Unentschlossen

VOR-SICHT: "Requiem für einen Freund", Krimi, Regie und Buch: Josef Rusnak nach einem Roman von Elisabeth Herrmann, Kamera: Moritz Anton, Produktion: Network Movie (ZDF, 11.1.21, 20.15-21.45 Uhr)

Es beginnt bedrohlich. Der nächtliche Anruf bei der Notrufzentrale klingt panisch. Alle steckten unter einer Decke, Polizei, Staatsanwaltschaft, der Berliner Innensenator, sagt die Frau am Ende der Leitung. Eine Verschwörungsmythikerin? Die Streife findet sie kurz darauf tot in der Garage, mit Abgasen vergiftet. Tragischer Selbstmord. Oder doch ein Verbrechen? Schließlich war die Tote selbst Staatsanwältin. Den offenen Anfang seiner Kriminalgeschichte unterlegt der ZDF-Film "Requiem für einen Freund", der sechste Fernsehfall für Anwalt Joachim Vernau (Jan Josef Liefers), mit einer coolen Jazztrompete (Musik: Mario Grigorov, Steven Schwalbe), die die Verbindung zum abrupten zweiten Anfang der Handlung schafft. Und zu einer völlig anderen Erzählfarbe als dem Thrillerdunkel des Beginns.

Schnitt, vier Jahre später. Anwalt Vernau sitzt auf der Terrasse eines noblen Berliner Tennisclubs und schnorrt einen Kaffee, während er mit dem Smartphone Beweissicherung betreibt. Zeit für ein keckes Geplänkel mit der Kellnerin, die die Annahme von Bargeld verweigert. Scheine seien die reinsten "Virenschleudern". - "Wer hätte gedacht, dass Geld schmutzig ist?", das klingt ganz nach Professor Börne aus dem Münsteraner "Tatort".

Kurz darauf sprintet Vernau mit Tennisschläger und Tennisdress unter der Robe gerade noch rechtzeitig zur gerichtlichen Anhörung. Seine Mutter Hildegard (Elisabeth Schwarz) und ihre Lebensgefährtin Hüthchen (Carmen-Maja Antoni) wehren sich gegen die Eigenbedarfskündigung der Wohnung, in der Hüthchen seit ihrer Geburt lebt. Endlich wieder ein Mandat für Vernau, wenn auch pro bono. Die Gegenseite vertritt der alerte Dr. Forsberg (Jörg Thadeusz). Vernau zeigt, schnellsprechend launig-fröhlich Indiz an Indiz reihend, die betrügerische Entmietungsstrategie der Eigentümer auf.

Gelungener Aufschlag, ein paarmal Ballwechsel, entwaffnender Sieg auf ganzer Linie. Später zeigt ihm der zum Schweigen gebrachte Forsberg dafür den Mittelfinger. Wer Thadeusz als Gern- und Vielredner kennt, ist amüsiert.

Die Stimmung bleibt vorerst heiter, obwohl sich das Hintergrundthema von Elisabeth Herrmanns zugrunde liegendem Thriller (Drehbuch ebenso wie Regie: Josef Rusnak) langsam ankündigt. Die Wohnsituation in Berlin, Mieter versus Eigentümer und Investoren, Großprojektgemauschel von Politik und Wohnkonzernen. Es geht nicht um Millionen-, sondern um Milliardengeschäfte, etwa bei der Bebauung des Tempelhofer Feldes durch den Großinvestor Andreas Hartmann (Jonas Hien), der sein Büro auf einem Restaurantschiff unterhält, die Megabaustellen am anderen Ufer als dekorative Kulisse immer im Blick der Kamera (Bildgestaltung: Moritz Anton).

Aber vielleicht geht es doch mehr um Steuerhinterziehung im großen Stil. Oder um die unausweichliche Pleite eines Rechtsvertreters, der sich die Finger nicht schmutzig machen will und lieber das Projekt Lebenskunst verfolgt. Trotz einiger pointierter Einzelszenen ist nämlich das unentschiedene Hin und Her von Themen und Tonlagen Merkmal des Films. Ernsthafte Kritik an den Machenschaften der Großkopferten oder ironische Grundhaltung? Dynamische Mörderhatz, die schließlich bis nach Mexiko führt, oder elegische Freundschaftsklage? Zeitgenössisches Berlinporträt oder milieuverliebte Mieternot? "Requiem für einen Freund" nimmt nichts durchgehend ernst, nicht einmal den Humor, und bleibt so vor allem Stückwerk.

Mal wird es fast satirisch, wenn Vernau als Unzeitgemäßer auf Filterkaffee besteht (von dem Lattezeugs bekommt er Sodbrennen) und sich in seinem Co-Workingspace zwischen vielen bärtigen Hipstern mit Geschäftspartnerin Marie-Luise (Stefanie Stappenbeck) kabbelt oder mit den Schlägern des dubiosen Geschäftsmanns Adil Kalaman (in "4 Blocks"-Manier: Kida Khodr Ramadan) das Auto tauscht, oder mit seinem alten Freund und Vertrauten Sebastian Marquardt (August Zirner) und dessen "russischer" Freundin Tatjana Wolgast (Irina Potapenko) und Marie-Luise beim Nobelitaliener isst.

Mal gibt es atmosphärisch gelungene Szenen, etwa wenn der Finanzbeamte Harry Fischer (Peter Trabner) in Vernaus Quittungswust gräbt, um bei der Steuerprüfung Spuren im Fall der vor vier Jahren gestorbenen Staatsanwältin zu suchen. Denn Vernau, das macht die Figur trotz der ziemlich routinierten Flapsigkeit von Liefers ein wenig plastischer, ist als Anwalt kein Unschuldslamm. Als ehemaliger Mitarbeiter in der gediegenen Kanzlei seines Freundes Marquardt hat er sich an Dubiosem beteiligt.

Marquardt verschwindet, seine Ehefrau Brigitte (Carina Wiese) muss beschützt werden, der wohlbekannte Kommissarsfreund Thorsten Vaasenburg (Rainer Strecker) tappt im Dunkeln, viele werden bedroht, einige sterben, und am Ende heißt es wie beim Wiener Opernball: Alles Walzer. Als Auftakt zum Fernsehkrimijahr 2021 ist das nicht sonderlich gelungen.

Aus epd medien 1/21 vom 8. Januar 2021

Heike Hupertz