Schlacht im Klassenzimmer

VOR-SICHT: "Das Unwort", Fernsehfilm, Regie und Buch: Leo Khasin, Kamera: Michael Wiesweg, Produktion: Moovie GmbH (ZDF, 9.11.20, 20.15-21.45 Uhr)

Vielleicht ist ja das Curriculum schuld. Schon wieder Depri-Stoff. "Das Tagebuch der Anne Frank", dieses "Propagandawerk", das "niemals eine 13-Jährige geschrieben habe", wie der Schüler Karim Ansari (Oskar Redfern) zu Beginn des Konflikts in die Klasse posaunt. Lacher. Er legt nach: Holocaust und so, "alles Lüge". Schon im vergangenen Jahr "immer nur Nationalsozialismus", stöhn, meint auch ein Mädchen. Gibt es auch noch was anderes außer solchen Langweilerthemen? "Meine Oma war in Auschwitz", entfährt es Max Berlinger (Samuel Benito) ruhig. Hätte er nicht für sich behalten können, dass er Jude ist? Ausgerechnet vor Jungs in diesem Plusterzwang-Alter, in dem alles Mögliche zum Dissen benutzt wird! Eine unnötige Provokation, geeignet, den Schulfrieden zu stören. Max' Mitteilung, nicht Karims Bemerkung, wohlgemerkt.

Ist Max damit nicht selbst schuld an allem, was dann folgte und das nun in Erzählungen, Einschätzungen und Rückblenden, mit Schutzbehauptungen, Eitelkeiten, blanken Dummheiten, alertem Wegducken und dem Ballast jüngerer Zeitgeschichte beschwert, einen entlarvenden Abend, einen ziemlich unangenehmen Film lang rekonstruiert wird?

"Das Unwort" von Leo Khasin beginnt als satirisch verstärktes Kammerspiel im Klassenzimmer, mit Dialogen, die, insbesondere aus Elternsicht, bisweilen den Nagel auf den Kopf treffen. Man habe sich nicht nur an die Vorschriften des Ministeriums gehalten, nein, mehr als das, betont der Direktor. Engagement, Prävention ohne Ende, alles einwandfrei. Niemand könne ihm etwas nachweisen. Fehler machen die anderen. Eltern, diese aufdringliche Spezies. Schüler, diese potenziell rufschädigende Gruppe. Alle mal schön den Ball flach halten.

Ausgerechnet am ersten Abend von Chanukka ist die entscheidende Klassenkonferenz anberaumt. So kurz vor Weihnachten sei eben kein anderer Termin möglich gewesen, meint Direktor Stege (Devid Striesow) entschuldigend. Immerhin sind Max' Eltern, Simon und Valerie Berlinger (Thomas Sarbacher und Ursina Lardi), in das Berliner Vorzeigegymnasium gekommen. Im Gegensatz zu Karims Eltern. Und zu den Vertrauenslehrern, die durch Abwesenheit glänzen.

Max soll möglicherweise der Schule verwiesen werden, das wird heute Abend die Abgeordnete der Schulaufsicht entscheiden. Erwiesen ist: Max hat Karim ein Ohrläppchen abgebissen und Reza Marschner (Victor Kadam) die Nase gebrochen. So geht das nicht. Dies ist eine gewaltfreie Schule. Das gilt auch für unsere jüdischen Mitbürger. Der Weltgeist lacht ironisch, hätte Karl Kraus womöglich dazu gesagt.

Mitunter trägt Khasin knüppeldick auf, vor allem wenn es um Striesows Direktorenrolle geht. Es bleibt nicht beim satirisch zugespitzten Ton - es muss noch einen Nachklapp geben, der hier nicht verraten werden soll. Zunächst aber geht man als Zuschauer durchaus mit bei der beginnenden, schnell hitzig werdenden Klärung des vermeintlichen Sachverhalts.

Max, berichten seine Eltern, wurde über Wochen antisemitisch gemobbt. Mutter Valerie, von klein an überschwänglich riten- und kulturbegeistert, pocht auf Sicherheit. Simon findet, gerade als Jude dürfe man kein Opfer geben. Gewalt aus Notwehr sei eine Option. Bei Max, der Anfang und Ende aus dem Off kommentiert, stellt sich die ganze Sache pragmatischer dar. Für eine Stellvertreterdebatte ist der Jugendliche nicht zu haben.

Über weite Strecken analysiert "Das Unwort" Antisemitismus, antiisraelische Haltung und auch Vorurteile gegen Moslems scharfsinnig. Beamtendissing dagegen ist gratis. Die grellsten Entgleisungen könnten Zitate sein. Die junge, idealistisch-unerfahrene Lehrerin Ritter (Anna Brüggemann), die bloß "Frieden" in ihrer neunten Klasse gewollt hat, ihr angelerntes kuschelpädagogisches Programm durchzog und von Täter-Opfer-Beziehung immer noch nichts wissen möchte, scheint gleichwohl eine realistische Figur. Ihr Zusammenbruch im Lauf der Handlung ist programmiert.

Direktor Stege, der das Pingpong der Verantwortungszuweisung beherrscht, sammelt Urkunden der Marke "Schule ohne Rassismus" und will es im Einzelnen nicht so genau wissen. Wenn er sich argumentativ in die Enge gedrängt sieht, rettet er den Ruf der Schule ins Allgemeinmenschliche. Menschen machen Fehler. Kinder sind Kinder. Antisemitismus an seiner Schule? Niemals. Raunen, weil der Hausmeister (Florian Martens) Eichmann heißt? Bitte, das ist ein Vorurteil, gegen das Stege persönlich entschieden vorgehe. Man werde nirgendwo umfangreichere Präventionsprogramme finden. Aber an KZ-Zeitzeugen gebe es momentan einen Engpass, was solle er da machen? Einen vernünftigen Bericht schreiben, das meint zumindest die strenge Frau von der Schulaufsicht, Dr. Nüssen-Winkelmann (Iris Berben).

Nüssen-Winkelmann, die zunächst wie die große neutrale Aufklärerin an die Vorgänge herangeht, erscheint freilich ebenfalls als Alltagsrassistin, als Rezas Mutter Majan Marschner Merizade (Neda Rahmanian) erscheint, eine elegante, goldschmuckbehängte iranische Geschäftsfrau, die mit lupenreinen judenfeindlichen Sprüchen ("Die Juden lieben das Geld. Ich auch. Was ist schlimm daran?") den Konflikt vom Tisch zu wischen wünscht und durch ihr Alphafrauengehabe in Nüssen-Winkelmann die Sicherungen durchbrennen lässt.

Von da an verliert der Film seinen Fokus, schwächelt an Analytik und Genauigkeit. Dass er sich mit keiner Sache gemein machen will, ist ehrenhaft und nicht nur dramaturgisch nachvollziehbar. Allerdings scheint sein Friede-Freude-Eierkuchen-Ende nach der vorherigen klaustrophobischen Klassenzimmerschlacht zu aufgesetzt. Nach diversen Handgreiflichkeiten sucht die gesamte Familie Berlinger noch in der Nacht Familie Ansari in deren Hochhauswohnung mit respektablem Wohnzimmer auf. Frau Ansari (Nour Almahmoud) entscheidet resolut, dass beide Väter am nächsten Tag die inzwischen derangierte Frau Doktor im Amt aufsuchen und um Aktenschluss bitten. Im Sinne der Söhne.

Wenn es so einfach wäre. Immerhin wird Simon seiner Frau Valerie nur schwer verzeihen, dass sie Direktor Stege eine Liste der Juden an der Schule erstellte, damit dieser sie "in den Pausen besser schützen könne". Worauf die Schüler die Pausen ausgerechnet eingesperrt im Chemieraum verbringen mussten. Ein paar Widerhaken behält der Film so bis zum Schluss.

Aus epd medien 45/20 vom 6. November 2020

Heike Hupertz