VOR-SICHT: „Vierwändeplus“, Comedyserie, Regie: Janosch Chávez-Kreft, Sophie Averkamp, Buch: Tali Barde, Marian Grönwoldt, Helena Lucas, Laura Rabea Tanneberger, Produktion: Network Movie StickUp Filmproduktion (ZDFneo, ab 16.8.22, Doppelfolgen, jeweils dienstags, 21.45-22.40 Uhr)

epd Nach „Doppelhaushälfte“ - jener überaus amüsanten Miniserie, die im Frühjahr bei ZDFneo zu sehen war - spielt das ZDF nun eine andere Wohnform im Comedy-Serienformat durch: die Baugruppe. Martin, Anna, Freddie und Bo sind schon seit ihrer Kindheit Freunde. Und als Anna von ihren Eltern ein Grundstück samt Haus erbt, ist der Weg frei für den Traum vom gemeinsamen Wohnen unter einem Dach. Schließlich ist Martin (Alexander Prince Osei) Architekt, und nach vier Jahren aufreibender Bauphase ist es endlich so weit: Der Einzug steht an.

Die neue „Framilie“ (Freunde plus Familie) besteht aus dem harmoniesüchtigen Familienmenschen Martin, seiner Frau und durchorganisierten „Planungsqueen“ Caro (Birte Hanusrichter) sowie den beiden gemeinsamen Töchtern Luisa und Emma, außerdem der Ärztin Bo (Kotti Yun) und ihrer Partnerin Julia (Henrike Hahn) nebst Julias Sohn, dem pubertierenden Umweltaktivisten Gregor (Julien Neisius). In die dritte Wohneinheit ziehen Neo-Hippie Anna (Antonia Bill) und ihr tiefenentspannter holländischer Liebster Erik (Moritz Vierboom) ein, die schwer damit beschäftigt sind, den ersehnten Nachwuchs zu zeugen. Freddie (Eugen Bauder) wiederum ist Single mit Sneaker-Tick und auf ständiger Suche nach der perfekten Frau fürs Leben.

Das ZDF setzt auch hier sichtlich auf ethnische und sonstige Diversität, wobei für die Geschichten letztlich die mentalen Clashs entscheidend sind, und da gäbe es in der kontrastreichen Anlage der Charaktere viel Potenzial. Dass aber Caro gleich in der ersten Folge privat eine Bombe platzen lässt, erstaunt sehr - ausgerechnet die sonst so rational-vernünftige Kalenderfetischistin hat die Trennung von Martin als ersten Punkt auf ihrer digitalen To-do-Liste, was sie ihm unmittelbar nach dem Einzug auch mitteilt. Warum sie das tut, können weder Caro selbst noch die Drehbuchautoren einigermaßen glaubwürdig erklären. Zumindest sorgt es erst mal für Erzählstoff, denn da sind ja auch noch die beiden Töchter, das hyperintelligente Nesthäkchen Emma und die finster-rebellische Luisa - Mary Amber Oseremen Tölle und Nola Essam meistern ihre ziemlich anspruchsvollen Rollen mit Bravour.

Auch zwischen Bo und der Köchin Julia knirscht es vernehmlich: Nicht nur, dass Bo eher einsiedlerisch veranlagt ist und Julia ein temperamentvolles Muttertier - vor allem aber sind Bo und der schwer pubertierende Ökofanatiker Gregor auf latentem Kollisionskurs.

Doch so recht will hier trotzdem nichts zünden: Zwar handelt es sich um das klassische Muster einer Sitcom, denn der Großteil der Handlung spielt innerhalb der titelgebenden Wände und die Figuren sind vor allem durch ihre Macken charakterisiert. Klar, hier und da gibt es witzige Dialoge und auch hübsche Details: wie der Dekofisch, der auf Knopfdruck „Don't worry be happy“ singt. Doch für eine Sitcom ist der Dialogwitz oft nicht bissig und zugespitzt genug, und manche Story-Gags wie die verwechselten (Hasch-)Kekse riechen schon arg penetrant nach Mottenpulver.

Für eine Comedy wiederum mangelt es an Alltagszeichnung. Gehen die eigentlich nie arbeiten? Klar, man sieht Erik, den Kurier, auch mal vom Fahrrad absteigen oder Bo erzählt was von einer OP und Julia trägt mal eine Kochjacke - aber sonst? Wovon lebt eigentlich Freddy den lieben langen Tag, und wovon bezahlt er eigentlich seine vielen Sneakerpaare? Und was ist mit dem ganzen Ärger, mit dem sich typische Baugruppen klassischerweise rumschlagen und der eben nicht ausbleibt, wenn aus bisherigen Mietern Eigentümer mit einem gemeinsamen Dach werden? Selbst drohende Katastrophen wie ein sich senkendes Fundament werden hier irgendwie nett in der „Framilie“ weggelächelt.

Nett zu sein gehört aber weder zu den wünschenswerten Prädikaten einer Sitcom noch einer Comedy. So bleibt der etwas fade Eindruck einer unterm Strich doch eher beliebigen, am Reißbrett routiniert zusammengezimmerten Serie. Irgendwie ganz nett, aber schnell vergessen.

Aus epd medien 32/22 vom 12. August 2022

Ulrike Steglich