Tragischer Grantler

VOR-SICHT: "Endlich Witwer", Fernsehfilm, Regie: Pia Strietmann, Buch: Martin Rauhaus, Kamera: Florian Emmerich, Produktion: Bavaria Fiction (ZDF, 13.5.19, 20.15-21.45 Uhr)

Man könnte sich den Kunstrasenfabrikanten Georg Weiser (Joachim Król) nun als glücklichen Mann vorstellen: Kleinkrieg entschieden. Endlich Herr im Haus! Endlich Bier im Kühlschrank und nicht als warme Plörre daneben, was jahrzehntelang zum täglichen Feierabendbier mit Eiswürfeln führte ("Welcher Mann macht sowas?"), weil seine Angetraute den Kühlschrank stets als ihr Revier verteidigt hatte. Ohne sie wird er endlich schalten und walten, wie er will. Die geblümten Vorhänge herunterreißen, zum Beispiel. Am besten gleich die ganze Vergangenheit entsorgen.

Bald ragt im Vorgarten seines Siebzigerjahre-Bungalows ein Haufen Sessel, Textilien und Nippeskram in den Himmel. Dazu Erinnerungsstücke an die Pläne, die Georg einmal hatte. Er wollte weg aus Westfalen - er blieb. Er wollte gegen Atomkraft kämpfen - und brachte es nicht auf die nächste Demo. Die Kinder Susanne und Gerd kamen (Friederike Kempter und Tristan Seith) - eine einzige Enttäuschung. Das Geschäft - hat bessere Zeiten gesehen. Sechzig ist kein Alter für einen Unternehmer. Es sei denn, man ist von den Zumutungen der Umgebung so strapaziert worden wie Georg. Jetzt kann er durchstarten, nach 30 Jahren (Ehe-)Leben, die so verwässert waren wie seine Bierroutine. Ein neuer Fernseher muss her. Megabildschirm und Surroundsoundsystem. Und sonst? Was sonst? "Ich brenne für den tausendsten Krimi und fürs Pokalfinale."

Tausenderlei Einerlei - und immer etwas zu meckern. Im Schwimmbad zieht Georg seine abgesteckten Bahnen - Meer wäre ihm wohl zu unberechenbar. Mit seiner Frau hat er es bis zum Schluss ausgehalten, was er für eine Großtat hält, aber sie es am Ende nicht mehr mit ihm. Brigitte (Birge Schade) wollte sich scheiden lassen, jetzt sitzt sie tot im Fernsehsessel, während ein Tierfilm über Eisbären läuft. Es wirkt, als habe Georg sie nach 30 Jahren Unzufriedenheit mit seinem Leben schließlich totgenörgelt, im Moment, bevor sie davonlaufen konnte. Bittere Ironie.

Eigentlich aber hat sie sich eigenhändig totgekocht. Ihr Pflichtgefühl führte zum Tag-und-Nacht-Vorkochen vor dem Verlassen, bis zur vollständigen Erschöpfung. Brigitte war ordentlich und liebte Blumen und Setzkastentierchen. Nordic Walken in der Frauengruppe. Und obwohl sie ein neues Leben wollte, hat sie Georg mit einer Tiefkühltruhe voll portionierter Kohlrouladen, Schnitzel und Braten mit Soße sitzen gelassen. Die größere Ironie: Eigentlich passten Brigitte und Georg wunderbar zusammen.

Mit "Ekel" Georg hat Martin Rauhaus (Drehbuch) eine Figur geschaffen, eher einen Typen, der im Prinzip unsterblich ist. "Ekel Alfred" war in den 70ern jedem ein Begriff, seine arme Frau Else, gespielt von Elisabeth Wiedemann, hatte alle Sympathien. ("Ein Herz und eine Seele" hieß die Serie von Wolfgang Menge.) Während Alfred Tetzlaff (Heinz Schubert) über die Sozis allgemein und insbesondere über seinen Schwiegersohn (Diether Krebs) schimpfte, allen neuen Ideen sowieso feindlich gegenüberstand, ist Georg, dem Joachim Król viel Anrührendes gibt, eine zwiespältige und tragische Figur. Eine, die man auch aus Jack-Nicholson-Komödien kennt, und die als Grantler in der österreichischen Theaterliteratur eine bekannte Rolle spielt, etwa bei Nestroy oder als zynischer "Herr Karl" von Helmut Qualtinger.

Dieser Grantler hier aber ist Westfale. Mit dem Querschädel-Vorurteil, das den Westfalen anhaftet, spielt der Film "Endlich Witwer" nicht wenig. Der Westfale ist sesshaft und halsstarrig, aber nicht wirklich böse, leicht zu kränken trotz Dickfelligkeit, hat immer Recht und klebt an seiner Kleingartenparzelle, so heißt es. Auch Georgs Grundstück und Umgebung wirken wie eine wohlhabendere Kleingartenanlage. Kleingeist Georg verkauft am Grab seiner Frau Kunstrasen, lädt die Kinder zum Leichenschmaus aus, versteckt sich hinter der Tür, wenn jemand klingelt. Und macht eher nichts aus seiner freien Zukunft.

Bis mit Gisela Rückert (Anneke Kim Sarnau) eine despektierlich "Putze" genannte Haushaltshilfe in sein Leben tritt, die ihn nach und nach, Schritt für Schritt, Anerkennung für echtes Durchhalten empfinden lässt. Ihr Sohn Tom (Moritz Hoyer) - von Georg als "Psycho" abgestempelt - wird in der Schule gemobbt, der Vater ist gestorben. Die Frau hat Schulden. Und irgendwann eine Art Probelauf-Date mit Georg, das sehr schiefgeht und zum Kontaktabbruch führt. Aber Läuterung lässt nicht auf sich warten.

Rauhaus gruppiert um Georg, Gisela und die beiden Kinder Susanne und Gerd - allesamt Menschen, die unter ihren Möglichkeiten geblieben sind oder bleiben mussten - ein paar Funktionsträger, die weniger überzeugen. Vor allem der alte Schulfreund, dem Andreas Hoppe kaum Konturen geben kann, dient einzig der Vergangenheitsvergegenwärtigung. Dass Dieter Hallervorden als alter Klassenlehrer auf dem eher traurigen Kneipentreffen des 77er-Jahrgangs am Klavier Udo Jürgens singt, ist ein schöner Moment, der aber wenig für die Geschichte tut.

Sowohl Florian Emmerichs Kamera als auch Pia Strietmanns Regie finden adäquate Farben und Interieurs, Szenen und Einstellungen für Króls nuancenreiche Darstellung und Rauhaus' speziellen Humor. Selten wird Enttäuschung so ansprechend gezeigt. Ihre schließliche Überwindung wirkt da fast nebensächlich.

Aus epd medien 19/19 vom 10. Mai 2019

Heike Hupertz