Spannender Politkrimi

VOR-SICHT: "Die Getriebenen", Fernsehfilm, Regie: Stephan Wagner, Buch: Florian Oeller, Kamera: Thomas Benesch, Produktion: Carte Blanche International (ARD/RBB/NDR, 15.4.20, 20.15-22.15)

Zweimal in diesem Film sagt Angela Merkel "Scheiße". Das erste Mal ziemlich am Anfang, da steigt sie im Juli 2015 nach dem Treffen der Staatschefs in Brüssel in ihren Dienstwagen und erhält auf dem Handy die Nachricht, dass Ungarn begonnen habe, einen Zaun zu bauen. Das zweite Mal kommt sie grade vom CSU-Parteitag, auf dem Horst Seehofer sie zur Schnecke gemacht hat. Und wieder lässt sie sich in den Rücksitz ihres Dienstwagens fallen: "Scheiße". Es ist ihr Schlusswort im Film.

Es handelt sich natürlich nicht um die wirkliche Angela Merkel, sondern um die Filmfigur in Stephan Wagners Politdrama "Die Getriebenen", gespielt von Imogen Kogge. Der Fluch ist zwar nur ein minikleines Bauelement dieses Films, aber ein durchaus bezeichnendes. Es erzählt, erstens, dass die Kanzlerin auch nur ein Mensch ist. Dass, zweitens, das Drama um die Septembertage 2015 schon viel früher beginnt, hier mit dem Stress und den Verhandlungen, um den Grexit zu verhindern. Drittens hält sich der Film in den äußeren Abläufen sehr an die Darstellung von Robin Alexander im gleichnamigen Sachbuch, fügt aber eine dezente Schlüssellochperspektive dazu. Alexander weiß sehr viele Details, manche so intim, dass man sich fragt, woher er sie weiß. Aber der Fluch der Kanzlerin, der kommt bei ihm nicht vor.

Was der Film erzählen will, sagt er schon im Titel "Die Getriebenen". Politik als eine Veranstaltung, die aus dem Krisenmodus gar nicht herauskommt, in der Politiker mit- und gegeneinander arbeiten, von Ereignissen überrollt werden, Pläne machen und sie wieder verwerfen, einander austricksen. Politik als Haifischteich. Das Polit-Drama, das Stephan Wagner daraus macht, ist den Ereignissen schon eingeschrieben, wir haben es 2015 täglich am Bildschirm verfolgen können. "So tatsachengetreu wie möglich" habe er das verarbeiten wollen, sagt Drehbuchautor Florian Oeller.

Und so hält sich der Film in seinen Abläufen im Wesentlichen an die Ereignisse in diesen 63 Tagen im Sommer 2015, immer mit der Kanzlerin im Mittelpunkt. Schildert die eskalierenden Konflikte mit Horst Seehofer und Viktor Orban. Die Auseinandersetzung innerhalb von CDU und CSU um ihre Politik der offenen Grenzen. Erzählt, wie sich die Spitzen von Verfassungsschutz, BKA und Bundespolizei verbünden, um eine schärfere Asylpolitik durchzusetzen. Zeigt die Kanzlerin natürlich auch als Getriebene, die sich lange weigerte, mit dem Besuch eines Flüchtlingsheims ein politisches Zeichen zu setzen, bis sie dann mit ihrem Besuch in Heidenheim ins offene Messer lief und sich vom rechten Mob beschimpfen lassen musste.

Politik, auch das entnehmen wir dem Film, findet im Laufen statt, wörtlich und im übertragenen Sinn. Auf den Fluren zwischen den Büros und Tagungsräumen, im Auto zwischen zwei Terminen, im Flugzeug zwischen zwei Konferenzen. Kaum ein Ruhepunkt, alle immer in Bewegung. Das Bild ist freilich unvollständig - Parteien, Institutionen, die Zivilgesellschaft spielen in diesem politischen Szenarium keine Rolle, es agieren und intrigieren nur Personen. Groß aber ist die Macht der Bilder auf politische Entscheidungen. Die Kämpfe um den Grenzzaun in Mazedonien, der Kühllaster mit den Leichen von Flüchtlingen auf der österreichischen Autobahn, gekenterte Flüchtlingsboote, der tote Junge Alan Kurdi, die chaotischen Zustände im Budapester Bahnhof Keleti. "Deutschland muss anders sein", entsetzt sich die Kanzlerin.

Das ist einer der Momente, in denen der Film die persönlichen Wendepunkte der Kanzlerin beschreibt. Zu denen gehört auch die Veranstaltung mit dem weinenden libanesischen Mädchen Reem Sahwil in Rostock. Oder die Begegnung mit dem Hass in Heidenau. Das sind dann auch die Passagen, in denen das Private den Ereignissen etwas hinzufügt. Als im Urlaub Joachim Sauer zu Angela Merkel sagt, er bewundere sie wegen ihrer Gelassenheit, gibt sie ihm die wohl verbürgte Antwort: "Wenn Aufregung helfen würde, Probleme zu lösen, dann würde ich mich aufregen." Später machen sie auf einer Bergkuppe Rast, sie lehnt den Kopf an seine Schulter- ein intimer Moment, bei dem freilich in etwas Abstand die Sicherheitsleute stehen, ein geradezu surreales Bild.

Oder der Schlüssellochblick ins Wohnzimmer: Ein Ehepaar auf dem Sofa schaut Tagesschau. Nicht ungeschickt, wie das Drehbuch hier imaginiert, dass nicht ein Parteigegner, sondern Joachim Sauer (Uwe Preuss) seiner Frau die Leviten liest, sie habe sich nicht rechtzeitig um die Flüchtlingsfrage gekümmert: "Du hast es verschoben und zerredet. Du solltest aufhören zu verdrängen." Die Szene bleibt lakonisch und privat: "Krieg dich wieder ein, Joachim."

Die Ereignisse in ihren Grundzügen sind bekannt, ihr bisheriger Ausgang auch - dennoch bleibt "Die Getriebenen" ein spannender Politkrimi. Er ist chronologisch auf die sich steigernde Krise hin gebaut, im schnellen Schnitt spiegelt sich die Hektik der Politik. Einige Dokumentarbilder hat der Autor auch eingefügt, sie werden im Splitscreen gefasst, bekommen damit etwas Drängendes, alles geschieht schnell und gleichzeitig. Leider lassen sich die Macher nicht die Möglichkeit entgehen, reale Figuren mit inszenierten zu koppeln und nach Möglichkeit unerkennbar miteinander zu verschmelzen.

Dies ist aber nur ein marginaler Punkt in der Ambivalenz dieser Form des Erzählens: einerseits an die realen Ereignisse eng angelehnt, andererseits nachgespielt. Einerseits reale Protagonisten, deren Namen auch immer eingeblendet werden, andererseits Schauspieler, die den realen Figuren mehr oder weniger erkennbar nachgebildet sind. Das funktioniert übrigens meist über die Frisuren.

Auch für die Schauspieler ist die Aufgabe nicht einfach. Die meisten bleiben in dieser Erzählkonstruktion Funktionsfiguren. Manche blass wie etwa Walter Sittler (Frank-Walter Steinmeier) oder Wolfgang Pregler (Thomas de Maizière). Andere körperlich so unverkennbar wie Tristan Seith als Kanzleramtschef Peter Altmeier. Einige sind zu Karikaturen verkleinert worden. Markus Söder (Matthias Kupfer) ist hier der politische Bullterrier, der den Alten wegbeißen will und in einem (schon wieder irgendwie privat erlauschten Dialog) zu Seehofer sagt: "Wir sind uns zu ähnlich. Bloß dass ich 18 Jahre jünger bin." Seehofer darauf: "Verschwind. Hau ab."

Den Fesseln der Nachahmung entkommen nur die beiden Protagonisten, das aber großartig. Allein ihre Leistung lohnt den Film. Imogen Kogge spielt die Kanzlerin als eine Figur eigenen Rechts und fegt souverän jedes Klischee weg, das sich mit ihr verbinden könnte. Und Josef Bierbichler gibt den Horst Seehofer als tragische Figur, als alternden Mann, zwischen Resignation und Provokation schwankend, sich aufbäumend dagegen, dass er verdrängt wird, aber immer machtbewusst. Josef Bierbichler ist eindeutig der bessere Horst Seehofer.

Wenn der Film jetzt im Ersten läuft, ist die Flüchtlingskrise von 2015 längst abgelöst durch die viel größere Krise unserer Gegenwart. Die Protagonisten sind durcheinandergeschüttelt, die Rollen werden neu verteilt, die Politik bewegt sich in anderen Parametern, und alle kennen nur noch Corona. Aber auch wenn der Film im Moment aussieht wie eine Botschaft aus einer anderen Zeit, kann er auch die Augen öffnen. Und dazu anregen, auch und vor allem heute genauer hinzuhören und hinzuschauen, den Interessenlagen und den politischen Manövern seine Aufmerksamkeit zu schenken. Oder glaubt jemand, mit Corona seien alle Konflikte und Interessen, sei alle Politik ausgelöscht?

Aus epd medien 15/16 vom 10. April 2020

Fritz Wolf