Rot wie Blut

VOR-SICHT: "M - Eine Stadt sucht einen Mörder", sechsteilige Serie, Regie: David Schalko, Buch: Evi Romen, David Schalko, Kamera: Martin Gschlacht, Produktion: Superfilm (TV Now/ORF, ab 23.2.19)

Wenn sich ein Regisseur an einen der größten Klassiker überhaupt wagt, muss er ein ziemlich großes Ego haben oder eine Vision. Aber im Grunde kann er nur scheitern. Fritz Langs Film "M" war 1931 einer der ersten deutschen Tonfilme, der mit seiner herausragenden handwerklichen Qualität Maßstäbe setzte. Thematisch gilt das erst recht: Weil die Polizei versagt, als eine Mordserie an Kindern die Berliner Eltern in Angst und Schrecken versetzt, nimmt die Unterwelt die Mördersuche selbst in die Hand. Verbrecher als Ordnungshüter, und das gegen Ende der Weimarer Republik: Die Analogie ist offenkundig. Dies ist auch der Schnittpunkt zwischen damals und heute.

Die finsterste Figur der sechsteiligen Serie von Evi Romen (Buch) und David Schalko (Buch und Regie) ist keineswegs der Mörder, der spätestens gegen Ende sogar eher Mitgefühl als Abscheu erregt. Der junge rechtskonservative Innenminister (Dominik Maringer) nutzt die Gunst der Stunde und greift auch unter dem Einfluss eines reaktionären Verlegers (Moritz Bleibtreu) bis hin zum Ausnahmezustand zu immer radikaleren Maßnahmen. Schließlich kündigt er an, sich für die Wiedereinführung der Todesstrafe einzusetzen, wenn er erst mal Kanzler sei.

Diese Ebene mit ihrem unübersehbaren Bezug zu aktuellen populistischen Strömungen und den Parallelen zur politischen Lage in den frühen 30er Jahren ist eine echte Legitimation für die Neuauflage des Films. Die von faschistischer Philosophie geprägten Gespräche zwischen den beiden Männern sind auch dank Bleibtreu von einer fatalen Faszination. Vielleicht fühlte sich Schalko, der für bitterböse ORF-Serien wie "Braunschlag" und "Altes Geld" verantwortlich zeichnete, deshalb bemüßigt, diesen Zauber zu brechen: Damit sich der Minister als Narzisst entlarvt, betrachtet er sich während der Telefonate mit dem Verleger in einem riesigen Spiegel; gern auch mal nackt.

Aber das ist nur eine der vielen Irritationen, mit denen sich die Serie offenbar vom TV-Alltag abheben soll. Heutzutage sind Serienmörder nichts Ungewöhnliches, zumindest im Fernsehen. Romen und Schalko hatten daher die Wahl: Entweder erzählen sie eine ganz andere Geschichte oder sie erzählen die Geschichte ganz anders. Sie haben sich für einen Mittelweg entschieden, und das ist selten die beste Lösung.

Der Kern der im anfangs tief verschneiten heutigen Wien angesiedelten Handlung orientiert sich am Original: Die kleine Elsie hat ihre Winterjacke auf dem Spielplatz vergessen. Sie wird nie wieder nach Hause zurückkehren. Als es zu regnen beginnt, kommen drei Kinderleichen am Ufer der Donau zum Vorschein. Die Polizei mobilisiert alle Kräfte, aber es gibt nur einen einzigen Hinweis: Der Mörder pfeift gern eine schon von Lang als Leitmotiv verwendete Melodie aus Edvard Griegs "Peer Gynt", die auch von der Filmmusik immer wieder aufgegriffen wird, und natürlich wird sie ihm am Ende zum Verhängnis.

Bis dahin nimmt die Serie allerdings mancherlei Umwege, von denen viele nicht zielführend sind. Einige Seitenstränge sind derart unnötig, dass Schalko sie komplett hätte streichen können. Dazu zählt vor allem die bizarre Beziehung zwischen Elsies Eltern. Anfangs rätselhaft ist auch ein Mann im Fuchsmantel (Udo Kier), der sich verdächtig macht, weil er auf dem Spielplatz herumstreicht, auf dem Elsie vermutlich verschwunden ist. Er geht einem fast schon obsessiv betriebenen Hobby nach und fotografiert mit seiner alten analogen Kamera Menschen. Auf einer der unzähligen Aufnahmen ist der Mörder zu sehen, aber völlig unscharf, und das ist durchaus sinnbildlich: Schalko zeigt seine eigentliche Hauptfigur zunächst so beiläufig, dass sie kaum wahrzunehmen ist, weil sie in immer neue Verkleidungen und Maskierungen schlüpft.

Rings um den Mörder gruppiert das Drehbuch viele Nebenrollen, von denen einige prominent besetzt sind. Die Charaktere stellen eine mitunter skurril anmutende Mischung aus Märchenfiguren und realistischen Rollen dar. Einige wirken allzu bemüht rätselhaft, als habe Schalko der Serie einen Hauch von "Twin Peaks" verleihen wollen, andere verkommen durch ihre übertriebene Darstellung zu Karikaturen. Das gilt vor allem für Sophie Rois als Königin der Unterwelt. Die Frau ist eine skrupellose Sadistin, die eine Prostituierte zur Fellatio mit einem Kaktus zwingt, aber Rois verkörpert sie wie das weibliche Pendant zum Räuber Hotzenplotz.

Das eigentliche Manko der Serie ist jedoch die Sprunghaftigkeit. Alles hängt irgendwie mit allem zusammen, doch weil die Handlung dauernd von einer Ebene zur nächsten hüpft, ist es Schalko nicht gelungen, die vielen Stränge zu einer großen Erzählung zu verknüpfen. Spannung im Sinne von Nervenkitzel kommt erst im letzten Akt auf, als die Verbrecher den Mörder hetzen.

So bleibt letztlich die Bewunderung für das Handwerk. Viele Einstellungen wirken wie für eine Fotografie komponiert. Was bei Lang das Spiel mit Licht und Schatten war, eine Reminiszenz an den Expressionismus der Stummfilmjahre, ist für Schalko und seinen Kameramann Martin Gschlacht die Arbeit mit der Farbe. Viele Einstellungen sind schwarz-weiß oder erinnern mit ihrem Sepia-Ton an alte Fotografien. Umso stärker stechen die roten Farbtupfer hervor: die Jacke von Elsie im Schnee, der Ball, mit dem der Mörder ein Mädchen anlockt, ein Strauß Rosen in einer Kneipe; und natürlich das rote M auf der Schulter des Mörders.

Liebevoll gestaltet ist auch der Vorspann: Die Schneekugeln, die der Mörder für jedes Opfer zu Boden wirft, enthalten jeweils ein Detail aus der folgenden Episode. Am Ende ist der Täter zwar gefasst, aber triumphieren kann nur der Minister, den Schalko in einer martialischen Ansprache die Gestik eines anderen österreichischen Führers kopieren lässt. Die letzten Bilder zeigen eine freundliche, helle Welt, die scheinbar wieder in Ordnung ist. Um es mit Mel Brooks zu sagen: Frühling für Hitler.


Aus epd medien 8/19 vom 22. Februar 2019

Tilmann Gangloff