Sehenswerte Miniaturen

VOR-SICHT: „Deadlines“, achtteilige Dramedy-Serie, Regie: Barbara Ott, Arabella Bartsch, Buch: Johannes Boss, Nora Gantenbrink, Kamera: Tobias Koppe, Produktion: Turbokultur (ZDFneo, ab 13.7.21 dienstags, 23.15-0.15 Uhr)

epd Wenn sich Menschen, die einst gut befreundet waren, längere Zeit nicht gesehen haben, schwelgen sie ziemlich bald in Erinnerungen an die Vergangenheit - schließlich ist es nicht die Gegenwart, die sie verbindet, sondern die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse. Gerade Gruppen fallen meist schnell in alte Muster zurück. So geht es auch Lena, Elif, Franzi und Jo, einem Quartett aus Frankfurt, das einst als „Goldstein-Girls“ unzertrennlich war, sich später aber aus den Augen verloren hat.

Mittlerweile sind die vier Frauen Anfang 30 und stehen mitten im Leben, wenn auch nicht alle: Jo (Salka Weber) ist immer noch nicht erwachsen geworden, hat eine ungeklärte Beziehung und eine Menge Schulden. Wie genau Elif (Jasmin Shakeri) ihr Geld verdient, wird nicht recht klar; es hat irgendwas mit Investitions- und Spekulationsgeschäften zu tun, scheint aber derart lukrativ zu sein, dass sie als eine der 20 erfolgreichsten deutschen Unternehmerinnen gilt. Sie lebt in London und ist wegen eines Termins in Frankfurt. Als sich ihr Rückflug verschiebt, kommt sie spontan auf die Idee, die alte Clique wiederzusehen.

Pharmareferentin Franzi (Llewellyn Reichman), die Jüngste, wohnt in einer Luxusvilla und ist meist damit beschäftigt, ihre Instagram-Gemeinde auf dem Laufenden zu halten. Vierte im Bunde ist Lena (Sarah Bauerett), die am ehesten den Eindruck macht, im Leben angekommen zu sein: Sie ist Lehrerin und wird demnächst Marek (Markus Winter) heiraten, mit dem sie schon seit der elften Klasse zusammen ist; die beiden haben ein Pflegekind.

Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, funktioniert aber wie ein chemisches Experiment, weil Elif als Katalysator wirkt: Ihr Auftauchen löst Prozesse aus, in deren Verlauf die Frauen ihre Lebensentwürfe hinterfragen. Tatsächlich sind die Dinge nur bedingt, wie sie scheinen: Lena bekommt angesichts der bevorstehenden Hochzeit Torschlusspanik. Plötzlich ist sie nicht mehr sicher, ob sie Marek genug liebt, um für immer mit ihm zusammen zu sein, und lässt sich auf ein etwas verstörendes Abenteuer mit dem Hochzeitsfotografen (Marcel Mohab) ein. Franzi hat vor lauter Streben nach dem perfekten Bild für ihre Follower nicht mitbekommen, dass ihr Lebensgefährte sie buchstäblich nicht mehr riechen kann.

Selbst bei Powerfrau Elif ist nicht alles im Lot. Bloß das Dasein von Jo, der einst eine Karriere als Sängerin prophezeit wurde und die als Ersatz für ihre unerfüllte Liebe zu Elif ständig ihre Sexpartner wechselt, ist exakt so kaputt, wie es aussieht.

Das ZDF hat den acht dreißigminütigen Folgen das Etikett „Comedy“ verpasst. Das ist zwar nicht ganz falsch, weil es viele komische Situationen und witzige Dialoge gibt, aber „Dramedy“ wäre gerade wegen der Diskrepanzen zwischen Schein und Sein treffender. Außerdem verfolgt das Konzept von Johannes Boss, der die Drehbücher gemeinsam mit Nora Gantenbrink geschrieben hat, einen dramatischen Ansatz, denn die Serie behandelt diverse ernste Themen.

Es wirkt zunächst wie eine spontane Laune, dass Elif zur Stalkerin ihrer ersten großen Liebe wird, bis sich herausstellt, dass sie in jungen Jahren ein bitteres Erlebnis hatte, das sie bis heute prägt. Auch ein Anruf beim ehemaligen Deutschlehrer der vier ist nur anfangs lustig. Denn der alte Mann (Ernst Stötzner), den die Frauen als DJ für Lenas Hochzeit gewinnen wollen, ist nicht mehr der, der er mal war. Ein sehr berührender Moment.

Dieses Muster zieht sich durch die gesamte Serie: Viele Szenen sind auf den ersten Blick amüsant, aber dann wandelt sich der Tonfall. Dass „Deadlines“ trotzdem vorwiegend heiter ist, liegt in erster Linie an den Dialogen. Elif ist mit ihrer erfrischend unkorrekten und stellenweise boshaften Wortwahl ebenso überzeichnet wie Lena, die selbst in Stressmomenten nicht den Glottisschlag („Einbrecher-innen“) vergisst und doch immer wieder profunde Vorurteile offenbart. Dass sie auch oft ziemlich nervig ist, hat allerdings mit ihren Minderwertigkeitsgefühlen zu tun, die sie zu mitunter absurden Übersprunghandlungen verleiten.

Boss, der auch an der originellen RTL-Serie „KBV - Keine besonderen Vorkommnisse“ beteiligt war, lässt seine Figuren in allerlei Fettnäpfchen hüpfen. Umso irritierender ist ein Regie-Einfall der die Qualität der Serie fast schon konterkariert: Mitten im Satz müssen sich die vier Schauspielerinnen regelmäßig unterbrechen, um das soeben Gesagte Richtung Kamera zu kommentieren oder richtigzustellen. Das soll das Publikum vermutlich zum Komplizen machen, stört jedoch den Handlungsfluss. Die Kommentare sorgen nur selten für echten Erkenntnisgewinn, und die Geschichte hätte sich subtiler erzählen und inszenieren lassen.

Unbedingt sehenswert sind dagegen die vier Hauptdarstellerinnen, obwohl sie mit Ausnahme von Sarah Bauerett (die Rechtsmedizinerin in den „Kroatien-Krimis“) nur wenig Kameraerfahrung haben. Vor allem Jasmin Shakeri, die auch Musikerin und Tänzerin ist, ist ein Einschaltgrund: Elifs Anruf bei einem Astro-Sender, der damit endet, dass sie die Wahrsagerin wüst beschimpft, ist ein großes Vergnügen. Satirische Miniaturen dieser Art gibt es immer wieder, auch Barbara Philipp als Jos Mutter hat einen denkwürdigen Auftritt. ZDFneo zeigt dienstags jeweils zwei Folgen hintereinander, in der ZDF-Mediathek kann die komplette Serie ab dem 10. Juli abgerufen werden.

Aus epd medien 27/21 vom 9. Juli 2021

Tilmann Gangloff