin spielt zwar nur eine der drei Hauptrollen, aber daran wird es ebenso wenig gelegen haben wie an der Qualität des Films.

Regisseurin und Koproduzentin Christine Hartmann, die für das Drehbuch (Koautorin: Gerlinde Wolf) durch Erfahrungen aus ihrer eigenen Familie inspiriert worden ist, erzählt eine Geschichte mit ernstem Hintergrund. Die Botschaft wird deutlich, als die drei Hauptfiguren, alle 70 plus, ihren Angehörigen in einer recht inszeniert anmutenden Szene klar machen, dass sie noch nicht zum alten Eisen gehören. "In unseren Herzen ist alles noch wie früher", versichert Kiki (Hannelore Elsner), sie verspürten dieselben Wünsche, Träume und Sehnsüchte wie einst. Helga (Jutta Speidel) und Maria (Uschi Glas) ergänzen, sie hätten noch zehn, vielleicht 15 gute Jahre vor sich, und die wollten sie nicht vor dem Fernseher verbringen.

Das klingt nach einer guten Basis für eine interessante Handlung: Drei aufmüpfige Kleinstadtrentnerinnen wehren sich gegen das Abstellgleis und investieren ihre Altersvorsorge in die Neueröffnung eines Tanzcafés, mit dem sie die Erinnerungen an ihre Jugend verbinden. Schließlich haben sie nichts mehr zu verlieren, wie Helga aus einem Ratgeber für "Best Ager" lernt.

Ein schöner Stoff für eine knackige Komödie, aber herausgekommen ist ein Film, der offenkundig niemandem weh tun will. Die von der ARD-Tochter Degeto verantwortete Produktion wirkt wie ein Freitagsfilm, der versehentlich auf den Samstag gerutscht ist. "Club der einsamen Herzen" ist leider überhaupt nicht böse, sondern viel zu brav. Das gilt vor allem für die harmlosen Bosheiten, die sich die drei Frauen gegenseitig an den Kopf werfen, schlimmere Entgleisungen als "verbitterte Schnepfen" haben sie nicht zu bieten. Selbst Giftspritze Josefine (Gundi Ellert), die den ganzen spießigen niederbayerischen Provinzmief verkörpert, vor dem Kiki einst geflohen war, ist eine Figur mit gebremstem Schaum.

Für Hannelore Elsner hingegen ist der frühere Schlagerstar eine Paraderolle, die sie weidlich auskostet: Gekonnt setzt Kiki auch heute noch ihren Charme ein, um ihre Ziele zu erreichen. Die einstige Karriere ist allerdings längst verblasst. Beim letzten Auftritt, gesteht sie schließlich, sei sie ausgebuht worden. Das wiederum ist kaum zu glauben, als Hartmann für Elsner ein Finale inszeniert, das ihre ganze Größe feiert.

Ein Teil des Problems liegt darin, dass viele Menschen nach allem einfach googeln und Internetadressen, zu denen sie geleitet werden, kaum noch beachten oder überprüfen. Sie wundern sich dann nicht, wenn billige Lederbekleidung im Namen eines Fahrradclubs in der Provinz angeboten wird, sondern erst, wenn die bereits bezahlte bestellte Ware nicht geliefert wird. Andererseits machen die oft international agierenden Betrüger sich zunutze, dass die deutsche Denic anders als andere europäische Stellen Adressdaten nicht überprüft. So verbindet das Feature individuelle Erfahrungen mit nützlichem Wissen und ist dabei auch noch topaktuell: Kürzlich erst wurden Pläne der Verbraucherminister der Länder bekannt, der Denic künftig doch Identitätsprüfungen für neu gemeldete Domains vorzuschreiben.

Auch das bei Online-Bestellvorgängen in Echtzeit betriebene Risikomanagement, das im Interesse des Handels immer berücksichtigen muss, dass viele deutsche Kunden die Bestellung abbrechen, wenn sie nicht auf Rechnung kaufen können, und der Geschäftszweig "Factoring" kommen vor. Dabei werden Shopbetreibern die gemanagten Risiken abgekauft und, falls die laufend verbesserte Betrugsmustererkennung doch nicht funktioniert, Inkassounternehmen eingeschaltet.

Mit einem Prozess gegen erwischte Betrüger der mittleren Ebene endet das Feature, das ein beinahe mustergültig rundes Bild einiger negativer Aspekte der vielbeschworenen Digitalisierung, die doch die wenigsten verstehen, entworfen hat. Gerade, weil die visuelle Ebene fehlt, die in Fernsehbeiträgen oft ablenkt (sei es durch ausgedachte Suchmaschinen-Portale, sei es mit den "Juice"-Tricks existierender Portale), beschreitet "Betrug in meinem Namen" so spannend wie informativ einen Mittelweg zwischen instruktiver Reportage und Nutzwert. Fast würde man das Feature gern noch einmal mit weniger und dezenterer Musik hören, um festzustellen, ob es so nicht mindestens genauso gut funktionieren würde.

Aus epd medien 23/19 vom 7. Juni 2019