Trauerarbeit

"Meeresleuchten", Fernsehfilm, Regie und Buch: Wolfgang Panzer, Kamera: Ramunas Greicius, Produktion: KJ Entertainment, Fireworks Entertainment, Film Manufacturers (ARD/WDR, 17.2.21, 20.15-21.45 Uhr)

Eine der größten offenen Fragen, die der Rückzug der religiösen Gefühle aus den Herzen der Menschen in säkularen Gesellschaften aufgeworfen hat, lautet: Wie gehen wir mit dem Verlust naher Angehörigen um? Wir leben wir mit dem Sterben? Wie verarbeiten wir unser Wissen um das Ende unseres Lebens und das unserer Lieben - ohne die Rituale der Kirche, den Pfarrer mit seiner Würde und den heiligen Versen, den Trost der Orgel und der Blumen auf dem Grab? Wo sind andere, neue, tragfähige Umgangsweisen mit diesem grausamen Begleiter des Lebens, dem Tod? Volker Panzers Film "Meeresleuchten" ist der Versuch einer Antwort und als solcher unbedingt verdienstvoll.

Es beginnt mit einem Flugzeugabsturz. Die Katastrophe selbst kommt nicht ins Bild, sie wird umschrieben. Im Cockpit sieht man die beiden Piloten, sie plaudern. Da nimmt einer von ihnen einen brandigen Geruch wahr. "Riechst du das auch?" - "Nein." Die Stewardess kommt hinzu, sie riecht auch nichts. Aber es knistert im Kabelgewirr. Und dann sieht man das Meer, es ist die Ostsee. Schnitt. Fernsehnachrichten: Eine Maschine aus Osaka, Japan, ist vom Radar verschwunden, ein Absturz könne nicht ausgeschlossen werden. Wieder das Meer. Und dann die Wohnung eines Ehepaares, das die Nachrichten aus dem Fernsehen vernimmt. Der Mann stutzt, er telefoniert. Die Frau zieht sich ein Kissen über den Kopf. "So was passiert nicht." Und es ist doch geschehen. Die Tochter war an Bord, die Eltern haben sie verloren. Für immer.

Das ist schlicht erzählt, um die Katastrophe herum, die so im Kopf der Zuschauerin Gestalt gewinnt. Und jetzt geht der Film los. Er zeigt Vater und Mutter, die kein Kind mehr haben und mit einem Schmerz konfrontiert sind, auf den niemand sich vorbereiten kann. Was tun sie? Die Fluggesellschaft stellt einen Bus zur Verfügung, mit dem die Hinterbliebenen an den Meeresstrand gefahren werden, so weit wie möglich an die Unglücksstelle heran. Unterwegs, auf einer Straße, die durch den Wald führt, bittet der Vater um Halt. Er steigt aus - aus dem Bus und aus seinem Leben, wie es vorher war.

Und hier beginnt der Film noch einmal. Der Vater, Thomas Wintersperger, Inhaber einer erfolgreichen Baufirma, beschließt von jetzt auf gleich, in dem Dörfchen Maalsund an der Ostsee zu bleiben, um seiner toten Tochter nahe zu sein. Er fängt ein neues Leben an und nimmt an, was ihm die Ostsee so in den Schoß spült. Da ist erst mal ein alter Kramladen, den er kauft und in ein Café-Restaurant verwandelt. Stammgäste hat er bald, auch eine Service-Kraft bietet sich an. Thomas schläft im Oberstock des Hauses, er klagt nicht, er fängt einfach neu und klein an.

Seine Frau sagt am Telefon: "Du lässt alles sausen." Das stimmt: Sein Geschäft hat Thomas mit seinem Bruder geführt, es lief glänzend, 800 Angestellte. Amerikanische Investoren waren interessiert, Thomas hatte immer Nein gesagt, aber jetzt rät er dem Bruder zum Verkauf. Neue Gäste kommen. Thomas erfährt die Lebensgeschichten mancher alter Dörfler. Die wundern sich über den seltsamen neuen Nachbarn, aber sie akzeptieren ihn. Er sagt: "Mein Platz ist hier, bei meiner Tochter."

Ulrich Tukur spielt Thomas Wintersperger als einen in sich gekehrten stillen Trauernden, der spürt, dass nur eine harte Kehrtwende im Leben den Schmerz in seiner Brust lindern kann. "Ich will allein sein. Ich brauche das noch." Er ist ja nicht wirklich allein, er führt ein Gasthaus, die Leute kommen und gehen, aber er ist ein Außenseiter und sieht sich als solcher angenommen, er muss nicht mit den Gästen trinken, er kann auch einfach nur am Meer entlang gehen.

Seine Frau Sonja (Ursina Lardi) wählt einen anderen Weg, den Verlust zu verkraften. Sie ist Architektin, ihr Beruf lenkt sie ab und füllt sie wohl auch aus. Diese sicherlich häufiger gewählte Variante der Trauerverarbeitung wird nicht erzählt, das Thema ist allein Thomas' Neubeginn. Wir hören nur hin und wieder von Sonja und fürchten natürlich, dass die Ehe an dem Unglück zerbricht. Aber so ist es nicht. Sonja versteht am Ende, dass ihr Mann mit dem zweiten Leben am Meer einen befreienden Weg gefunden hat und schließt sich ihm an.

Wolfgang Panzer, der das Buch geschrieben und auch Regie geführt hat, hat einen unspektakulären, leisen, aber doch eindringlichen Film gemacht, in dem der Umgang mit einem einschneidenden Verlust als persönliche Kraftanstrengung geschildert wird, die durch keine Trauerbegleitung, keine Trauerrede, keinen Trauergottesdienst und was sich sonst noch denken lässt, ersetzt werden kann. Die Umstände sind geschickt gewählt: Es gibt ja keinen toten Körper, keinen Sarg und kein Grab, es gibt keine letzten Worte, keinen physischen Abschied. Das heißt, den Hinterbliebenen wird das Äußerste abverlangt. Die Winterspergers werden sich immer wieder vorstellen müssen, wie es der Tochter in ihren letzten Lebensminuten gegangen ist - was für eine Qual.

Es war richtig, die Fluggäste, den Innenraum der Maschine nicht zu zeigen, weder beim Start in Osaka, noch in den Momenten der Todesangst beim Absturz. So entsteht ein Hohlraum des Entsetzens, den die Zuschauer spüren und auf die Winterspergers, die ihn im Kopf erleiden, projizieren können. Thomas' Geschichte ist ein Angebot an die Menschen unserer säkularen Gesellschaft, mit einem Unglück umzugehen, dem alle Tröstungen der alten Zeit und ihrer Glaubensgewissheiten entzogen sind.

Aus epd medien 8/21 vom 26. Februar 2021

Barbara Sichtermann