Spitzenspiele

VOR-SICHT: „Das Netz: Spiel am Abgrund“, achtteilige Thrillerserie, Regie: Rick Ostermann, Buch: Bernd Lange, Kamera: Juan Sarmiento, Produktion: Sommerhaus Serien, Das Netz GmbH, Degeto (ARD/Servus TV/SRF, ab 21.10.22 in der ARD-Mediathek, ARD, 3.11.22, 20.15-23.15 Uhr, 4. und 5.11.22, 20.15-21.45 Uhr); „Das Netz: Prometheus“, achtteilige Thrillerserie, Regie: Andreas und Daniel Prochaska, Buch: Martin Ambrosch, Kamera: Matthias Pötsch, Produktion: MR Film, Das Netz GmbH, Degeto (ARD/Servus TV, ab 28. Oktober in der ARD-Mediathek, ARD, 17.11. und 19.11.22 20.15-23.15 Uhr)

epd Es kann Konsequenzen haben, wenn die Wirklichkeit die Fiktion überholt. 2001 musste in den USA der Start der Thrillerserie „24“ verschoben werden, weil sich zwischen Produktion und Premiere die Anschläge vom 11. September ereigneten. 2015 nahm die ARD nach den Pariser Terrorangriffen die „Tatort“-Episode „Der große Schmerz” vorerst aus dem Programm. Ähnlich verfuhr RTL im selben Jahr mit der Produktion “Starfighter - Sie wollten den Himmel erobern” aus Rücksicht auf einen Flugzeugabsturz.

Die Serie „Das Netz“ beginnt weniger brisant, aber verblüffend aktuell mit der Zeitangabe: „Zwei Wochen bis zur WM.“ Vom Tag der linearen Ausstrahlung an vergehen tatsächlich nur noch zwei Wochen, bis in Katar die reale Fußball-Weltmeisterschaft angepfiffen wird.

Auf einem staubigen Bolzplatz im ghanaischen Accra träumen junge Spieler davon, an solchen Wettbewerben teilnehmen zu dürfen: „Fußball ist kein Spiel. Fußball ist unser Schicksal.“ Ein wenig preziös, diese Aussage, aber nicht falsch, weder in der Spielhandlung noch im echten Sportlerleben. Und keine Sorge - „Das Netz“ martert nicht mit verklärendem Fußball-ist-unser-Leben-Schwulst. Am Spielfeldrand in Accra lauert der deutsche Talentscout David Winter (Itay Tiran). Sein gemeinsam mit Richard Felgenbauer (Tom Wlaschiha) geführtes Unternehmen lebt davon, begabte Kicker zu entdecken, zu fördern und meistbietend zu verkaufen.

Auf den ersten Blick ist das eine Chance für Unterprivilegierte aus Afrikas Armenvierteln, ihre Lebensverhältnisse zu verbessern. Das Geschäftsmodell funktioniert indes nur, solang die unter Vertrag genommenen Sportlerinnen und Sportler Leistung bringen. Lässt diese nach oder werden sie nachhaltig verletzt, sind sie aus Unternehmersicht wertlos.

Im - erdachten - Weltfußballverband WFA tritt Präsident Jean Leco (Raymond Thiry) an, diese Leibeigenschaft zu beenden. So jedenfalls lautet eines seiner Argumente für eine World League, in der die besten Mannschaften aller Länder gegeneinander antreten. Die Vorteile: Der Einfluss der dominanten europäischen Vereine wird zurückgedrängt, begabte Sportler werden nicht länger nach Europa gelockt, sondern bekommen in ihren Heimatländern attraktive Bedingungen geboten, denn die werden mitverdienen an der „cashcow of the century“, wie Leco sich ausdrückt.

David Winter ist mit der Berliner Anwältin Lea Brandstätter (Birgit Minichmayr) liiert. Er besucht sie in Berlin, überlässt ihr nervös ein Handy mit brisanten Daten. Für den Abend hat er sich für ein Fußballspiel mit dem Sportjournalisten Daniel Bosch (David Ruland) verabredet. Winter fühlt sich verfolgt. Zu Recht. Zwei Schläger nähern sich, prügeln auf sie ein. Die Hooligans Marcel Fork und Kevin werden aufmerksam, mischen mit. Ein Angreifer zückt ein Messer, Kevin stirbt. Kurz darauf kommt vor Lea Brandstätters Augen auch Winter ums Leben. Die verdächtigen Vorgänge lassen Brandstätter keine Ruhe. Sie stellt Fragen, forscht nach und wird erfahren, dass sie Winter nicht so gut kannte, wie sie dachte. Sie stößt auf Korruption und Verbrechen.

Parallel sucht Marcel Fork nach den Mördern seines Freundes. Zwangsläufig treffen der vor Rachedurst brodelnde Fork und die gerissene Anwältin aufeinander, bilden ein sehr ungleiches Team, streiten, finden wieder zusammen. Noch immer sind gedungene Mörder unterwegs. Der im Koma liegende Journalist Bosch ist in Lebensgefahr, bald auch Lea Brandstätter und deren Kanzleikollegin Christina Hein (Eva Mattes).

Die Serie „Das Netz“ besteht aus zwei Zyklen mit je acht Folgen. Der erste ist mit „Spiel am Abgrund“ überschrieben, der zweite, der den Untertitel „Prometheus“ trägt, erzählt die eigenständige Geschichte des englischen Arztes und Dopingfahnders Georg Trotter (Tobias Moretti) und seiner Frau Diana (Angel Coulby). Unerwartet meldet sich ein ehemaliger Trainer bei Trotter und behauptet, der vermeintliche Unfall, der Diana in den Rollstuhl zwang, sei in Wahrheit ein Anschlag gewesen. Brüsk weist Trotter ihn ab.

Sein früherer Kollege Andreas Müller (Benjamin Sadler) offeriert Trotter die Leitung einer exklusiven Sportklinik in Bad Gastein. Trotter zögert, sagt aber zu, nachdem er angeeckt ist, weil in seiner Klinik eine Patientin eine Vorzugsbehandlung erhalten hat. Fortan behandelt er Star-Fußballer. Auch milliardenschwere Funktionäre quartieren sich ein. Und unterziehen sich dubiosen Therapien.

Die beiden Zyklen greifen ineinander. Figuren wie Jean Leco oder die mysteriöse Chinesin Anne Hsu (Uisenma Borchu) treten in beiden in Erscheinung, einige Szenen decken sich. Obwohl von getrennten Teams verfasst und produziert, funktioniert die Serie als Ganzes hervorragend. Die Dialoge sind typgerecht im Spektrum zwischen Diplomatensprache und breitem Argot.

Überzeugend die Konsequenz in der Charakterzeichnung - wenn ein Hooligan mal auf der richtigen Seite steht, ändert sich deshalb noch nicht sein Naturell. Marcel Fork fehlt die Geduld für Brandstätters Aktenstudium, die Webrecherchen. Er will losschlagen.

Traditionell trumpfen die deutschen Sender mit großen Prestigeproduktionen auf, wenn es auf Weihnachten zugeht. Die ARD setzt mit der Serie „Das Netz“ Maßstäbe, stemmte das Projekt auch nicht alleine. Aus Österreich war Servus TV beteiligt, die Unternehmen Beta Film und Red Bull, Mutterkonzern von Servus TV, gründeten eigens die Das Netz GmbH.

Den Partnern ist eine Serie auf internationalem Niveau gelungen. Exzellent gespielt, hervorragend fotografiert und geschnitten. Großproduktionen mit gleichem Anspruch wie „Deutschland 83“ und „Babylon Berlin“ waren zwar auf Fortsetzung angelegt, gerieten aber in sich episodisch und damit weniger fesselnd. „Das Netz“ überzeugt außer mit dem fundiert und provokant verhandelten aktuellen Thema mit einer genuin epischen Dramaturgie. Daraus resultiert eine stetig steigende Spannung, die von exzellenten Filmkompositionen wirksam unterstützt wird.

Aus epd medien 41/22 vom 14. Oktober 2022

Harald Keller