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VOR-SICHT: "Deutschland '89 - Countdown zum Mauerfall", Dokumentation, Buch und Regie: Henrike Sandner, Kamera: Christoph Valentien, Produktion: Looksfilm (ZDFinfo, 27.9.19, 21.00-21.45 Uhr)

Fast 30 Jahre lang teilt die Berliner Mauer eine Stadt in zwei Hälften, spaltet ein Land. Mit dem Bau des "antifaschistischen Schutzwalls" zerfallen am 13. August 1961 unerwartet und grausam konsequent Biografien und Familien. 115 Kilometer Stacheldraht führen quer durch eine Millionenstadt, eine tödliche Linie zwischen Ost und West. An eine deutsche Wiedervereinigung denkt jahrzehntelang keiner. Zur deutsch-deutschen Geschichte hat die Dresdner Filmemacherin Henrike Sandner neben "Deutschland '61 - Countdown zum Mauerbau" für ZDFinfo eine zweite Dokumentation vorgelegt: "Deutschland '89 - Countdown zum Mauerfall" - 45 Minuten für ein Jahr voller Ereignisse mit weitreichender historischer Bedeutung.

Erzählt werden Meilensteine bis zum Fall der Mauer. Startpunkt ist der Herbst 1988. Der russische Generalsekretär Michail Gorbatschow hatte längst den neuen Kurs eingeleitet: Glasnost und Perestroika, Offenheit und Umgestaltung. Die Visionen des Reformers schmecken den DDR-Oberen nicht. Sie fühlen sich von der Sowjetunion verraten und fürchten den Aufstand des Volkes.

Der "Countdown" endet mit dem 9. November 1989 in Berlin, als der SED-Funktionär Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz zur neuen Reisefreiheit auf Nachfrage sagt, die überarbeiteten Regelungen beginnen "sofort … unverzüglich". Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer, das Volk ist nicht mehr aufzuhalten. Noch vor Mitternacht geht in der Bornholmer Straße der Schlagbaum hoch, werden die Grenzkontrollen eingestellt. Die Mauer ist Geschichte.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Film mit begrenzter Sendezeit nicht die komplette Bandbreite eines Ereignisses abbilden kann - schon gar nicht das rasante Jahr vor dem Mauerfall 1989. Sandners Verdienst ist es, dass sie die deutsche Geschichte in den europäischen und internationalen Kontext stellt. Sie erzählt unter anderem von der blutigen Niederschlagung der Proteste in Peking, der Öffnung der Grenzzäume in Ungarn, vom Paneuropäischen Picknick, dem Besetzen der deutschen Botschaften und vom Besuch Gorbatschows am 7. Oktober in Berlin, als die SED den 40. Jahrestag der DDR zelebrierte.

Am Rande der Feierlichkeiten kommt es an diesem Tag und vor den Augen der Weltpresse zu Protesten. Die Bilder gehen um den Globus. Außer in Berlin wird in etwa 50 weiteren ostdeutschen Städten demonstriert. Der Film zeigt Gorbatschow bei seinem Berlin-Besuch. Zur damaligen politischen Lage sagt er Journalisten: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf die Situation reagieren."

Der Film lebt von Originalaufnahmen aus jener Zeit, die Deutschland und Europa so verändert haben. Auch dokumentarische Aufnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit fließen ein und ein Originalton des Stasi-Chefs Erich Mielke. Interviewt werden unter anderem der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker und Autor Frederick Taylor sowie Walter Momper (SPD), der 1989 Regierender Bürgermeister in Westberlin war. Zu Wort kommen auch der damalige Diplomat des Auswärtigen Amtes, Jürgen Sudhoff, der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow und der Fotograf Dieter Riemann, der einen Ausreiseantrag gestellt und mit der DDR abgeschlossen hatte. Vorgelesen wird aus Tagebüchern schon verstorbener Zeitzeugen, etwa aus denen des Leipziger Fotografen Martin Naumann oder des Schriftstellers Walter Kempowski.

Die Dokumentation arbeitet zum Teil mit Bildern, die schon allseits bekannt sind - wie etwa der Besuch des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) in der Prager Botschaft, der Demonstrationszug über den Leipziger Innenstadtring am 9. Oktober oder der Ansturm am Grenzübergang Bornholmer Straße am 9. November. Dennoch verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Belebend sind die Interviewpassagen mit Walter Momper, der etwa den Umsturz in der DDR auf lockere Berliner Art erklärt: "Wenn die oben wollen, dass die unten was machen, und die machen es nicht mehr - dann ist es Revolution."

Dass es allerdings nicht ganz so einfach war, zeigt die Dokumentation mit Filmaufnahmen vom Dresdner Hauptbahnhof, der Anfang Oktober 1989 einer Nahkampfzone gleicht. Als zum zweiten Mal Züge mit Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch die DDR fahren, gerät die Situation außer Kontrolle. Hunderte Menschen stürmen den Dresdner Bahnhof. "Ein schwerer strategischer Fehler" der DDR-Regierung, konstatiert Diplomat Sudhoff im Film, die Züge noch mal durch den Osten fahren zu lassen, um den Bürgern die Ausweise abzunehmen.

Sandner rollt ihren Film wesentlich vor dem Hintergrund der zahlreichen Ausreisewilligen auf, die sicherlich den Fall der Mauer beschleunigt haben. Die Rolle der Kirchen aber, der Reformer und der Bürgerrechtler - das geistige und intellektuelle Zentrum der friedlichen Revolution - kommt viel zu kurz. Pfarrer als Zeitzeugen werden gar nicht interviewt. Die Demonstranten sind durch Bilder und die Rufe "Wir sind das Volk" präsent. Es wird vor allem über sie statt mit ihnen gesprochen. Dennoch, Verdienst der ZDF-Dokumentation bleibt es, wesentliche Daten der friedlichen Revolution zu sortieren und nachvollziehbar in den historischen Kontext einzuordnen.

Aus epd medien 39/19 vom 27. September 2019

Katharina Rögner