Sinn fürs Schöne

VOR-SICHT: "Ruhe! Hier stirbt Lothar", Fernsehfilm, Regie: Hermine Huntgeburth, Buch: Ruth Toma, Kamera: Sebastian Edschmid, Produktion: Hager Moss Film (ARD/WDR, 27.1.21, 20.15-21.45 Uhr)

Aschgrau, bleigrau, staubgrau, steingrau oder doch lieber mausgrau? Unvergessen die Farbenpracht der Möbelstoffauswahl, die Loriot in "Ödipussi" als Paul Winkelmann seinen Kunden vorlegt. Endvierziger Lothar ist auch so einer - und obendrein ein Grantler. Nur sind es bei ihm keine Stoffe, sondern Kacheln. Und zwar marokkanische mit besonderen Mustern, weshalb das Eigenbrötlertum des Fliesenladeninhabers Lothar Kellermann eine künstlerische Note hat. Ein Sinn fürs Schöne verheißt Entwicklungspotenzial. Dasselbe gilt für die zärtliche Beziehung des verbittert Geschiedenen zu seinem Hund. Ist er vielleicht doch ganz nett?

Tatsächlich wird sich der steife Lothar am Ende dieses Films ein bisschen locker gemacht haben. Die Einschätzung des Senders, der meint, sein Protagonist wandle sich vom Misanthropen zu einem dem Leben zugewandten Menschen, scheint allerdings übertrieben. Wäre ja auch recht unwahrscheinlich in dem Alter - beziehungsweise ein schlechter Film. Und so einer steht schon von der Papierform her hier nicht zu erwarten. Regie: Hermine Huntgeburth. In der Hauptrolle: Ifflandring-Träger Jens Harzer. Was will man mehr? Vielleicht noch Corinna Harfouch als Love-Interest? Et voilà!

Kann da noch was schiefgehen? Leider schon. Das Buch von Ruth Toma kulminiert in einer so altbackenen und klischeegesättigten Unternehmensberater-Kritik, dass man sich fragt, ob man in eine Zeitkapsel geraten ist und wir das Jahr 2000 schreiben, als solche Beobachtungen vielleicht noch Erkenntniswert hatten. 2021 berühren derart schlichte Feindbilder eher peinlich. Gut ist der sich mit seiner Ware identifizierende Geschäftsinhaber oder Unternehmer, der etwas herstellt? Böse ist der Consultant-Yuppie (um zur Beschreibung mal Wörter von damals zu wählen)?

Man würde gerne sagen: Schwamm über diese belehrende Feinbild-Pflege. Nur geht das leider nicht, denn das Thema nimmt in der zweiten Hälfte des Films, der sich zu sehr um Lothars erwachsene Tochter (Elisa Plüss) und den Unternehmensberater ihres Herzens (Merlin Sandmeyer) dreht, viel zu breiten Raum ein. Doch zurück auf Anfang und zur eigentlichen Geschichte.

Der einsame Lothar erhält eine tödliche Diagnose. Wegen eines besonders bösartigen Lymphdrüsenkrebs habe er nur noch wenige Monate zu leben. In Rekordzeit verkauft er Geschäft und Haus, bringt den Hund ins Heim, vererbt dem Tierheim sein gesamtes Geld und sucht sich einen Platz im Hospiz. Dort angekommen, bricht er zusammen. Und lernt Rosa kennen: "Brustkrebs mit Knochenmetastasen im Endstadium", wie sie sich vorstellt. "Wollen wir Du sagen, Lothar? Ist ja nicht für lange", fragt Rosa. Denn Rosa hat Humor. Und Herz. Und die Fähigkeit sich abzugrenzen. So bringt sie das Beste in Lothar zum Vorschein. Er verehrt ihr Kacheln. Rosa versteht. Die Rolle ist Harfouch auf den Leib geschrieben und sie spielt die Sterbende mit dem, was man bei Schauspielerinnen dann immer als "Mut zur Hässlichkeit" bezeichnet.

"Ich mag das so gerne, wenn er weint", sagt Rosa an einer Stelle zu Lothars Tochter über ihren Vater. Ja, Jens Harzer kann wirklich sehr schön weinen - und auch sonst sieht man ihm gerne zu, wie er den Mann spielt, der sich im Leben viel verdorben hat, weil er nicht anders konnte, mit Wortkargheit, Engherzigkeit, zu wenig Empathie. Harzer spielt diesen Menschen auf eine Weise, auf die man erst mal kommen muss. Mit Zartheit. Dabei ist die rührende Geschichte mit viel Distanz inszeniert - Huntgeburth zeigt uns Lothars Inneres auch, indem sie etwas von seiner distanzierten Wesensart als Filmstil nach außen holt.

Die Pointe kann man sich denken: Mittendrin stellt sich heraus, die tödliche Diagnose war falsch. Lothar ist gesund. Doch, typisch, Lothar freut sich nicht. Ausgerechnet bei Rosa jammert er rum, was er nun machen soll. Einer wie Lothar kapiert nicht, wie grausam sein Undank für das Geschenk des Lebens gegenüber einem Menschen ist, der gerne leben würde. Rosa schwindet und ist am Ende tot, doch Lothar hat die Liebe verwandelt.

In der zweiten Hälfte des Films spiegelt sich Lothar in seinem Schwiegersohn in spe. Der ähnelt ihm. Steif. Langweilig. Distanziert. Soll es ja öfter geben, dass sich Töchter entsprechend vergreifen. Die Männer lernen dazu, indem sie sich ineinander spiegeln. Und "alles" wird gut. Sogar der Hund ist wieder da!

Der Film ist tragisch, denn die vielen Lothars dieser Welt können ja nicht aus ihrer Haut. Der Film ist immer wieder komisch und hat besonderen Humor. Tragikomödie trifft es trotzdem nicht. Auf der gedanklichen Suche nach einer passenden Beschreibung denkt man noch einmal an Loriot. "Ruhe"! Hier stirbt Lothar" ist nicht rundum gelungen, beim Drehbuch hätte man eingreifen müssen - oder wurde zu viel eingegriffen? Er hat aber etwas sehr Seltenes und damit Sehenswertes: einen eigenen Stil.

Aus epd medien 3/21 vom 22. Januar 2021

Andrea Kaiser