Persona non grata

„Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“, sechsteiliger Podcast, Buch: Khesrau Behroz, Produktion: Studio Bummens, K2H (Radioeins/NDR, seit 13.6.21 jeweils sonntags, 20.00-21.00 Uhr)

epd Ken Jebsens auratisch raunende Stimme ist oft zu hören in dieser als Podcast produzierten, doch im linearen Radio in strenger Serienlogik, mit einer Folge pro Woche, ebenfalls ausgestrahlten Produktion. Dabei ist Jebsen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk längst eine Persona non grata und wird höchstens exemplarisch als Verschwörungstheoretiker (oder -mythologe) genannt, der sogar auf Youtube gesperrt und bloß noch auf Telegram vertreten ist. Dass der Markenname seiner inzwischen vom Verfassungsschutz beobachteten Plattform „KenFM“ einst eine Radiosendung im öffentlich-rechtlichen RBB bezeichnete, gehört zu den Dingen, die viele Hörer vergessen oder noch nie gewusst haben dürften. Ähnlich oft, wie Jebsen „der wohl erfolgreichste Verschwörungstheoretiker Deutschlands“ genannt wird, wird betont, dass die Podcast-Macher ihn selbst für ein Interview anfragten, aber keine Antwort erhielten.

Tatsächlich bezeichnen sich außer befragten Zeitzeugen auch mehrere Macher der Serie als Fans des frühen Jebsen. Er sei in den 1990er Jahren der „wildeste, innovativste Radiomoderator“ in Deutschland gewesen, immer „erhellend“, und habe „dreigleisig“ gedacht. Audiobeispiele aus den Archiven des RBB belegen dies, vor allem vom Jugendradio Fritz, zu dessen Stärken gut gemachte, lustige Jingles noch immer zählen. Jebsens „Markenzeichen“ sei sein schnelles Sprechen gewesen, wird wiederholt gesagt - und ist es in seiner Selbstdarstellung noch immer, wie in der vierten Folge ein Ausschnitt aus Jebsens Rede auf einer „Querdenker“-Demonstration in Stuttgart belegt, auf der er genau damit kokettiert.

„Cui Bono: WTF happened to Ken Jebsen?“ schöpft also mit augen- oder eher ohrenfälligem Aufwand aus den Archiven und montiert gut ausgewählte Beispiele aus unterschiedlichen Zeiten mit heutigen Einschätzungen - und mit dem, was Jebsen auf seinen heutigen Kanälen sagt. Diese sorgfältige Produktion nimmt ebenso für den Podcast ein wie der Ansatz, seine Geschichte chronologisch ausgangsoffen zu erzählen. Womöglich hätte es Jebsen wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk geholfen, hätte man dem Moderator, der vor allem Aufmerksamkeit wollte, rechtzeitig andere Experimentierfelder geboten. Das „Trimediale“, mit dem Jebsen bei Ausflügen ins Fernsehen experimentierte, wird ja längst überall großgeschrieben. Und dass in Jebsens Radiosendungen einst unwidersprochen Ausschnitte liefen, die aus heutiger Sicht erstaunen, lässt sich sowohl so interpretieren, dass die Kontrollen besser geworden sind, als auch so, dass Radio einst spannender war.

Über den langsam eskalierenden Konflikt im RBB berichtet ein Mitarbeiter anonym mit verzerrter Stimme. Die zweite der sechs Folgen koproduzierte der RBB wegen einer mit Jebsen 2011 getroffenen Stillschweigensvereinbarung nicht. Einiges kam damals zusammen, Ärger über „immer ausuferndere Monologe“ Jebsens, der sich über reduzierten Produktionsaufwand ärgerte. Was die häufig erwähnten Antisemitismusvorwürfe betrifft, sei die Geschichte „so ganz einfach (...) nicht“, lautet der Cliffhanger am Ende der ersten Folge. „Cui bono“ erzählt spannend und will auch ostentativ Spannung aufbauen.

Das gelingt durchaus. Für einen Antisemiten halten die Podcast-Macher den damaligen Jebsen eher nicht. Er habe in einer E-Mail „dämlich formuliert“ und Henryk M. Broder, der den Vorwurf öffentlich erhob, das „taktisch“ missverstanden, sagt der langjährige RBB-Moderator Holger Klein. Durch den Rauswurf beim RBB wurde Jebsen jedenfalls zufällig zu genau dem Zeitpunkt frei für Youtube, als diese Plattform begann, dominant zu werden und Verweildauer statt reiner Klicks zu belohnen und algorithmisch zu empfehlen. Als „politischer Influencer“ konnte er in Zeiten des global boomenden Populismus auf allen Seiten Fans sammeln, auch weil er sich politisch lange nicht eindeutig positionierte. Ein ehemaliger Mitstreiter, der nach eigener Einschätzung „harte antifaschistische Beiträge“ für „KenFM“ erstellte, beteuert, dass Jebsen sich „eher als Linker“ gesehen habe, doch von links bekämpft wurde. Erst 2018 hätten „die rechten Kräfte“ in der Community die Oberhand gewonnen. Zeitgenössische abenteuerliche Vergleiche Jebsens, die Jesus Christus, Martin Luther King und Rudi Dutschke bemühen, kunden von zunehmendem Abdriften.

Ob es nun eine große Enthüllung ist, dass Jebsen vor der Demonstration im August 2020, die zum beinahe gelungenen Versuch, den Reichstag zu stürmen, führte, seine Anwesenheit öffentlich ankündigte, dann aber weder persönlich noch via soziale Medien gesichtet wurde? Das wird sich vielleicht in der fünften Folge zeigen. Die Spannungheischende Erzählweise funktioniert über weite Strecken, wenn auch nicht immer für alle. Die Ausführlichkeit etwa, mit der die vierte Folge schildert, welche Milieus sich auf Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen alle versammelten, kann übertrieben erscheinen. Ob die Dramaturgie aufgeht, wird sich erst am Ende zeigen. Um „Geschäftsreisen auf die Krim“ sowie um ebenfalls schwierige Deplatforming-Fragen soll es in zwei noch unveröffentlichten Folgen gehen.

Zumindest schafft die Erzählweise Interesse für eine mit hohem Aufwand erstellte Produktion. Das meist dichte Tempo scheut keine Metaebenen. In der zweiten Folge etwa irritieren zwei kleine Widerhaken: Daniel Donskoy, inzwischen als Gastgeber der WDR-Sendung „Freitagnacht Jews“ bekannt, und der gern gefragte Internetexperte Sascha Lobo, die ansonsten beide nicht auftauchen, „grätschen“ kurz mit Kritik in die Podcast-Dramaturgie hinein und äußern eigene, schärfere Ansichten zu Antisemitismus und Verschwörungstheorien. Ob das lustig oder hilfreich ist, ist Geschmackssache.

Die große Frage „Warum geben wir einem Verschwörungstheoretiker so viel Raum?“ formulieren die Podcast-Macher in unterschiedlichen Ausprägungen selbst. Und beantworten sie ungefähr damit, dass sie selbst die Erzählhaltung bestimmen. Was an grundlegende Fragen rührt: Hilft es Verschwörungstheoretikern eher, sie zu erwähnen, weil ihre Theorien sich analytisch ohnehin nicht entlarven lassen? Andererseits, Phänomenen allein durch Ausblenden zu begegnen, kann auch keine Lösung sein, zumal im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Das Bemühen, schwierige Themen nicht zu verschweigen und einen gegenwärtigen Zwischenstand durch um Differenzierung bemühtes Zurückschauen zu erklären, verdient Respekt und Aufmerksamkeit.

Aus epd medien 26/21 vom 2. Juli 2021

Christian Bartels