Routiniert abgemischt

VOR-SICHT: "Der gute Bulle - Nur Tote reden nicht", Polizeifilm, Buch und Regie: Lars Becker, Kamera: Simon Guy Fässler, Produktion: Network Movie (ZDF, 17.2.21, 20.15-21.45 Uhr)

Lars-Becker-Krimis mit Armin Rohde sind ja mittlerweile ein Genre für sich im deutschen Fernsehen. Seit 2003 bringt der Autor und Regisseur fast jedes Jahr eine "Nachtschicht"-Folge heraus; der 17. Film der ZDF-Reihe - "Blut und Eisen" - ist für den 29. März angekündigt. Darin wird ein neu formiertes Ermittlerteam des Hamburger Kriminaldauerdiensts zu sehen sein, nur Rohde bleibt als Hauptkommissar Erich Bo Erichsen gesetzt.

In ähnlicher Taktung läuft seit 2017 außerdem die Reihe "Der gute Bulle", in der Rohde den Berliner Polizeirat Fredo Schulz verkörpert. Die charakteristischen Merkmale dieses Genres: geschmeidiges Tempo, rauer Straßenslang und der Umstand, dass die Gesetzeshüter nicht unbedingt in allen Belangen als Vorbilder taugen. In beiden Reihen fungiert Rohde als eine Art Vaterfigur. Und: Beide Formate zeichnet ein angenehm selbstverständlicher Umgang mit migrantischen Biografien aus.

Der dritte Bullen-Fall mit dem Allerweltstitel "Nur Tote reden nicht" fängt mit einem Abschied an: Nachdem in der vergangenen Folge seine Freundin ermordet wurde, will Fredos Juniorpartner Milan Filipovic (Edin Hasanovic) aus dem Polizeidienst ausscheiden. Zuvor aber muss er an seinem letzten Arbeitstag noch mit Fredo eine am Flughafen festgenommene Drogenkurierin (Lo Rivera) ins Präsidium überführen. Als die Kolumbianerin auf der Autofahrt um einen Toilettenhalt bittet, wittert Milan eine Falle, aber Fredo willigt ein, weil er befürchtet, sie könne noch ein Kokainpäckchen im Magen haben.

Es kommt, wie es kommen muss: An der Tankstelle werden sie von einem Mann überrascht, der ihnen vom Flughafen gefolgt ist. Dealer Marlon (Timo Jacobs) schlägt Fredo hinterrücks nieder, erschießt Milan und flüchtet mit der Schmugglerin.

Es ist also schon mal kein Whodunit, was Lars Becker hier kredenzt. Der Zuschauer weiß nicht nur, wer Milans Mörder ist, sondern auch, dass er mit zwei korrupten Beamten (Carlo Ljubek, Andreas Anke) gemeinsame Sache macht. Die spannungsgenerierenden Fragen für die folgenden 70 Minuten lauten vielmehr: Wird Fredo die Schurken auf beiden Seiten des Gesetzes stellen können - und wird das ohne weitere Opfer abgehen?

Zunächst beginnt der Polizist, der einst Frau und Sohn bei einem Unglück verloren hat und seit der ersten Folge mit einem Alkoholproblem kämpft, seine Schuldgefühle in Hochprozentigem zu ertränken. Zwar kann er die Frage seines Chefs (Johann von Bülow), ob er wieder getrunken habe, wahrheitsgemäß mit "erst hinterher" beantworten - aber die Verantwortung für den Tod des jungen Kollegen lastet dennoch auf ihm, wie er in seiner Therapiegruppe der Anonymen Alkoholiker gesteht.

Als neuer Partner wird Fredo der junge Überflieger Radu Lupescu (Sabin Tambrea) zur Seite gestellt, der nicht nur bei der Fahndung behilflich sein, sondern auch dem Dezernatsleiter über Fredo Bericht erstatten soll. Dieses Duo entfaltet klassischen Odd-Couple-Charme: Hier der intellektuelle Schlaks, der seine Dissertation über Burn-out bei der Polizei geschrieben hat und das Pistolenhalfter etwas zu dressman-like an der Anzughose trägt, dort der untersetzte Straßenbulle alter Schule, der bei der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist.

Als Erstes zeigt Fredo seinem Kompagnon, wie man einen Kleindealer so durchschüttelt, ohrfeigt und verängstigt, dass dieser etwas über seine Hintermänner preisgibt, und bald schon sind die beiden den vom Weg abgekommenen Flughafen-Polizisten auf der Spur. Noch so ein typisches Lars-Becker-Motiv: Die schwarzen Schafe auf der "guten Seite" haben verzweifelte Gründe für ihr Tun, und einer von ihnen kennt Milans Mutter (Anica Dobra) gar noch aus dem gemeinsamen Heimatdorf in Bosnien.

Richtig übel ist eigentlich nur der selbst drogenabhängige Dealer Marlon - hier kann man sich auf einer Metaebene über Timo Jacobs freuen, den kantigen einstigen Klaus-Lemke-Darsteller, der mittlerweile zum Stammpersonal deutscher Krimi-Unterhaltung gehört und eine blitzsaubere Psychopathen-Performance abliefert. Insgesamt bietet "Der gute Bulle" eine routiniert abgemischte Kombination aus horizontalen Story-Elementen und gängigen Plot-Versatzstücken, wobei die souveräne Inszenierung dafür sorgt, dass manche Zufälle nicht allzu sehr ins Auge springen. Bei aller Schicksalsträchtigkeit verströmt der Film eine gewisse Leichthändigkeit - dass Becker allzu lange an einem solchen Drehbuch feilt, erscheint unwahrscheinlich. Aber wohl nur so kann man auch jedes Jahr zwei ganz eigene Genrefilme aus dem Ärmel schütteln.

Aus epd medien 6/21 vom 12. Februar 2021

Peter Luley