Serie mit Sogwirkung

VOR-SICHT: „Neuland“, sechsteilige Fernsehserie, Regie: Jens Wischnewski, Buch: Orkun Ertener, Kamera: Jakob Wiessner, Produktion: Odeon Fiction GmbH (ab 14.11.22 in der ZDF-Mediathek, ZDF, 27. und 28.12.22, je drei Folgen, 22.15-0.30 Uhr)

epd Gemütliches November-Fernsehwochenende geplant? Netflix längst leergeguckt? Kein Problem, ab 14. November lohnt es sich, auch mal die ZDF-Mediathek aufzurufen. „Neuland“ ist perfekter Binge-Watching-Stoff. Fast jede Folge endet mit einem so gelungenen Cliffhanger, dass man auf der Stelle dringend wissen will, wie es weitergeht mit dem Leben der vier befreundeten Familien aus Hamburg-Blankenese, das in der Serie „Sünnfleth“ heißt. Deren heile Lebenswelt bekommt Risse. Richtiger: Sie offenbart die Risse, die sie hat, als eine alleinerziehende Mutter zweier Töchter spurlos verschwindet.

Im linearen Fernsehen wird die sechsteilige Serie erst nach Weihnachten zu sehen sein. Und leider nur mitten in der Nacht. Warum glaubt das ZDF, dass diese ungewöhnlich gelungene Serie seinem älteren Stammpublikum nicht liegen könnte? Zu modern erzählt? Zu „streamig“ konzipiert? Nicht alles überdeutlich gezeichnet und zu Tode erklärt, wie so oft in deutschen TV-Produktionen?

Vorab vom Plot zu erzählen, würde den Sehspaß verderben. Nur sehr langsam stellt sich heraus, warum die Mutter der beiden Mädchen verschwunden ist. Nur so viel vorab: Sind es anfangs die Frauen, die nicht immer gut wegkommen, sind es am Ende die Männer und Jungs, die infrage stehen.

Das malerische Hamburg-Blankenese liegt 15 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Tatsächlich ist der Elbvorort hier mehr als nur Kulisse, auch wenn er nicht bei seinem richtigen Namen genannt wird. Das dort real existierende Milieu ist mitunter schmerzhaft gut getroffen. In den an den Elbhang geschmiegten Häusern und auf großen Villengrundstücken wohnen die Familien oft seit Generationen. Fast alle verfügen hier über ansehnlichen Wohlstand, viele sind reich. Ebenso wohlhabende Zugezogene ziehen nicht selten wieder weg, weil nicht leicht Fuß zu fassen ist, wo „man“ sich kennt, aber die neuen Nachbarn erst kennenlernt, wenn sie einem gesellschaftlich vorgestellt werden. Blankenese ist also einerseits dörflich, zugleich aber auch nicht, denn man hat S-Bahn-Anschluss an die Millionenstadt. Und die weite Welt zieht auf dem Elbstrom in Gestalt von Container- und Kreuzfahrtschiffen unaufhörlich an einem vorbei.

Hier wohnen Konservative. Hier wohnt aber auch ein liberal-gebildetes Milieu, das großzügig für Seenotrettung spendet und ein Begegnungszentrum plant, es dann aber doch nicht wirklich gern sieht, wenn Klein-Rami aus Syrien (Omran Saleh) neben dem eigenen Kind in der Klasse sitzt. Er könnte ja den Klassenfrieden stören und womöglich das Niveau senken. So böse beschreibt hier ein Mitarbeiter des Jugendamts, wie er diesen Stadtteil erlebt.

Die im Elternverein höchst engagierten Hauptfiguren und Helikoptermütter kennen sich aus der Schule, auf die heute ihre Kinder gehen. Gebildete Frauen, die wegen der Kinder beruflich zurückgesteckt haben. Es sind die ehemalige Journalistin, Hausfrau und Bloggerin Sarah (Mina Tander), die einst ihrer Freundin den Mann (Steve Windolf) ausgespannt hat. Die Architektin Marie (Peri Baumeister), deren Ehemann (Godehard Giese) wenig davon hält, dass sie nach den Kindern wieder richtig arbeiten möchte. Etwas weiter am Rand stehen die mächtige Verlegerin Anke (Anneke Kim Sarnau), die sich zu Hause dem Gatten (Christian Erdmann) unterwirft.

Von außen kommt die wichtigste Figur, die doch auch Teil des Ganzen ist: Karen (Franziska Hartmann), die Schwester der Verschwundenen. Die Soldatin hatte Sünnfleth einst verlassen und alle Verbindungen gekappt. Nun sieht sie sich gezwungen wiederzukommen, denn jemand muss sich darum kümmern, was aus ihren Nichten wird.

Lange schweigt die Alkoholikerin im Kampfanzug. Doch mit der Zeit entdecken die Nichten und die martialisch wirkende Tante, die von ihrer familiären Vergangenheit und ihren Kampfeinsätzen traumatisiert ist, was sie aneinander haben. Alle diese Figuren sind hervorragend gezeichnet und werden differenziert und glaubhaft verkörpert. Auch die Nebenfiguren und Kinderdarsteller überzeugen durchweg (allen voran Lene Oderich als ältere Tochter der Verschwundenen). Die Kamera zeigt schöne, klare Bilder, enthält sich aber angestrengter Kunstbemühungen.

Symbolträchtig ist nur der Nebel im Vorspann, der über dem Stadtteil an der Elbe hängt. Schon sehr oft hat sich das deutsche Fernsehen um Serien bemüht, die den Netflix-Sog erzeugen. Selten ist das so gut gelungen wie hier.

Aus epd medien 45/22 vom 11. November 2022

Andrea Kaiser