Sippenchaoskomödie mit Anspruch

VOR-SICHT: "Eltern mit Hindernissen", Fernsehfilm, Regie: Anna-Katharina Maier, Buch: Sophia Krapoth, Kamera: Doro Götz, Produktion: Ariane Krampe Filmproduktion (ARD/MDR/ORF, 3.6.20, 20.15-21.45 Uhr)

1996 veröffentlichte Hillary Rodham Clinton ein Buch, das seither zahlreiche Auflagen, Schmuckeditionen und Vortragsverdichtungen erlebt hat: "It Takes a Village" (deutsch: "Eine Welt für Kinder"). Umschlagfotos des Bestsellers zeigen die entspannt lächelnde Verfasserin inmitten wechselnder, aber immer diverser, glücksstrahlender Kindergruppen. Mit Gruppensolidarität und einer auf viele Schultern verteilten Verantwortung, so Clintons Utopie nach einer alten Weisheit, würden alle Kinder gesünder und besser aufwachsen, auch ihre Mütter hätten die Chance auf angemessene Partizipation in der Arbeitswelt - und nicht nur auf Schichtmaloche im Schnellimbiss. Männer? Eher ein unzuverlässiger Faktor in Clintons Rechnung.

Katrin Wiedemann (Nicolette Krebitz), hochschwanger mit ihrem dritten Kind, zitiert Clinton nicht nur bei Gelegenheit, sie hat den Optimismus der Ex-Präsidentschaftskandidatin gänzlich verinnerlicht. Kurz vor dem Geburtstermin hat Lehrerin Katrin jedes Detail geplant und durchgetaktet: Acht Wochen Mutterschutz, dann zurück in die Hanna-Roder-Gesamtschule, in der sie bislang als Sportlehrerin für Gruppenertüchtigung sorgt, dann Einstellungsgespräch für den Direktorinnenposten und langfristige Verwirklichung ihres wohl überlegten, sorgfältig erarbeiteten Schul-Zukunftsprojekts.

Kinder liebt sie, nicht nur die eigenen, Saskia (Emilie Neumeister) und Leo (Luis August Kurecki), sondern auch alle anderen, selbst die schwierigsten Schüler. Katrin ist eine Frau mit einer beruflichen Mission, die nichts mit Positionenschacher, aber alles mit Macht als Ermöglichen zu tun hat. Noch schnell das Kind geboren, dann wird alles laufen wie am Schnürchen, meint Katrin, während sie mit Saskia Physik paukt und Leo vom Dauerzocken abhält. "Superpapa in spe" Philipp Esch (Hary Prinz) freut sich, die gesamte Elternzeit in Anspruch zu nehmen. Ohnehin ist er eher der Typ engagierter Privatier, der seiner Frau den Rücken freihält. Aus dem Wohnzimmer hat er schon einmal eine Bambusoase mit Wassergeburtspool in Luxusausführung gemacht.

Finde den Fehler in dieser Anordnung, die als Komödienstoff prima taugt, als realistischer Familienfilm aber ungefähr so wahrscheinlich ist wie der Rücktritt Donald Trumps, um das Corona-Zukunftsmanagement in Clintons Hände zu legen und fortan in Mar-a-Lago Golf und Cheeseburger rund um die Uhr zu genießen. Der Fehler, von der abtretenden Direktorin Dr. Schulze-Stadler (Sophie Rois) auch "das Problem" genannt, heißt Isalie, ist nach einer Sturzgeburt im Polizeiauto zu Welt gekommen und lehnt es gänzlich ab zu schlafen. Jedenfalls immer dann, wenn Katrin und Philipp dringend der Nachtruhe bedürfen.

Dem Frauenteam, dem wir die Dramödie "Eltern mit Hindernissen" verdanken, gelingt in dem Teil, der unmittelbar nach der Niederkunft spielt, große Lebensnähe, sowohl in den Dialogen, die Nicolette Krebitz mit viel glaubhafter Natürlichkeit erfüllt, als auch in Inszenierung und Bildgestaltung. Während Isalie nachts putzmunter ist, verfallen die Eltern regelrecht, insbesondere psychisch. Szenen im Zeitraffer lassen mitleiden - Schlafentzug ist eben Folter. Währenddessen hat die eigentlich frauensolidarisch gestimmte, aber misstrauische Dr. Schulze (sehr markant und witzig sich windend gespielt von Rois) eine grandiose Idee. Da das Kind ja seine - im übrigen völlig fertige - Mutter brauche, solle Philipp ihre Stelle mit Katrins großartigem Konzept übernehmen. Interimistisch natürlich. Worauf bei den Wiedemann-Eschs der Haussegen schief hängt, das Baby bei einem nächtlichen Streitgespräch versehentlich in der Babyklappe landet, die Jugendamtsmitarbeiterin Frau Högel (Milena Dreißig) der Familie auf den Fersen bleibt und in der großen Leipziger Villa die Türklingel nicht mehr still steht.

Die Boulevardtheater-Note tut der Handlung gut. Sie hilft, das an sich abstrakte Thema "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" spielerisch aufzulockern - bis auf den abschließenden, lang geratenen und penetrant süßlichen Liebeserklärungsmonolog, den Krebitz vor der Einstellungskommission zum Besten geben muss, Spontanapplaus der Frau vom Jugendamt inklusive. Bis dahin nistet sich Katrins Vater Horst (Peter Prager) auf der Flucht vor seiner sexbesessenen jüngeren Freundin bei der Familie ein, taucht Katrins Ex-Schwiegermutter Diana (Daniela Ziegler) mit deutlichen Anzeichen von Demenz auf, kommt ihr Ex-Flirt auf der Suche nach Bleibe und Bett von seiner Weltreise zurück, bewirbt sich Saskia heimlich fürs Internat und entwickelt Leo Anzeichen von Computersucht. Fern davon, dass ein ganzes Dorf Katrin mit ihrem Baby hilft, muss sie sich um Wohl und Wehe des ganzen Dorfes kümmern.

Das bringt Gelegenheit, Personal der ersten beiden, noch slapstickhafteren Reihen-Folgen "Familie mit Hindernissen" (2017) und "Trauung mit Hindernissen" (2018) wieder einzuführen. Im Großen und Ganzen gelingt dabei die Gratwanderung zwischen Gleichstellungsbotschaft und Sippenchaoskomödie. Nicolette Krebitz spielt die Gebärende am Rande des Nervenzusammenbruchs mit großem Herz und vielen bunten Familien-Aufgabenzetteln frisch und warmherzig. Den überlangen Gleichstellungs-Appell am Schluss hat sie nicht verdient. Störend stößt außerdem auf, dass Krebitz' Katrin ihre Direktorinnen-Ambitionen in eine Wolke von Kinderliebe hüllen muss, als würde dies ihren unmittelbaren Berufswiedereinstieg entschuldbarer machen, und als hätte man sich sehr bemüht, den in Deutschland überaus zählebigen Rabenmutter-Vorwurf zu vermeiden. Auf der Plusseite steht der Witz, mit dem "Eltern mit Hindernissen" seinem Realismusanspruch die gesellschaftspolitische Trockenheit nimmt.

Aus epd medien 22/20 vom 29. Mai 2020

Heike Hupertz