Systembedingte Schizophrenie

VOR-SICHT: "Walpurgisnacht - Die Mädchen und der Tod", zweiteiliger Fernsehfilm, Regie: Hans Steinbichler, Buch: Christoph Silber, Thorsten Wettcke, Kamera: Christian Marohl, Produktion: Wiedemann & Berg (ZDF, 18. und 20.2.19, jeweils 20.15-21.45 Uhr)

Harz, Grenzgebiet. DDR-Sperrzone. 1988, anderthalb Jahre noch bis zum Mauerfall. Politischer Dornröschenschlaf am Rand der Welt. Von Glasnost, Perestroika und neuer Offenheit will in diesem abgeschiedenen Dorf noch niemand etwas wissen. Als eiserne Handbremse gegen "Systemzersetzung" durch den Klassenfeind regiert Kreisleiter Egon Pölz (Godehard Giese), Genosse Erich Honecker gibt es nur als gespenstisch vergilbtes Bild an der Wand. Im größeren Wernigerode hält Hauptmann Wieditz (Jörg Schüttauf) die Zügel fest, in der Sprengel-Außenstelle vertritt Polizist Karl Albers (Ronald Zehrfeld) den Posten. Zu tun gibt es wenig. Jeder kennt jeden, viele scheinen auf dem Sprung, keiner schafft es nach Ostberlin, dem Symbol einer offeneren Zukunft. Noch ist Republikflucht ein Thema.

Die bleierne Zeit ist sichtbar an und in den Häusern. Abblätternde Fassaden, triste Bauten und Inneneinrichtungen, die Kombinat zu rufen scheinen, alles umgeben von viel Wald und ragenden Felsen (Szenenbild: Adela Hakova, gedreht wurde im Harz und in Tschechien). Von einem stürzt eine junge West-Touristin ab, die Pölz' Sohn Ronny (Theo Trebs) außer Landes schmuggeln wollte. Ihr Fuß ist verstümmelt, in ihrem Schuh findet sich ein Miniaturhexenbesen, der von einer Figur stammt, wie sie der geistig eingeschränkte Jörg Spengler zu Dutzenden schnitzt. Schließlich ist der Hexentanzplatz Brocken nicht weit. Von dem allerdings bekommt man in diesem Film nichts zu sehen, weil der schon am Mythos "Letzte Tage DDR" schwer trägt und sich von den angespielten Mysterien nur mehr ein paar Dingsymbole borgen mag. Zu den schwächsten Figuren gehört ein stocksteifer DDR-Priester.

Paralysiert im Niedergang. Plötzlich bricht in diesen Film, wie der Falke in einer berühmten Novelle, der verdächtige Todesfall ein, den es eigentlich gar nicht geben dürfte, und setzt Zeit wie Geschichte in Bewegung. In der DDR - man denke an den Film "Mord in Eberswalde", der den echten Fall des Pädokriminellen Hagedorn zum Thema macht - gab es offiziell keine gestörten Mörder, und wenn doch, dann gab es sie trotzdem nicht. Auch der ZDF-Zweiteiler "Walpurgisnacht" bezieht aus dieser systembedingten Schizophrenie einen Gutteil seiner Spannung. Jedenfalls eine ganze Weile lang, bis man (zu) lange vor dem Ende die Zusammenhänge ahnt. Da aber ist der Witz der Grundkonstellation schon weg. Der besteht in der Annäherung von feindlichen deutsch-deutschen Staatsvertretern auf dem kleinen Dienstweg, die bis zur wunderlichen Gleichgesinntheit von Ost- und Westpolizei führt.

Weil Ostpolizist Albers sich weigert, den Fall auf sich beruhen zu lassen, reist eine einsame und traumatisierte West-Fallanalytikerin aus Wiesbaden an (in der hessischen Landeshauptstadt ermittelt man der filmästhetischen Kontrastwirkung wegen in einem Beton-Stahl-Glasklotz, einem Muster an metaphorisch gemeinter Transparenz). Profilerin Nadja Paulitz (Silke Bodenbender) kehrt gerade erst in den Dienst zurück. In ihren Alpträumen erlebt sie immer wieder, wie sie einen Frauenmörder erschoss. Mit Albers und Paulitz nimmt der Film die deutsche Wiedervereinigung - nicht als flammende Liebesgeschichte, sondern als pragmatisch-seelenverwandten Zusammenschluss zweier Unvollständiger - vorweg.

Zehrfeld und Bodenbender spielen so routiniert nachvollziehbar, dass die Symbolik nicht zu aufdringlich gerät. Aber sie spielen auch nicht weiter bemerkenswert. In "Die Stunde des Wolfes" etwa, einem Märchenthriller aus dem Erzgebirge-Glasbläsermilieu, trafen sich beide 2011 als Hauptfiguren einer Wilhelm-Hauff-Grusel-Geschichtsstunde. Trotz der ziemlich gewollten Verderbensapotheose, die ihnen das Drehbuch zum Schluss andichtete, agierten beide da lebendiger. Auch Jörg Schüttauf hat man schon in ähnlichen Rollen besser gesehen. In "Walpurgisnacht" muss er den Part des strukturell Ahnungslosen allzu lang geben. Ihm gönnt Regisseur Hans Steinbichler allerdings eine Szene, in der sein Hauptmann Wieditz, den man bis dahin fast schon für den gütigen Polizeionkel schlechthin halten konnte, beim Verhör eines Verdächtigen plötzlich die ganze Brutalität des Apparatschiks herauskehrt.

Es hätte so sein können. Allerdings gibt es weder IMs noch weit und breit irgendein Stasi-Interesse an den Vorgängen im Dorf, trotz neuralgischer geografischer Grenzlage. Das ist unglaubwürdig und stört zunehmend, wenn immer mehr junge Frauen einem Serienkiller zum Opfer fallen, alle kopflos in der Gegend herum ermitteln und dabei immer neue Holzwege betreten, ist aber - nur - aus Gründen der Drehbuchökonomie nachvollziehbar. Ansonsten wäre der zentrale Plottwist ganz zum Schluss, der für einen riesengroßen Psychothriller-Aha-Effekt sorgen soll, schon viel früher aufgeflogen.

Es knirscht also im erzählerischen Gebälk. Weniger moderne Heimatfilm-Anmutung hätte wohl auch gutgetan. Mehr als für Ost-West-Geschichten interessiert sich Steinbichler nämlich ganz augenscheinlich für die Provinz-Mentalität.

Gelungen ist dabei die Figur des Möchtegern-Pin-up-Fotografen Alexander (sehr überzeugend: David Schütter). Von seinem Aufwachsen im Heim, den Misshandlungen und dem juvenilen Lebensgefühl erfährt man nur im Vorübergehen. Und doch gewinnt er, auch durch einen denkwürdigen Pogo-Tanz im Hinterzimmer seiner Tankstelle, am meisten Kontur. Dass er mit Hilfe seiner Freundin, der Dorfschönheit Steffi (Zsá Zsá Inci Bürkle), groß rauskommen will, wie er seine Liebes-Mixtapes anpreist und dabei Nik Kershaw und Depeche Mode in ungelenkem Englisch ausspricht, wie er sich als Loser verhöhnen lässt, wütend wird und seine privaten Nischen der Befriedigung sucht - das spielt Schütter frei von Eitelkeit und berührend.

Aus epd medien 7/19 vom 15. Februar 2019

Heike Hupertz