Psychologische Studien

VOR-SICHT: "Schuld", vierteilige Fernsehfilmreihe nach Erzählungen von Ferdinand von Schirach, Regie: Nils Willbrandt, Buch: Annika Tepelmann, André Georgi, Niels Holle, Jan Ehlert, Kamera: Wolf Siegelmann, Produktion: Moovie (ZDF, freitags ab 13.9.19, 21.15-22.00 Uhr)

Als der Jurist Ferdinand von Schirach 2009 im Alter von 45 Jahren sein Buch "Verbrechen" veröffentlichte, landete er damit einen Hit auf dem Buchmarkt und legte den Grundstein zu einer zweiten Karriere als Schriftsteller. Dergleichen war noch ungelesen. Ein Strafrechtler, der seine Berufserfahrung in Kurzgeschichten fließen ließ, die seine Leser unerklärliche Verbrechen und Verbrecher "verstehen" ließen und sie gründlich ins Nachdenken über Gut und Böse, Recht und Gerechtigkeit brachten.

Den besonderen Reiz der Fälle machte aus, dass sie eine Grundlage in Schirachs Anwaltspraxis hatten. Die folgenden Bücher nach dem selben Schema ("Schuld", "Strafe") ließen deutlich nach. Das vormals in dieser Form Unerhörte/Ungelesene war nun bekannt und seine "besten" Fälle und Einfälle hatte der Autor für "Verbrechen" genutzt.

Nun schickt das ZDF die dritte und letzte Staffel Schirach-Geschichten auf den Schirm, aus den Büchern "Schuld" und "Strafe". Die Erfahrung der Leserin wiederholt sich im Fernsehen: Man kennt das alles schon. Manchmal fühlt man sich als Zuschauerin, anders als die Leserin, gar wie eine Voyeurin, da das Ganze ja kein reiner Krimi ist, sondern das Aroma des "so ist es wirklich passiert" hat.

Wer die Filme noch sehen will, sollte diesen Absatz lieber überlesen: Wenn in der zweiten Episode eine vergewaltigte 15-Jährige, die ihre Schwangerschaft verdrängt hatte, ihr Kind bei der Geburt in der Toilette ertrinken lässt, dann ist das furchtbar. Wem bringt es was, dabei zuzusehen? Nicht alles taugt für Fernsehunterhaltung, das hätte man lieber nie farbig ausgemalt gesehen.

Auf die Darstellung des Anwalts als gütiger Beichtvater oder alles verstehender Psychotherapeut, an den man sich als Klient jederzeit wenden darf, auch wenn nach 15 Jahren alles noch mal hochkommt, hätte man auch verzichten können. Anwälte mit Herzen aus Gold, die sich wiederholt bei der Ex-Mandantin dafür bedanken, dass sie ihre Arbeitszeit gratis in Anspruch genommen hat, mag es ja geben. Aber wie viele?

Gelungen ist die dritte Folge, "Lydia", über die - Spoileralarm - hier eigentlich gar nichts verraten werden kann. Angucken! Denn hier kommt die Stärke von Schirachs Kurzgeschichten voll zur Geltung. Man urteilt über ein Ereignis, über das man sich bei der Meldung in der Zeitung an die Stirn getippt oder auch lustig gemacht hätte, am Ende völlig anders, hat etwas verstanden und schämt sich ein bisschen für seine Ignoranz.

Die erste Folge erzählt, genau wie übrigens die dritte, von einem "Kleinen Mann". Im ersten Fall ist der Täter tatsächlich auch noch kleingewachsen und wird von David Bennet gespielt. Wie wurde aus dem biederen Supermarktangestellten ein Händler von kiloweise Kokain? Eine psychologische Studie über das Gernegroßseinwollen mit überraschender Volte am Ende, für die allein das Dranbleiben lohnt.

Großes Lob gebührt dem Casting von Mai Seck: Hier sind nicht nur die üblichen Fernsehnasen zu sehen, sondern gute Schauspieler, die man nicht dauernd auf dem Schirm sieht. Das verstärkt den "Wirklich-Wahr"-Effekt, eine Besetzung mit den inzwischen in großer Zahl verschlissenen ZDF-Krimidarstellern, die für Fiktion stehen, wäre hier ein Problem.

Die Filme sind hochwertig produziert, ihre Ästhetik wirkt aber zu bunt und glatt. So sieht ZDF-Fernsehunterhaltung aus dem Haus Berben/Constantin aus. Auf Hochglanz präsentierte Abgründe des Lebens? Merkwürdige Idee. Sehr angenehm hingegen ist die völlig ausreichende Länge von nur 45 Minuten.

Selten undankbar ist die Rolle von Moritz Bleibtreu als Anwalt Kronberg, denn hier stehen ja die Geschichten der Mandanten im Mittelpunkt, nicht der Verteidiger oder die Verteidigung. Bleibtreu darf also mitfühlend und tiefsinnig aus seinen schönen braunen Augen gucken und Sätze sagen, wie "ich brauche hier ihre Unterschrift", im Mandantengespräch Paragrafen runterrappeln (als täten Anwälte das!) oder den Telefonhörer schön festhalten, wenn ihm was erzählt wird. In Folge vier wird das vermutlich anders: Da meldet sich ein Jugendfreund bei Kronberg und der Anwalt kriegt Zweifel an der eigenen Berufung.

Aus epd medien 37/19 vom 13. September 2019

Andrea Kaiser