Seelen-Songs im Speisewagen

VOR-SICHT: „3 ½ Stunden“, Drama, Regie: Ed Herzog, Buch: Robert Krause, Beate Fraunholz, Kamera: Ngo The Chau, Produktion: Real Film, Amalia Film (ARD/Degeto, 7.8.21, 20.15-21.50 Uhr)

epd Ein kluges dramaturgisches Konzept ist das: einen Film zum 60. Jahrestag des Mauerbaus nicht an einem dramatischen Einzelschicksal aufzuhängen, sondern ein buntes gesellschaftliches Panorama in einem Zug zu versammeln, der aus München kommend die Grenze zur DDR passiert, bevor diese womöglich dauerhaft geschlossen wird. Co-Drehbuchautor Robert Krause („Unsere wunderbaren Jahre“) griff hier auf eine reale autobiografische Begebenheit zurück. Seine aus Dresden stammenden Großeltern waren tatsächlich an jenem 13. August 1961 im Zug aus dem Westen auf dem Weg in die Heimat. Krause reicherte diese Geschichte mit fiktivem Personal an.

An Bord des Interzonenzugs 151 nach Berlin-Ostbahnhof sind unter anderem eine vierköpfige Band, die von einem Auftritt zurückkehrt, eine Familie mit zwei Kindern (Susanne Bormann und Jan Krauter als Eltern), eine junge Turnerin (Hannah Schiller) und ihre Trainerin (Jördis Triebel), ein heiratswilliges mittelaltes Paar (Peter Schneider, Katrin Filzen) mit dunkelhäutigem Sohn aus einer früheren Beziehung der Frau, ein altes Ehepaar (Birgit Berthold, Harry Täschner), dessen Sohn in die BRD rübergemacht hat, und ein Kommissar (Martin Feifel), der nach Indizien gegen einen verbrecherischen Arzt sucht. Auf der anderen Seite der Grenze folgt der Film einer Lokführerin, die den Zug in Ludwigsstadt übernehmen und zurück in die DDR bringen soll und dabei von einem Dokumentarfilmer in staatlichem Auftrag porträtiert wird. Bei der Volkspolizei in Ost-Berlin leitet derweil ein Oberstleutnant (Uwe Kockisch), dessen Tochter samt Familie zu den Fahrgästen gehört, die Sicherung des Mauerbaus.

Anhand der vielen individuellen Perspektiven lassen sich gut verschiedene Sichtweisen auf den Arbeiter-und-Bauern-Staat aufzeigen, was einer einseitigen Darstellung vorbeugt. Auch die zeitliche Nähe des Geschehens zur Nazizeit wird eindrücklich deutlich gemacht. Bei genauerem Hinschauen mag die Auswahl der Protagonisten ein bisschen nach öffentlich-rechtlichem Bildungsauftrag aussehen (haben wir auch wirklich niemanden vergessen?), aber die flotte Inszenierung von Ed Herzog weiß das geschickt zu überdecken. Mittels Radio-Nachrichten über die Lage an der Grenze inklusive O-Tönen von Willy Brandt zum Mauerbau erzeugt er unter den Passagieren einen Entscheidungszwang in der titelgebenden Zeitspanne: aussteigen oder weiterfahren? Kein Wunder, dass in der Nervosität allenthalben viele Zigaretten angezündet werden.

Während die Familie mit den beiden Kindern die beruflichen Perspektiven des Mannes in München gegen die familiäre Bindung und die politischen Überzeugungen der Frau abwägt, machen sich zwei schwule Band-Mitglieder (Karl Schaper, Johannes Meister) Gedanken über ihre Beziehung: „Im Westen stecken die uns in den Bau, wegen Unzucht!“ - „Dann müssen wir halt hinterm Vorhang vögeln.“

Vor allem zwei charismatische Frauenfiguren tragen die Handlung: die Ost-Lokführerin Edith (Luisa-Céline Gaffron), die eigentlich ganz glücklich ist in ihrem Beruf als „Puffer-Küsserin“, beim Flirten mit dem von Hollywood träumenden Filmemacher (Vincent Redetzki) aber doch auch ein gewisses Fernweh erkennen lässt. Und die Band-Leaderin Carla (Alli Neumann), die mit ihren Jungs - der dritte (Jeff Wilbusch) ist ihr Liebhaber - im Speisewagen ein paar Lieder performt.

Diese beseelten Originalsongs, die Titel tragen wie „Fühlst du dich frei“, „Seltsame Welt“ und „Wenn du gehst“, von Alli Neumann (mit-)geschrieben wurden und zu Gitarre, Kontrabass und Akkordeon mit Verve vorgetragen werden, sind ein weiteres emotionales Kraftzentrum des Films - zeitlos schön und dadurch jedem potenziellen Muff des Kostüm- und Historiengenres entgegenwirkend.

Nur die Schluss-„Pointe“ hätten sich die Macher verkneifen können: Da werden den fiktiven Protagonisten kurz vorm Abspann zu ihren eingeblendeten Ausweisen noch Fortführungen ihres Werdegangs angedichtet, um den Eindruck einer wahren Geschichte zu erzeugen. Dabei hätten doch ihre unterschiedlichen Entscheidungen ein wunderbar offenes und überhaupt nicht unbefriedigendes Ende abgegeben. Insgesamt aber überzeugt „3 ½ Stunden“, gedreht im Deutschen Dampflokomotiv-Museum in Neuenmarkt und auf dem Filmfest München mit dem Bernd Burgemeister Fernsehpreis ausgezeichnet, als frischer, gar nicht „Event“-schwerer Beitrag zum Jahrestag.

Aus epd medien 31/21 vom 6. August 2021

Peter Luley