Überraschend ungewöhnlich

„Muspilli“, achtteilige Serie, Regie: Nahuel Lopez, Buch: Nahuel Lopez, Lars Lindigkeit, Oliver Keidel, Kamera: Tony el Tom, Produktion: Granvista Media (ARD/WDR, seit 21.3.22 in der ARD-Mediathek; Spielfilmfassung WDR, 12.5.22, 23.15-0.25 Uhr )

epd So etwa könnte die nüchterne Realität hinter verheißungsvollen „Blind Dinner“-Konstruktionen aussehen: Vor der Tür steht ein großer, übergewichtiger und in Sozialkontakten eher ungeübter Mann namens Ove (Tristan Seith) mit einem vermickerten Blümchen in der Hand. Ove ist überzeugter Verschwörungstheoretiker, forscht zu „dunklen Energien“ und ist kürzlich beim „DAISY“, dem Forschungsinstitut für dunkle Energien, rausgeflogen - zu den eher unappetitlichen Gründen später mehr.

Hinter der Tür steht Fina (Josefine Preuß), klopft wütend Schnitzel und ist jederzeit bereit, mit 180 oder mehr an die Decke zu gehen: Fina ist bipolar, frisch geschieden, Mutter einer fünfjährigen Tochter und wild entschlossen, sich mit allen Mitteln das verlorene Sorgerecht für ihre Tochter zurückzuholen. Wenn es sein muss, auch mittels einer Heirat, um solide Familienverhältnisse vorweisen zu können.

Dass der jeweils andere genau das ist, was man um jeden Preis meiden wollte, nämlich „ein Spinner“ (Fina über Ove) bzw. „eine Irre“ (Ove über Fina), merken die beiden schnell, noch ehe Fina das Blind-Dinner-Menü, bestehend aus Schnitzel mit Erbsen und Kartoffelbrei, serviert hat. Und weil Ove beim Stochern im Schnitzel ein Haar findet, gehen sogleich die wildesten Fantasien bei ihm los. Womöglich hat die Irre ihm eben ihre eigene Tochter serviert! Was ist von einer Frau zu erwarten, deren Nachname ausgerechnet „Muspilli“ lautet, wie die gleichnamige altbayrische Weltuntergangssaga, entstanden um 870?

Oves panischer Versuch, die Wohnung umgehend zu verlassen, endet mit einem Küchenmesser in Linas Bauch und einer sich schnell ausbreitenden Blutlache. Ende von Folge 1 mit dem Titel „Das Schnitzel“. Netter Cliffhanger, denn irgendwie muss es ja wohl mit den beiden weitergehen. Das klingt nicht nur ziemlich durchgeknallt, das ist es auch: herrlich meschugge, überraschend ungewöhnlich und sehr, sehr komisch.

Ebenfalls sehr ungewöhnlich für ARD-Verhältnisse ist das Format einer „Miniserie“, deren einzelne Folgen jeweils nicht länger als 10 Minuten sind. Der Ursprung liegt anderthalb Jahre zurück. Im Oktober 2020 hatte der WDR anhand von kurzen Pilotfilmen Internetnutzer abstimmen lassen, welches von zwei potenziellen Serienprojekten („Muspilli“ oder „Saubere Sache“) realisiert werden soll. Da es mit 43,6 zu 56,4 Prozent bei knapp 24.000 abgegebenen Stimmen recht knapp zuging, gab man beide in Auftrag.

Das Miniformat, angesiedelt irgendwo zwischen Clip, Videocast und Serie, nennt der WDR „beste Unterhaltung ‚to go‘“ oder auch „Serien für den kleinen Comedy-Hunger zwischendurch“ (Alexander Bickel, Leiter des WDR-Programmbereichs Fiktion). Im März brachte das Erste gleich sechs solcher Produktionen in die Mediathek, unter dem Label „Short Dramedy - Serien für zwischendurch“.

Tatsächlich funktioniert das bei „Muspilli“ ganz gut. Die Folgen sind reich an Tempo, Witz und Einfällen, wobei oft genug der eigentliche, subtile Dialogwitz durch die Diskrepanz zwischen gedachtem und gesprochenem Wort entsteht. Denn der Zuschauer hört auch die inneren Stimmen von Fina und Ole mit. Sowohl Josefine Preuß als auch Tristan Seith sind mit sichtlichem Spaß bei der Sache, und beide sind so liebenswert nervig, dass man sie unweigerlich ins Herz schließen muss.

Schlussendlich geht es ja auch um Herzenswünsche: Ove hatte noch nie eine Freundin. Fina wiederum wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich wieder ihre kleine Tochter bei sich zu haben. Also dreht sich letztlich alles um die eher konventionelle Frage, ob und wie sie ein Paar werden.

Doch der Weg dahin ist mit lauter ganz und gar unkonventionellen Episoden gepflastert. Das Autorentrio hat mit geradezu kindlicher Freude auch der Lust am Trash freien Lauf gelassen. Blut fließt ebenso wie Fäkalien, denn Ove hat die Eigenart entwickelt, ihm unangenehmen Menschen in seiner Umgebung (also sehr vielen Menschen) Kartons mit selbst produzierten Exkrementen zu schenken. Diese Macke hat er als Kind im Zoo vor einem Affengehege entwickelt, an dem ein Schild darüber aufklärte, dass man Affen nicht provozieren sollte, weil sie mit Kot werfen könnten. Eine wirksame Methode also, sich unliebsame Zeitgenossen vom Halse zu halten. Eben auch Oves Chef beim „Institut“ oder den schmierigen Nachbarn, der sich leider als im Sorgerechtsverfahren entscheidender Jugendamtsmitarbeiter entpuppt.

Auch er wird am Ende der vorerst letzten Folge mit einem Messer an die Wand des improvisierten Hochzeitssaals, eines hübsch ausstaffierten Tempels der Trübseligkeit, gepinnt. Das ist bedauerlich für ihn, wie auch für das Paar, das ihn schließlich wegen des Sorgerechts noch braucht. Also wieder ein Cliffhanger, zumindest für die „Miniserie“ in der Mediathek.

Aus epd medien 22/22 vom 3. Juni 2022

Ulrike Steglich