Sentimental unsentimental

VOR-SICHT: "Now or never", Fernsehfilm, Regie: Gerd Schneider, Buch: Belo Schwarz nach einer Idee von Rüdiger Heinze, Kamera: Dominik Berg, Produktion: Zum Goldenen Lamm (ARD/SWR, 24.6.20, 20.15-21.45 Uhr)

Filme, die das Sterben zentral in den Blick nehmen, sind auch Filme über das Leben. Vermächtnisfilme - über das, was war, und das, was hätte sein sollen. Über verpasstes und geglücktes Leben. Über Hinterbliebe und Hinterlassenschaft. Gelassenheit scheint eine gute Lehrmeisterin zu sein, Wut eher nicht. In den schlichteren Schicksal-als-Chance-Filmen im Fernsehen geht die Rechnung bedeutungsüberschussfrei auf: Eine Hauptfigur stirbt, der Rest der Mischpoke besinnt sich, kehrt meist zu Ehepartnern und Hundkatzemaus zurück, zahlt den Kredit weiter ab und so weiter. Hat die Kurve gekriegt und den Kitschpreis verdient.

In den bemerkenswerteren Filmen zum Thema sind die Sterbenden nicht bloß Funktionsträger. Filme wie "Blaubeerblau" (Regie: Rainer Kaufmann, Kritik in epd 46/12), mit Devid Striesow, handeln eigentlich von Lebensvermeidung. Striesow bekommt als Architekt einen Vermessungsauftrag im Hospiz. Den Anblick Moribunder kann er nicht ertragen, zunächst. In "Ein großer Aufbruch" (Regie: Matti Geschonneck, Kritik in epd 46/15) versammelt die von Matthias Habich gespielte Hauptfigur noch einmal wichtige Lebensmenschen zu einer großen Tafelrunde, um seinen mittels Sterbehilfe geplanten Tod anzukündigen. Natürlich fliegen bald die Fetzen. Aus dem perfekten Abschied, so muss der Todkranke erfahren, wird leider nichts.

Die Kinokoproduktion "Now or never" ist in weiten Teilen ein Roadmovie. Es geht um Sterbehilfe, ein sterbewilliger Mensch trifft auf einen lebensunwilligen Menschen, was zu allerhand tragikomischen Situationen und mancherlei Absurdität führt. Nach etwas zähem Beginn mit eher steifen, auch klischeehaften Dialogen gewinnt der Film, je tiefer er sein Personal in die überwältigende Natur der Schweizer Berge (Drehort war laut Sender Tirol) hineinführt. Aus Zynismus wird eine Feier des Pantheismus, mit berückend schönen Naturaufnahmen, hier wirkt die geplante Tötung erst einmal wie ein Akt der Unmöglichkeit - und dann, zum berührenden Schluss hin, wie ein Aufgehen.

Auch Henry (Michael Pink) ist ein Lebensvermeider, wie der Architekt aus "Blaubeerblau". Henry ist Sterbehelfer in einer Klinik, die bei Konstanz, auf der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz steht. Gestorben wird mit Gartenblick. Große Schiebetüren vermitteln die Illusion von Natur. Das Prozedere ist juristisch abgesichert, wird sauber dokumentiert und professionell vollzogen. Durch den monochromen Sterbesaal mit kaltspiegelnden Oberflächen geht die Grenzmarkierung.

In Deutschland verabschieden sich die Sterbewilligen von ihren Liebsten, dann wird das Bett etwas weiter gerollt, gestorben wird dann gesetzeskonform in der Schweiz. Klinikchefin Frau Wollner allerdings hat Probleme mit Henrys Unprofessionalität. Die Würde seines Auftritts lasse zu wünschen übrig, es gebe Beschwerden. Sogar mit Alkoholfahne sei er zum Barbituratausgeben erschienen.

Wenn Henry, hohlwangig, übernächtigt und knurrig, auftritt wie eine lebende Leiche, dann ist seine neue Klientin dagegen das blühende Leben. Rebecca (Tinka Fürst) ist von exaltierter Lebenslust. Noch gibt es viele Dinge, die sie zum ersten Mal machen könnte, eine Tankstelle überfallen zum Beispiel. Morgen will sie sterben. Inoperabler Hirntumor, Endstadium. Rebecca ist Henrys letzte Chance, so die Chefin.

Am besten wäre es doch, sich zu Tode zu amüsieren, so Rebecca. Doch nach durchzechter Nacht und anderen Kalamitäten zwingt sie den Sterbehelfer, sie zu einem angeblichen Wunderheiler in die Berge zu fahren. Verfolgt werden beide von ihrem Ehemann Daniel (Sebastian Jekuhl) und von Henrys entfremdeten Freund Benno (Johannes Allmayer), der bei dem Tod von Henrys Frau zugegen war.

Auf dem Weg ins Gebirge machen die vier überraschende Unsterblichkeitserfahrungen. Zuerst: Elvis lebt. Nicht nur ein Elvis (Till Butterbach), sondern gleich mehrere, die in Amischlitten zu einem Elvis-Imitatoren-Festival unterwegs sind. Ein Tierpräparator konserviert die Schönheit der Kreaturen, zumindest die ihrer sterblichen Hülle. Die "Bella bellezza" erschließt sich nur dem, der zu sehen vermag, so heißt es. Also hören der lebensmüde Zyniker und die lebenshungrige Todgeweihte auf zu streiten, sehen zu, wie die Wolken sich im Gebirgssee spiegeln und verlieren dabei beide etwas. Rebecca die Angst vor dem Sterben und Henry die Angst vor dem Leben. Und finden Liebe.

Im letzten Drittel des Films, wenn das anfangs gewollt Klamaukige mehr und mehr im Bergnebel der Geschichte verschwindet und sich die Tragikomik mehr und mehr von ihrer gezwungenen Note verabschiedet, wird "Now or never" so ernsthaft anrührend, wie man es dem Sterbehelfer-Ulk zuvor kaum zugetraut hätte. Die Kamera von Dominik Berg geht mit der Handlung ins Weite, die Inszenierung von Gerd Schneider findet von grotesker Lustigkeit ins anthropologisch Absurde. Und die Musik, die zuvor Elvis-Songs als "Running gag" eingesetzt hat, unterstreicht nun die Inkommensurabilität der (menschlichen) Natur. Wären einige überflüssige Verdeutlichungen des Anfangs nicht - so die enervierende Rolle des Sterbehelfer-Kollegen, der Henry anschwärzt - dann wäre "Now or never" vor allem wegen seiner drei Hauptdarsteller - Michael Pink, Tinka Fürst und dem Gebirge - ein großartig sentimental-unsentimentaler Film geworden.

Aus epd medien 25/20 vom 19. Jun 2020

Heike Hupertz