VOR-SICHT: „Decision Game“, sechsteilige Serie, Regie: Benjamin Pfohl, Buch: Johannes Lackner, Kamera: Martin L. Ludwig, Produktion: Odeon Fiction (ZDFneo ab 6.9.22, 20.15-22.25 Uhr; ab 26.8.22 in der ZDF-Mediathek)

epd Während des Kalten Krieges war die Lage noch einfacher: Durch nukleare Abschreckung versuchte man, den Preis einer Aggression so hochzuschrauben, dass kein System es wagen würde, einen Krieg anzuzetteln. Dieses Mal aber versagten die Zukunftsdeutungen, die auf Erkenntnissen der Spieltheorie basierten: Russland würde der Ukraine sicher keinen Angriffskrieg aufzwingen, so hieß es. Man lag, wie wir heute, nach einem halben Jahr Krieg, wissen, spektakulär falsch. Inzwischen finden sich auch auf Youtube neue Veröffentlichungen zu den entsprechenden spieltheoretisch fundierten Szenarien. Der Tenor: Warum Putin den Krieg begann - und meine Modellierung trotzdem richtig war. Leider (aus Sicht der Spieltheorie) sind Menschen aber keine bloß rationalen Wesen, sie sind es nur in geringem Maß.

Wer also versucht, Spieltheorien in eine Thrillerserie umzuwandeln, sollte diese am besten auf sich selbst zurückspiegeln und die eigenen Entscheidungen hinterfragen: Welche Rolle darf die Imagination spielen? Wie erreicht man es, dass Handlung und Dramaturgie nicht wirken wie verzweigte Entscheidungsbäume oder Matrizen mit Wahrscheinlichkeiten oder gar wie gewürfelt? Und wie schafft man es, dass die auf dem Feld der Annahmen und Voraussetzungen platzierten Spielfiguren trotz des Demonstrationscharakters wirken wie aus Fleisch und Blut?

Mit der Serie „Decision Game“ bekomme das Thrillergenre „eine ganz neue Dimension“, hat das ZDF markig angekündigt. Doch eine hanebüchenere, unwahrscheinlichere Räuberpistole gab es seit langer Zeit nicht zu sehen. Vielleicht ist „Decision Game“ auch die schlechteste Thrillerserie, die das öffentlich-rechtliche Fernsehen je hervorgebracht hat. Das will etwas heißen.

Die Hauptfigur der Modellierung ist Vera, eine superintelligente Spieltheoretikerin, die als Risikoanalystin strategische Beratung in einem global agierenden Versicherungskonzern verantwortet. Ihr Spezialgebiet ist das Risikorating von Burundi. Sie trifft rationale Entscheidungen. Ihr Ehemann aber entpuppt sich als Risiko. Als ein adrenalingetriebener Dödel mit intellektuellem Minderwertigkeitskomplex. Als Kriminalbeamter ist er von der Sorte, der man am liebsten sofort wegen Unreife die Waffe entziehen möchte.

Die schlaue Tochter von Vera und Alex wird entführt, um die Mutter zu erpressen. Sie trickst aber ihre doofen und psychisch instabilen Entführer aus wie nichts. Der Anführer der Schurken wiederum will mit der Spieltheoretikerin spielen, weil er eine alte Rechnung mit ihr offen hat. Ein Spiel auf Leben und Tod, versteht sich, hinter dem mutmaßlich noch ein ganz anderes Mastermind steckt.

Hinzu kommt ein ehemaliger Professor, der ständig spieltheoretische Buchklassiker in die Kamera hält. Seine Bewunderung der einstigen Star-Studentin scheint grenzenlos: „Die Hälfte der Vorlesungen verpasst, aber zur Prüfung mehr kapiert als alle.“ Oder: „Sie haben recht - wieder mal.“

Trainiert wird der Gehirnmuskel der Figuren immer wieder beim Klettern in steilen Wänden, wobei - klar wie trübe Kloßbrühe - die weniger Intelligenten stets abstürzen, weil sie die falschen Entscheidungen treffen und die Schlauen ihr Sicherungsteam entsprechend dem errechneten Vertrauensmalus noch weiter nach hinten absichern.

Worum es geht: Vor vier Jahren hat Superhirn und Sherlock-Nachfolgerin Vera (Eva Meckbach) beim Klettern im strömenden Regen eine ihrer beiden Töchter losgelassen. Seit dem Tod des Kindes leidet sie nicht nur unter Analyse- sondern auch unter Kontrollzwang. Die überlebende Tochter Elsa (Paula Hartmann) scheint erstaunlich wenig traumatisiert, schwänzt wie alle Jugendlichen den Bratschenunterricht und fährt heimlich Skateboard. Wenn das die mit LSD behandelte Mama wüsste. Als Elsa die von Vera überwachte Tracking-App austrickst, wird sie prompt von einem Verbrechertrio unter Kommando des dubiosen Robert (Roeland Wiesnekker, der hauptsächlich böse gucken muss) entführt. Robert will Vera erpressen, das Risikolevel von Burundi zu erhöhen. Vera weigert sich, entwirft Alternativmodelle, geht mit Professor Thalmann (Robert Hunger-Bühler), der in der Nähe der Kletterwand in einem Campingvan haust, klassische Entscheidungsfälle durch und beginnt ein riskantes Spiel mit dominanter Strategie.

Währenddessen rastet ihr Mann Alex (Shenja Lacher) wieder und wieder komplett aus. Vor allem, als seine Chefin und Kollegen (darunter Aljoscha Stadelmann mit kleinem Auftritt) Wind von der Sache bekommen und Elsas Daumen auftaucht. Konflikt und Kooperation - die spieltheoretischen Aktionsfelder werden in gefühlt unzähligen Situationen des Hin und Her sechs Folgen lang von Cliffhanger zu Cliffhanger mehr als erschöpfend ausgeführt.

Kaum besser als die Klischee-Charaktere sind die Dialoge. Vor vier Jahren, während Vera an jeder Hand über dem Felsenabgrund ein Kind hielt, war Alex mitnichten bei einer Fortbildung, sondern mit einer anderen im Bett. Was die superintelligente, aber angeblich unempathische Vera in den emotionalen Mahlstrom stürzt. Alex verteidigt sich: „Du warst doch nie da.“ Entweder habe sie gearbeitet oder sich um die Töchter gekümmert. Das Schicksal der modernen Karrierefrau, so scheint es. Aber es kommt ärger: „Weißt Du eigentlich, wie das ist, mit jemandem zusammenzuleben, der so viel intelligenter ist?“ Da kann man nur sagen: Heul doch, Dummchen.

Leider ist dies vielleicht der einzige realistische verbale Ballwechsel von „Decision Game“. Ob das Schlausein für Frauen vielleicht doch keine solche Bürde ist, wie hier durchweg behauptet wird? Ob die existenzialistische Einsamkeit eines Sherlock, einfach ins Weibliche gedreht, vielleicht gar nicht funktioniert? Hier jedenfalls kann man höchstens sagen: netter Versuch. Der über die Verschwendung von Publikums-Lebenszeit nicht hinauskommt.

Aus epd medien 33-34/22 vom 19. August 2022

Heike Hupertz