Positive Irritation

VOR-SICHT: „Mutter kündigt“, Fernsehfilm, Regie: Rainer Kaufmann, Buch: Freya Stewart, Gabriela Sperl, Ferdinand Arthuber, Kamera: Ahmed El Nagar, Produktion: Gabriela Sperl für W & B Television (ZDF, 22.7.21, 20.15-21.45 Uhr, ZDF-Mediathek seit dem 15.7.21)

epd Nicht selten sind Fernsehfilme über Familien eher Mogelpackungen statt Wundertüten. Das mag daran liegen, dass die Vorstellungsbreite und -tiefe betreffs Familienmodellen bei den Verantwortlichen wohl eher begrenzt sind. Oder daran, dass man der Zuschauerin und dem Zuschauer keine besondere Aufgeschlossenheit unterstellt, wenn es um Fragen des inneren Lebensbereichs (Partnerschaft, Elternschaft, Selbstfindung, das passende Leben) geht. Aktuelle Filme über moderne Ehen entpuppen sich als x-te Variation zum Thema „Seitensprung macht müde Beziehungen munter“, und seit neuestem sieht man hier und da auch lesbische und schwule Paare als selbstverständlichen Teil einer weiter verzweigten, natürlich zerstrittenen Sippe. Die meisten dieser Produktionen sind so aufregend wie eine halbleere Tüte Chips, die irgendjemand vor Wochen in die Sofaritze gepresst hat. Labbrige Krümel mit Muffgeschmack. Bestenfalls eine Reminiszenz daran, was sein könnte, wenn man fiktionale Unterhaltung ernst nähme.

Manchmal aber gibt es Familien-Fernsehfilmproduktionen, die bewusst mit den Klischeeerwartungshaltungen und vermeintlichen Sendeplatzerfordernissen zu spielen verstehen. Sie sind als Mogelpackungen getarnte Kassiber. Wie „Mutter kündigt“, einer auf mehreren Ebenen funkelnden Angelegenheit in „Mutter ist die Beste, bloß ihre Kinder wissen es noch nicht“-Umhüllung, die sich nach und nach zu humanistisch schürfender, regenbogenbunter Allumarmungspracht entfaltet.

Paillettenkleider für dezent geschminkte Herren und Damenfrack, Duogamie und rosa Sonnenuntergang für Lebensmenschen, Duett von Suzi Quatro und Chris Norman („Stumblin' In“) als Zugabe - hier wird es Ereignis. Wo Probleme nicht nur besprochen, sondern gelöst sind, kann eben auch hemmungsfrei geschwärmt werden. Und wo Drag nicht bloß Verkleidung ist, sondern ernste Fragen der Authentizität, Zugehörigkeit und Normativität von Zuschreibungen bewegt, da bekommen Monologe, die man ansonsten für wohlfeil und zu gewollt halten könnte, existentzelle Dignität. Vor allem, wenn so anrührend gespielt wird wie hier.

Bei „Mutter kündigt“ kann schon die Stabs- und Besetzungsliste positiv irritieren. Wo Maren Kroymann die Mutter spielt (als Carla Michelsen) und Rainer Bock den Anwalt und Hausfreund der Familie (als Dr. Rudi Lutz), ist wahrscheinlich mehr Wahrhaftigkeit drin als in „Herzkino“-Erwärmungen. Auch die mehr oder minder erwachsenen Kinder- und Schwiegerkindfiguren sind mit Ulrike Tscharre (als älteste Tochter und Perfektionistin Rita), Jördis Triebel (als schwankende Bohèmienne Doro), Britta Hammelstein (als Doros Ehepartnerin und Familienfehdenzaungast) sowie Stefan Konarske (als Philipp das koksende, geldgeile Finanzmanager-Ekelpaket der Sippe) glänzend besetzt. Lena Urzendowsky als Enkelin Joe vervollständigt die Familienaufstellung, bei der Lucie Heinze als Philipps im Hotel geparkte Kollegin und Freundin Sandra zuschaut. Nicht zu vergessen Ulrich Tukur, verstorbener Ehemann, Schwerenöter und Theaterimpresario, der in kurzen Nebenrollenauftritten der von Carla herbeigeführten Familienauflösung ungewollt sekundiert.

Der Inhalt verspricht das Übliche - nicht ganz: Mama bestellt die Kinder ein und eröffnet ihnen das Ende der Familie. Das Haus habe sie verkauft, gegen Unterzeichnung der Kündigungsbestätigung bekomme der Nachwuchs je 250.000 Euro und ein „Auf-Nimmerwiedersehen“. Sie, Carla, kündige die Mutterrolle, die ihr, der nebenberuflichen Kostümbildnerin am Theater ihres Mannes, nie so recht gepasst habe. Die Kinder sind empört, wollen mehr oder alles zurück, wie es war. Und missachten ihre Mutter, so, wie es immer war.

Die Szenen der Rückblende auf das vergangene Weihnachtsfest, als man Muttern mit Gänsebratenfron, Hausarbeit und Fürsorge allein ließ, während man sich zu dritt stritt wie in Kindertagen, inszeniert Kaufmann in einer Gleichzeitigkeit von zynischem Humor und Traurigkeit, die aufs Gemüt schlägt. Auch dabei bleibt es nicht - von den Zumutungen der gesellschaftlichen und familiären Definition der Mutterrolle geht es zu Doppelleben, Rollenverständnissen und Befreiung im weiteren Sinn.

Das Leben ist ein Kleid, das kneifen oder die eigenen Vorzüge unterstreichen kann. Während die Kinder im Hotel schmollen, wo Papa seine wechselnden „Bewunderinnen“ empfing, erlebt Joe mit Carla im leeren Nachtclub Rudis Auftritt in Robe. Rainer Bock singt „Somewhere Over the Rainbow“, mit Perücke, Make-up und Glitzerkleid, nicht schrill, sondern schön und wie mit Herzensbedürfnis. Später tritt auch Maren Kroymann mit einem Hauch von „Cabaret“ auf. In dieser Nacht, steht zu vermuten, verrücken sich für die 19-jährige Joe Lebenspfeiler. Auch im Hotel gibt es, neben reichlich Alkohol, Verschiebungen.

Und damit Carla nicht als die große, allwissende Alternativmutterfigur aus dem Film scheidet, gibt ihr das Drehbuch kalkuliert ein wenig Ambivalenz. Dass sie Joe ernsthaft zur Abtreibung rät, passt zur Mutterkündigungsabsicht, macht sie aus Sicht der Zuschauerinnen und Zuschauer aber auch zum guten Schluss hin nicht mehr zur „Gute Mutter“-Figur.

Dass der Mutterkonflikt nur der Türöffner eines einnehmend gespielten, so laut wie in manchen Szenen leise beworbenen Plädoyers für mehr Freiheit ist, dies am deutlichsten zu äußern, fällt Rainer Bocks Rudi zu. Sein Sprachgestus ist dabei der des Wunderns: „Komisch, der Mensch will immer Eindeutigkeit. Klarheit. Schwarz oder weiß. Das bringt Sicherheit und verdrängt die Ängste. Der ist gut, der ist böse, der ist schwul. So einfach ist das nicht.“ Und ein Familienfilm wie „Mutter kündigt“ kann sogar ein Film über die Bedingung der Möglichkeit von echt empfundener Familienzugehörigkeit in Freiheit sein.

Aus epd medien 28/21 vom 16. Juli 2021

Heike Hupertz