Tragikomischer Seniorenblues

VOR-SICHT: "Unter Freunden stirbt man nicht", vierteilige Serie, Regie: Felix Stienz, Buch: Claudius Pläging nach dem Roman "Stockholm" von Noa Yedlin, Kamera: Jakob Beurle, Produktion: Keshet Tresor Fiction (TV Now ab 17.12.20)

Diese Serie hätte man eher bei den öffentlich-rechtlichen Sendern vermutet: Eine Handvoll beliebter TV-Stars fortgeschrittenen Semesters ist hier in der Adaption einer israelischen, schwarzhumorigen Serie zu sehen. "Unter Freunden stirbt man nicht" läuft aber weder im Ersten noch beim ZDF, sondern wird ab dem 17. Dezember auf TV Now gestreamt und soll später dann mal beim Koch-, Dating-, Einkaufsköniginnen- und Brautmodensender Vox zu sehen sein. Wie schön. Wird dort nur niemand suchen.

Der Plot der ersten Serie aus der sogenannten Fictionoffensive des Streamingportals der Mediengruppe RTL Deutschland, das nach eigenen Angaben "bis zu" knapp sechs Millionen Unique User im Monat hat, ist schnell erzählt: Herrmann, ein gut aussehender Wirtschaftswissenschaftler mit Aussicht auf den Nobelpreis, verstirbt unerwartet (auch tot sehr schön: Walter Sittler). Er ist Teil einer seit Jugendtagen befreundeten Bonner Clique am Ende ihres Berufslebens. Die Freunde beschließen, die Leiche fünf Tage lang, bis zur Verkündung der Nobelpreisentscheidung, zu verstecken. Denn Toten wird der Preis nicht verliehen.

Über vier Folgen schwelgt die in der Rückschau erzählte Serie in den absurden Verwicklungen, die aus der absurden Idee folgen. Die Rahmenhandlung bilden die Vernehmungen der Freunde auf dem Polizeirevier. Der Zuschauer weiß also von Anfang an, dass die Sache auffliegen wird. Die unter Corona-Bedingungen gedrehten Folgen heißen nach den vier Freunden und stellen jeweils eine(n) davon in den Mittelpunkt: Annette, Ella, Friedrich und Joachim.

Annette (sehr überzeugend: Adele Neuhauser) ist Buchhändlerin in wirtschaftlicher Not und seit den 90er Jahren die verheimlichte Freundin des wohlhabenden Porschefahrers Herrmann, der unzählige Affären hat. Friedrich ist ein alter Zausel im 68er Stil (komödiantisch überzogen: Michael Wittenborn), ebenfalls Ökonom an der Uni. Sein ganzes Leben lang war er neidisch fixiert auf den beruflichen Erfolg des nun verstorbenen Freundes und dessen Frauengeschichten. Joachim (gewohnt lässig: Heiner Lauterbach) ist reich, stellt aber nur irgendwelche schnöden Verschlüsse her. Intellektuell kann er mit seinen Freunden nicht mithalten und entpuppt sich als Verfasser peinlicher Lyrik. Und Ella (gewohnt schön: Iris Berben) mimt eine mannstolle Yogaseniorin, die sogar eine Leiche lieber hütet als ihre Enkel.

Die Pointen sollen vorab nicht verraten sein, nur die böseste und beste, die ganz am Anfang steht: Annette schubst einen hoch angesehenen Autor, der in ihrer Buchhandlung liest, als der ihr an den Busen grapscht. Zu dumm, dass er im Rollstuhl sitzt und dieser kippt. Zu dumm, dass der Grabscher ein Holocaustüberlebender ist, der gerade ein viel beachtetes Buch über seine Parkinsonerkrankung geschrieben hat. Skandal! Ein Handyvideo vom Zwischenfall geht viral. Eine penetrante RTL-Reporterin (Selbstironie!) heftet sich Annette an die Fersen. Bis diese sich im Fernsehen endgültig um Kopf und Kragen redet.

Diese Adaption der Fernsehserie "Stockholm" nach dem gleichnamigen Roman von Noa Yedlin nimmt sich ungewöhnlich viel Zeit beim Erzählen. Man merkt, dass sich hier jemand mehr Mühe mit den Dialogen gegeben hat als sonst in vielen Fernsehserien üblich. Vage fühlt man sich an den Stil von Yasmina Reza erinnert, doch fesselnd wirkt dieser tragikomische Seniorenblues nicht.

Die herausragend besetzte und von der Film- und Medienstiftung Nordrhein-Westfalen mit 750.000 Euro geförderte Serie ist der "Startschuss" der "Fiction Offensive" 2020/21, die die Sendergruppe Anfang des Jahres etwas martialisch angekündigt hat: Elf fiktionale Programme sollen realisiert werden. Wenn das bedeutet, dass der Druck von Netflix und die Möglichkeiten, die das Streamen Sendern und Empfängern bietet, dazu führen, dass in Deutschland mehr höherwertiges Programm für spitzere Zielgruppen produziert wird, dann wäre das nur zu begrüßen.

Aus epd medien 50/20 vom 11. Dezember 2020

Andrea Kaiser