Übles Großstadtmärchen

VOR-SICHT: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", achtteilige Serie, Regie: Philipp Kadelbach: Buch: Annette Hess u.a., Kamera: Jakub Bejnarowicz, Produktion: Constantin Television (Amazon Prime, ab 19.2.21)

Eltern sind hier verboten. Ihnen würden die Augen übergehen in diesem als Tempel der Eingeweihten inszenierten Club. Die Diskothek "Sound" sieht aus wie das Geschenk eines Gottes an seine auserwählten Jünger. Ein DJ verkündet die Botschaft von Freiheit, Sehnsucht, Hedonismus, Zugehörigkeit und Coolness. Im "Sound", wo getanzt wird, als ginge es um das Leben selbst, verweben sich die Geschichten der sechs Jugendlichen aus unterschiedlich verstörenden Elternhäusern, die den Hauptcast der Serie bilden. Hier zeigt und entwickelt sich ihr riskantes Lebensgefühl, hier haben viele ihr erstes Mal (mit Heroin), es ist ihr Wohnzimmer, ihr Zufluchtsort, Hort der Selbstbestätigung, der Freundschaft und des Aufbruchs. Und des Abstiegs ins Elend des Entzugs, in die Verwahrlosung der Prostitution und der Obdachlosigkeit.

Während der Bahnhof Zoo hier eher als Transitort und brutal sozialdarwinistische Arbeitsstätte erscheint, huldigt hoch über der Menge der angebetete Dirigent der Stimmung des Abends, angestrahlt von einer pulsierenden Gloriole von Lichtern. Unten bewegt sich der Jugendkörper wie in Trance - viele sind im Nirwana dank harter illegaler Substanzen. Einmal erscheint Babsi (Lea Drinda) high oben auf der Galerie - und plötzlich hören mehrere Hundert junge Menschen auf zu tanzen, drehen sich um und sehen sie stumm und wissend an. Ein Gänsehautmoment. Das Gefühl einer 13-Jährigen, Mittelpunkt der Welt zu sein, im berauschenden Bild. Der Kontrapunkt zu anderen Szenen, in denen sich die Jugendlichen in verdreckten Toiletten Spritzen teilen und in Erbrochenem zusammensinken.

Der DJ als Messias und Antichrist zugleich - am Ende der siebten Folge, das hier nicht gespoilert werden soll, wird diese Symbolik überdeutlich sichtbar. "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" ist eine traumhaft surreale, im fiesesten Sinn hautnahe, motivisch überbordende, bonbonbunte und unendlich triste Serie, deren durchgehende Erzählstränge sich überlagern. In ihren acht hellwachen Folgen verliert die Serie alle Hauptfiguren an die Sucht und einige an den Tod - von Drogenverherrlichung kann also keine Rede sein. Wer nur den Beginn sieht, mag voreilig nach dem Jugendmedienschutz rufen. Später erübrigt sich das, ebenso wie ein möglicherweise nostalgisches Sehnen derjenigen, die mit "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo", der Sachbuchveröffentlichung der "Stern"-Reporter Horst Rieck und Kai Hermann von 1978, aufgewachsen sind und 1981 den fast dokumentarischen, halbfiktionalen Film von Uli Edel gesehen haben.

Der Film von Edel, der Kult wurde, thematisierte Heroinsucht und Prostitution von Kindern zum ersten Mal in dieser Härte. Er war auch ein Berlin-Porträt mit überwältigender öffentlicher Resonanz. Das "Sound" hat dort die Dreckloch-Kellerästhetik, die die Wirklichkeit abbildete. In der Serie ist es nun ein Glitzerort, an dem alles möglich scheint. Die Zeitlosigkeit, die sich die Macherinnen und Macher der Serie vorgenommen haben, wird hier Erscheinung.

Für Autorin Annette Hess ("Weissensee") war der Antrieb zur Neubearbeitung des Stoffes auch eine Art Wiedergutmachung am Buch. Wo Edel Christiane F. mehr oder weniger allein ins Zentrum stellte (was ihrer Darstellerin Natja Brunckhorst zu ungewollter krasser Verehrung verhalf), sah Hess im Buch mehr die Clique, die Beziehungen, die Ambivalenzen. Als Headautorin eines von ihr selbst zusammengestellten Writer's Rooms bekam sie die Möglichkeit, die originalen MC-Kassetten der "Stern"-Reporter zu ordnen, zu archivieren und auszuwerten. Nun haben alle Jugendlichen der Freundesclique ausführliche Backstories.

In der beeindruckenden Zusammenarbeit der Gewerke ist eine hochkomplexe Geschichte entstanden, die zwar einen gewollten Vintagelook hat, aber im Grunde keine Zeitgeschichte erzählt. Das macht "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" international anschlussfähig und mit Sicherheit hervorragend verkäuflich. Die Serie ist keine Berlin-Geschichte mehr, sondern ein tolles, übles Großstadtmärchen.

Die Jugendthemen, die hier im Mittelpunkt stehen, dürfen als universal gelten. Vernachlässigung und Überbehütung, Unverstandensein und der Wunsch nach einem diffusen "Mehrwert" des Lebens sind Dauerbrenner in der Adoleszenz. Für die gegenwärtige Generation, die vielen als überangepasst und selbstoptimierungsgesteuert gilt, könnte sich "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" freilich wie eine Serie vom anderen Stern anfühlen, aus einer Zeit, in der sich kein Jugendlicher über Körperoptimierung und Cleaneating, Tiktokpräsentation und Weltrettung Gedanken machte. Also doch eine Serie eher für die Elterngeneration, die die Punkklamotten eingemottet hat?

Die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler jedenfalls sind hervorragend besetzt, ihre Backstories werden liebevoll individuell ausgeleuchtet. Als Christiane spielt Jana McKinnon mit eindrucksvoller Energie. Ihre Familie prägen Fürsorge und Gewalt gleichermaßen (auch Angelina Häntsch als Mutter und Sebastian Urzendowski als Vater überzeugen). Lena Urzendowsky, der man eine 70er-Jahre-Suzi-Quattro-Gedächtnisperücke aufgesetzt hat, zeigt als Stella Stärke und Haltlosigkeit gleichermaßen. Die Nebenhandlung um den pädophilen Zoohändler Günni (Bernd Hölscher), den sie zu benutzen meint, ist geeignet, Eltern schlaflose Nächte zu bereiten.

Babsi (Lea Drinda) wächst in so künstlicher wie künstlerischer Grunewald-Atmosphäre auf und scheint eine Zeit lang Halt im Zeichnen zu finden. Axel (Jeremias Meyer) macht eine Schlosserlehre und wirkt erst einmal wie der typische "Freizeitdrücker", freilich mit paranoiden Ängsten, in seiner versifften Wohnung von der Stasi abgehört zu werden. Michelangelo Fortuzzi als Benno, der Tiere verstehen kann, träumt lange von einem großartigen Leben mit Christiane, geht für sie anschaffen. Bis sich beide in einer üblen Szene der fortgeschrittenen Sucht um die Spritze prügeln. Michi (Bruno Alexander), der Verschlossenste der Clique, liebt Benno ohne Hoffnung, für ihn geht es später in Prag nach ganz unten.

Die Droge Heroin wird für alle sechs zur Höllenerscheinung, die irgendwann stärker zerstört, als sie zusammenschließt. Inzwischen gibt es zahlreiche Serien, die ambivalent von Drogen und Mord und Totschlag erzählen. Die "Sopranos" machten den Anfang. Erst seit einiger Zeit gibt es das Publikum für ein komplexeres Sowohl-als auch-Erzählen und Produzenten und Plattformen, die diesem Publikum etwas zutrauen und zumuten.

Das haben Annette Hess und ihr Team sowie Philip Kadelbach als einziger Regisseur der Serie mit dem Kameramann Jakub Bejnarowicz, der Musik von Michael Kadelbach, den Songs von Robert "Robot" Koch und allen anderen Gewerken herausragend geschafft: Dass man mit den Jugendlichen mitfühlt, ohne sie zu heroisieren, dass man nah bei ihnen bleibt, ohne eine gewisse Distanz aufzugeben. Dass man mit ihnen nachts heimlich Kettenkarussell fährt und im "Sound" über der Menge schwebt, aber beim Druck und im Entzug, beim Prostituieren und Dealen neben ihnen steht, ohnmächtig, sie retten will und nicht verurteilen mag.

Aus epd medien 7/21 vom 19. Februar 2021

Heike Hupertz