Oben schwimmen

VOR-SICHT: "Preis der Freiheit", dreiteiliger Fernsehfilm, Regie: Michael Krummenacher, Buch: Michael Klette, Charlotte Wetzel, Gabriela Sperl, Michael Krummenacher, Kamera: Morten Søborg, Produktion: Gabriela Sperl für W&B Television, Wilma Film, ZDF Enterprises (ZDF, 4., 5. und 6.11.19, 20.15-21.55 Uhr)

Die Kurzbeschreibung des ZDF zum Eventdreiteiler zu 30 Jahren Deutsche Einheit liest sich fast wie eine Parodie auf den deutschen Reißbrett-Fernsehfilm: "Das Ost-West-Drama erzählt die Geschichte dreier Schwestern in den Umbruchjahren zwischen 1987 und März 1990. Margot (Barbara Auer) beschafft in der Ostberliner Behörde 'KoKo' Devisen für die wirtschaftlich angeschlagene DDR. Lotte (Nadja Uhl), alleinerziehende Mutter, beginnt, das System zu hinterfragen und engagiert sich in der Umweltbewegung. Die jüngste Schwester Silvia (Nicolette Krebitz) gilt als tot, lebt aber mit neuer Identität im Westen und hat ihre Kinder in der DDR zurücklassen müssen."

Was der Film dem Zuschauer verklickern soll, nämlich möglichst "alles" und zwar möglichst "light", scheint damit klar. Wieder einmal dient eine Familiengeschichte als erzählerisches Vehikel, und die Protagonistinnen erscheinen als lupenreine Rollenträgerinnen. Doch dann kommt zum Glück alles anders, als man anhand dieser sachlich nicht falschen Beschreibung befürchten musste.

Klugerweise wählte das Autorenteam doch einen Fokus: Margot und die Machenschaften der "Kommerziellen Koordinierung" (Koko) stehen im Zentrum, als Erzähler fungiert ein damals junger Mann (Jonathan Berlin), der bei Schalck-Golodkowski kurz vor Schluss noch angeheuert hatte. Im Film hat er nur eine Nebenrolle. Doch um die Ereignisse im Rückblick einzuordnen, ist er der Richtige: biografisch nah genug dran, aber kurz genug dabei, um nicht ganz dazugehört zu haben. Die Koko, so informiert er die jüngeren, uninformierten oder vergesslichen Zuschauer, sei der kapitalistische Anker der DDR gewesen. Hier arbeiteten die Leute, die für die DDR die Devisen-Deals machten: und zwar auch mit dem Import von Müll und Giftmüll aus dem Westen, mit dem lukrativen Export von Gefangenen in den Westen und von Waffen in Krisengebiete.

Der unbotmäßige DDR-Normalbürger, erfährt man hier, war schon für knapp 100.000 Westmark im Angebot. Chirurgen habe man für 200.000 pro Stück verkauft. Der Film dreht sich also vor allem um die Leute, ohne die, so heißt es im Film, die DDR wohl schon Anfang der 80er Jahre am Ende gewesen wäre. Zugleich versteckte die Koko viele der so erwirtschafteten Milliarden - bis heute sind sie nicht wieder aufgetaucht.

Es war eine ausgesprochen kluge Entscheidung, den Film konsequent in der zweiten und nicht in der ersten Reihe spielen zu lassen. So ersparen sich die Autoren unfreiwillige Komik und können den Figuren biografisch und charakterlich andichten, was sie wollen, und ihnen so Leben einhauchen. Thomas Thieme als Schalck-Golodkowski spielt hier dementsprechend nur eine kleine Rolle und demonstriert dennoch, was hohe Schauspielkunst vermag: Er sieht nicht aus wie der skandalumwitterte Mann, hat ihn sich aber so gut abgeguckt, dass man nach Bruchteilen von Sekunden erkennt, wen er darstellen will.

Vieles erinnert hier an die ARD-Serie "Weissensee", kein Wunder. Dort Stasi, hier Koko - beide TV-Produktionen spielen nicht unter Normalbürgern, sondern in den privilegierten Kreisen, dem "Adel" der DDR. Hier wie dort gibt es die, die einst für eine bessere Welt angetreten waren und Idealen anhängen - und erkennen müssen, zu was für einem perversen Monsterstaat ihre DDR mutierte. Es gibt die, die die Augen bis zum Ende davor unbedingt verschließen wollten. Es gibt die Hardliner-Oma mit stalinistischem Charakter. Es gibt die Kinder, die etwas verändern wollen. Und die Enkelkinder, die die Nase voll haben. Und die Mischung verschiedener Gefühle und Bestrebungen in einer Person.

Ferner gibt es die moralbefreiten Hasardeure, allen voran Oliver Masucci als Ilja Schneider, die an nichts glauben außer an die Kunst, selbst immer oben zu schwimmen. Ein Menschenschlag, der für Geschäfte wie die der Koko wie geschaffen war.

Hier ist ein toller Cast versammelt, das gilt nicht nur für die bekannten Protagonisten (darunter auch Joachim Król, natürlich als Guter), sondern auch für die weniger bekannten Schauspieler und kleineren Rollen (etwa Janina Fautz, Michelangelo Fortuzzi oder Aaron Hilmer). Was den Verdacht von "History light" angeht: einerseits ja, andererseits nein. Man kann hier nicht nur die Familiengeschichte "konsumieren", ohne die politische Geschichte aktiv mitdenken zu müssen. Das wird zwischendrin auch mal anstrengend.

Vor allem Teil zwei und drei haben leider Längen, und manchmal reißt der Spannungsfaden. Drei mal 100 Minuten wären nicht nötig gewesen. Mitunter wirkt es, als sei das Team von den eigenen Recherchen und dem, was kurz vor und nach der Wende Unglaubliches und unglaublich Unmoralisches passiert ist, so überwältigt gewesen, dass es mehr Details und Verwicklungen zeigte, als dem Dreiteiler - als Film - guttaten. Verständlich, aber nicht optimal.

Wessis kommen eher am Rande vor - als Schmierlappen, die mit der Koko widerwärtige Geschäfte machen, als selbst erklärte Stradivaris unter den Arschgeigen wie Abteilungsleiter Hartmann aus dem Finanzministerium: DDR-Übernahme durch die Bundesrepublik! Sofort! Oder als Junker, die Oma ihr klein Häuschen wegnehmen wollen. Geschenkt. Wessis sind hier nicht das Thema, und dass Hartmann satirisch überzeichnet sein soll, steht angesichts der Art, wie Fabian Hinrichs ihn spielt, zu vermuten.

Ebenfalls geschenkt, aber mal am Rande erwähnt: Szenen wie die der jungen Frau, die neben einem abfahrenden Bus herläuft, in dem der geliebte Bruder in den Westen exportiert werden soll, gehören verboten. Vielleicht sollten Film- und TV-Kritiker gemeinsam mal einen "Don't"-Katalog für Regisseure erstellen: Dazu gehört neben dem Klassiker der einsam schwingenden Kinderschaukel auch dieses Bild.

Ältere Zuschauer werden sich - ach ja! - an viele der Ereigniszitate aus der Geschichte erinnern, vom Genesis-Konzert an der Mauer bis zur Stürmung eines Konzerts in der Zionskirche durch DDR-Skinheads. Aber wer nach diesem Film noch uneingeschränkte Ostalgie verspürt und weiter feste daran glauben möchte, erst die böse Treuhand sei es gewesen, die eine funktionierende DDR-Industrie grundlos zerstört habe, den wird auf dieser Welt wohl nichts mehr vom Gegenteil überzeugen. West-Arschgeigen hin, Ost-Arschgeigen her.

Aus epd medien 44/19 vom 1. November 2019

Andrea Kaiser