Regiert wird vom Bett aus

VOR-SICHT: „Sisi“, sechsteilige Serie, Regie: Sven Bohse, Buch: Andreas Gutzeit und Robert Krause (Headautoren), Elena Hell, Kamera: Michael Schreitel Produktion: Story House Pictures (RTL+, ab 12.12.21; RTL, 28., 29. und 30.12. in Doppelfolgen, jeweils 20.15-22.25 Uhr)

epd Im Jahr 1906 erschien in Wien ein anonymer Privatdruck, der, unter der Hand verbreitet und vielfach nachgedruckt, sofort zum Skandal-Bestseller avancierte. Über den Verfasser wurde angeregt gemunkelt, bis Karl Kraus schließlich den Autor verriet. „Der wohl einzige deutsche pornographische Roman von Weltrang“ (Oswald Wiener), „Josefine Mutzenbacher oder Die Geschichte einer Wienerischen Dirne von ihr selbst erzählt“, stammt vom österreichisch-ungarischen Schriftsteller Felix Salten. Geboren in Pest, aufgewachsen in Wien, machte Salten, seit den 1890er Jahren ein Hansdampf in allen publizistischen Gassen der Hauptstadt der k.u.k.-Monarchie, die Bekanntschaft des Erzherzogs Leopold Ferdinand und wusste fürderhin zahlreiche pikante Details aus dem Leben der Habsburger zu berichten.

Salten war für das Habsburgerreich dieser Zeit so etwas wie Truman Capote für die Kennedys. Wie Peter Altenberg und Karl Kraus („Sittlichkeit und Kriminalität“) schrieb er einer Art „unverdorbener käuflicher Liebe“ durch Kinderprostituierte das Wort, die heute mehr als zwiespältig anmutet, im Kontext der Zeit aber vielfach als sozialkritische Aufklärung bürgerlicher und höfischer Doppelmoral angesehen wurde. Der Autor der „Mutzenbacher“ war auch der Verfasser von „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Wald“ (1923, später von Walt Disney adaptiert).

Hier mehr „Mutzenbacher“, dort mehr „Bambi“ - so lässt sich auch der Hauptunterschied von „Sisi“ und „Sissi“ ausmachen. Jedenfalls, wenn es um die ersten beiden Folgen des neuen Sechsteilers geht, die RTL im Vorfeld zur Verfügung stellte.

1955, 1956 und 1957 sah man Romy Schneider als „Sissi“, Kaiserin Elisabeth von Österreich, spätere Königin von Ungarn, und Karlheinz Böhm als ihren Kaiser und Gemahl Franz Joseph I. in der Bearbeitung von Ernst Marischka, der Regie führte und auch das Drehbuch schrieb. Sie, das unschuldige Bambi, das sich vom Naturkind zur willensstarken Regentin mit besonderem Faible für die Ungarn, und speziell den Grafen Andrassy, mauserte; er, der von ihrer Jugend überwältigte, im spanisch-unmenschlichen Hofzeremoniell erzogene Monarch, der zunehmend verzweifelt versuchte, die nationalen Bestrebungen im Reich zu unterdrücken oder, auch dank des Liebreizes der Gattin, auszugleichen.

Mit der „Sissi“-Rezeption haben sich zahlreiche Exegeten beschäftigt, manches ist offensichtlich. Das Frauenbild in „Sissi“ ist das, das die 50er in Westdeutschland und Österreich prägt. Die Frau regiert in zweiter Reihe, mit „Fraulichkeit“ und sich bescheidender „Klugheit“. Männer, und dazu gehören auch Kaiser, müssen auf warmherzige Weise in ihrer Wichtigkeit gestärkt werden, damit sie das Richtige tun. Und die Liebe - die ist eine romantische Himmelsmacht, Verzückung eine Idee, Körperlichkeit weicht der Herzigkeit. Dass diese Rollenbilder, die den Nerv der Zeit nicht nur trafen, sondern ihn auch (mit)kreierten, für Schneider wie für Böhm persönlich und als Schauspieler ein Fluch waren, haben beide immer wieder betont.

Die opulente RTL-Neuverfilmung des „Sisi“-Mythos (nun in der historisch korrekten Schreibweise) ist ein Hochglanz-Zeitgeist-Produkt, wie es „Sissi“ war. Zur Aktualität gehört dabei, dass deutsches, meist nichtlineares Fernsehen, mit einigen Produktionen Anschluss an internationales serielles Erzählen gefunden hat. In der Neu- und Umdeutung des Stoffes sieht man, dass RTL sich mehr an „The Crown“ und „Game of Thrones“, an großen epischen Erzählungen über Aufstieg und Fall von Dynastien, ihren Rechtfertigungsmythen und Zukunftsvisionen orientiert, mithin in größeren dramatischen Bögen erzählt, als es hierzulande noch vor wenigen Jahren üblich war. Bei „Sisi“ ist der historische Aufriss vielleicht etwas kleiner, ist der „Production Value“ nicht ganz so groß, aber die Motivation ist sichtbar.

Aktuell ist auch die Modernisierung der (Haupt-)Figuren. Für „Sissi“ war Franz Joseph eher eine sekundäre Figur, in „Sisi“ zeigt Jannik Schümann in den ersten beiden, in auffälliger Netflix-Tradition „mysterymäßig“ angehauchten Folgen, warum man den jungen Herrscher nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstandes Mitte des 19. Jahrhunderts auch den „Blutkaiser“ nannte. Unbarmherzig, mit kaltem Blick, lässt er hier den Moment der möglichen Begnadigung der Rebellen verstreichen und wird bei der Hinrichtung von einer furiosen Ungarin verflucht. Eine Szene, die ihn immer wieder heimsucht und fast dazu bringt, beim Verlobungs-Cotillon das Blumensträußchen des Versprechens an Sisis ältere Schwester Néné (Pauline Rénevier) zu geben.

Sisi (Dominique Devenport) aber hat den Kaiser natürlich schon im Sturm erobert. Nicht nur das: Als kluge Frau ahnt die neue Sisi, dass mit allen Mitteln Politik inner- und außerhalb des Haushalts betrieben wird. Hier inszeniert Sven Bohse mit Michael Schreitel Szenen, die an „Game of Thrones“ oder auch an Helen Mirrens Paraderolle als „Catherine, the Great“ (Sky) erinnern. Regiert wird vom Bett aus, jedenfalls auch. Mit dieser Sisi, die hier gleich eingangs masturbierend gezeigt wird - für sie eine Beschäftigung so natürlich wie das geliebte Reiten oder Wandern - bekommt das Wort vom „Naturkind“ mehr und mehr erotischen Sinn. Die Augen zu und an England denken - das kommt für diese künftige Herrscherin nicht infrage. Vor allem, nachdem sie den versprochenen Franz Joseph mit gleich drei lüstern blickenden nackten Kurtisanen erblickt hat. In einem Freudenhaus, das der Gemahl in spe kurz zuvor aufgesucht hat, will sie sich von der Prostituierten Fanny (Paula Kober) in Verführungskünsten ausbilden lassen. Auch, um selbst möglichst viel Gefallen an „der Sache“ zu finden.

Im Vergleich zu den Ernst Marischka-Filmen ist die neue Sisi ein Beispiel für Selbstermächtigung und -bestimmung, auch im Hinblick auf ihre weibliche Körperlichkeit. Ob die weiteren Folgen halten, was Devenport zu Beginn sehr passend verkörpert, bleibt dahingestellt. Würde konsequent weitererzählt, müsste im Hinblick auf die verbürgten Essstörungen und das zwanghafte Sporttreiben der Kaiserin aus Selbstbewusstsein Selbstknebelung werden. Nicht zuletzt ist die neue Serie, obwohl immer noch Romantik im Zentrum steht, politischer und historisch glaubwürdiger gestaltet. Vermutlich dürfte Letzteres das Publikum weniger interessieren, es bleibt aber ein Plus des Drehbuchs.

Sofern Zuschauer es nicht als Sakrileg empfinden werden, dass RTL Hand an „ihre“ „Sissi“ gelegt hat, dürfte „Sisi“ den erwarteten Erfolg liefern. Schließlich bleibt mehr als ein Hauch von „Cinderella“ oder „Die Schöne und das Biest“. Dass man die Prostituierten in dem Alter zeigt, in dem sie damals üblicherweise Sexarbeit verrichteten - als Kinder und junge Jugendliche -, verbietet sich inzwischen von selbst. Auch Sisi wirkt älter als die 15 Lenze, die ihre Eltern Herzogin Ludovica (Julia Stemberger) und Max in Bayern (Marcus Grüsser) ihr gegeben haben. Hier hört die historische Akkuratesse im Schmachtfilm zu Recht auf. Es ist ebenfalls gerechtfertigt, dass Schwiegermutter Erzherzogin Sophie (Désirée Nosbusch) wirkt wie eine habsburgische „Bad Banks“-Direktorin und Gräfin Esterhazy (Tanja Schleiff) als Tugendwächterin jeden imaginierten Hof der Geschichte zieren würde. Der Eindruck muss freilich vorläufig bleiben, solange nicht alle Folgen zugänglich sind.

Aus epd medien 49/21 vom 10. Dezember 2021

Heike Hupertz