Subjektiv und humorvoll

VOR-SICHT: "Junge Politikerinnen - Yes she can", Dokumentation, Regie und Buch: Carolin Genreith, Kamera: Philipp Baben der Erde, Dino von Wintersdorff, Janis Mazuch, Produktion: Kimotion Pictures, Carolin Genreith (ARD/WDR/NDR, 31.3.21, 23.05-0.35 Uhr)

Nicht einmal in jedem zehnten Rathaus in Deutschland regiert eine Bürgermeisterin. Der Frauenanteil liegt laut dem Städte- und Gemeindebund aktuell bei neun Prozent - Tendenz sinkend. Eine der wenigen Frauen, die es in der Kommunalpolitik in diese Position geschafft haben ist Laura Isabelle Marisken. Die Juristin aus Berlin gewann 2019 als parteilose Kandidatin die Wahl in der Gemeinde Heringsdorf auf Usedom. Als 32-jährige ledige, kinderlose Politikerin ohne Erfahrungen auf dem politischen Parkett widerspricht sie jedem Lokalpolitiker-Klischee. Die Frau, die viele Abläufe in dem kleinen Rathaus und viele Selbstverständlichkeiten auf den Kopf stellt, ist eine der Protagonistinnen von Carolin Genreiths eineinhalbstündiger Dokumentation "Junge Politikerinnen - Yes she can".

Genreiths Debütfilm "Die mit dem Bauch tanzen" wurde 2013 auf der Berlinale uraufgeführt und gewann auf dem Festival des deutschen Films den Publikumspreis. Nun porträtiert die 1984 geborene Filmemacherin gleich vier Protagonistinnen: neben der Bürgermeisterin Marisken auch die Grünen-Abgeordnete und Vizepräsidentin des schleswig-holsteinischen Landtags Aminata Touré, die FDP-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses Gyde Jensen und die europäische Abgeordnete und stellvertretende Vorsitzende der EFA-Fraktion Terry Reintke (Grüne).

Die Erzählweise der Filmemacherin ist persönlich, subjektiv, sensibel und humorvoll, ohne den Kontext aus dem Blick zu verlieren. Der Fokus liegt auf dem Alltag der Politikerinnen und ihrem Politikverständnis, das sich deutlich von ihren Vorgängern oder den Vorstellungen ihrer Kollegen unterscheidet. Reintke etwa berichtete 2017 im Zuge der #metoo-Debatte in einer Rede im Europäischen Parlament von ihren eigenen Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch. Viele Kolleginnen und Kollegen hätten ihr danach gesagt, das gehöre doch nicht ins Plenum eines Parlaments. "Natürlich kann man diese Meinung vertreten", sagt die Grünen-Abgeordnete in dem Film. "Ich glaube aber, wenn wir diese persönlichen Geschichten als Politiker*in nicht erzählen, dann wird diese Distanz zwischen dem, was auf der Straße passiert und dem, was hier in so Institutionen passiert immer größer. Und das ist auch eine große Gefahr."

Marisken hat kurz nach ihrem Amtsantritt ihr Bürgermeisterinnenbüro vom hintersten Winkel des Rathauses in einen gut einsehbaren Raum im Erdgeschoss verlegt. Sie will nah dran sein am Geschehen und den Bürgerinnen und Bürgern die Hemmungen nehmen, sie auch mal spontan anzusprechen.

Touré ist sehr aktiv auf Social-Media-Plattformen und nimmt ihre Follower vor allem bei Instagram und in ihrem Podcast "Das nehme ich mal mit" mit in ihren politischen Alltag. Wer heute den Faktor Social Media ausblende, verpasse gesellschaftliche Räume, sagt sie. Die 26-jährige erste afrodeutsche Vizepräsidentin eines Landtags will ihren nahbaren Politikstil aber nicht bloß als Ergebnis ihres Alters und Geschlechts verstanden wissen. "Es gibt auch viele junge Politikerinnen, und ich denk jetzt nicht explizit an Philipp Amthor, die genau so wirken wie Leute, die das seit 30 Jahren machen", sagt sie. Ihr sei eine eigene Herangehensweise wichtig, auch wenn andere sie warnen, sie mache sich angreifbar oder verletzlich.

Jensen ist als junge Mutter meist mit Mann und Baby im Parlament unterwegs. Weil Abgeordnete keine Elternzeit bekommen, ist sie zwei Wochen nach der Geburt schon wieder bei Terminen in Berlin unterwegs. Das geht nur, weil ihr Mann mitkommt und sich währenddessen um die kleine Tochter kümmert. Daran wird deutlich: Auch heute sind die Strukturen im Politikbetrieb oft so, dass die Arbeit darin ohne Partner oder Partnerin, die sich um Haushalt und Kinder kümmern, so gut wie unmöglich ist.

Indem sie solche Aspekte beleuchtet, gelingt es der Filmemacherin trotz der Konzentration auf die vier Einzelfälle, nicht den größeren Rahmen aus dem Blick zu verlieren, in dem die Protagonistinnen und andere Politikerinnen sich jeden Tag bewegen. Genreith ist ungewöhnlich nah an die vier jungen Frauen herangekommen. Ihre Fragen, die in Interviewsituationen immer wieder Teil des Films sind, wirken fast wie ein Gespräch unter Freundinnen. So spricht sie mit Marisken darüber, was diese für ihre Politikerinnenlaufbahn aufgegeben hat: das urbane Leben mit Freunden in Berlin, Partnerschaft und Kind. Das sei mit ihrem Job grade nicht vereinbar. Dafür habe sie die Möglichkeit, etwas zu verändern.

Von Touré fängt die Filmemacherin eindrückliche Szenen in der Bahn auf dem Weg zum Grünen-Parteitag ein. Bis zur letzten Minute arbeitet sie dort unter Anspannung an ihrer Rede und ist unsicher, ob sie ihr Anliegen, die Partei brauche mehr Diversität, in den paar Minuten ihrer Redezeit gut rüberbringen kann. So gelingen Genreith sehr sensible Einblicke und Bilder, wie man sie aus den üblichen ARD-Dokumentationen kaum gewohnt ist.

Die Dokumentation bemüht sich erst gar nicht um einen vermeintlich objektiven Standpunkt, sie zeigt eine persönliche Sicht auf die Protagonistinnen. Als roter Faden taucht mehrmals die Frage der Filmemacherin auf, warum sie selbst so wenig Ambitionen hatte, in die Politik zu gehen. Mit einem humoristischen Unterton blickt Genreith auf die Bilder von politischen Herrenclubs der 60er bis 90er Jahre und auf sexistische Äußerungen des FDP-Vorsitzenden Christian Lindner. Die Ankündigung des Ersten, die Zuschauerinnen erwarte mit "Yes she can" ein "subjektiver, lebendiger, heiterer, berührender Dokumentarfilm" ist daher kein leeres Programmversprechen. Genreith ist ein ungewöhnlicher und persönlicher Dokumentarfilm gelungen, der herausarbeitet, welche Potenziale dem Politikbetrieb und damit letztlich der Gesellschaft verloren gehen, wenn die Strukturen weiterhin auf die Lebensmodelle älterer Männer zugeschnitten bleiben.

Aus epd medien 12-13/21 vom 26. März 2021

Nora Frerichmann