Musik als Kommunikation

VOR-SICHT: "Brüder Kühn - Zwei Musiker spielen sich frei", Dokumentarfilm, Regie und Buch: Stephan Lamby, Kamera: Steffen Bohnert, Martin Groß, Boris Mahlau, Knut Muhsik, Axel Thiede (3sat/ZDF, 21.9.19, 20.15-21.45 Uhr)

Krankheit macht Joachim Kühn Angst. Als er wegen Krebsverdacht, im Krankenhaus lag, bekämpfte er die Angst mit Komponieren. Und weil ihm das Kranksein missfiel, nannte er das Stück "Alles S." - S wie Scheiße. Das Ende des Stücks nannte er aber dann "Epilog der Hoffnung". Der Krebsverdacht bestätigte sich nicht. Das ist eine Episode aus Stephan Lambys Film "Brüder Kühn - Zwei Musiker spielen sich frei". Stephan Lamby, der sonst politische Dokumentationen dreht, geht hier an ein ganz anderes Sujet, den Jazz, und man merkt sehr schnell, dass er Ahnung hat, dass er den Jazz liebt; er hat selbst eine Vergangenheit als Musiker. Und wer den Jazz liebt, liebt die Musiker, und dieser Film ist eine einzige Liebeserklärung.

Joachim und Rolf Kühn sind zwei Ausnahmemusiker. Zwei Brüder, 15 Jahre Altersunterschied. Rolf Kühn ist Klarinettist, hat mit vielen Großen gespielt, mit Benny Goodman und Count Basie etwa. Joachim Kühn, der Jüngere, ist ein exzellenter Pianist und auch ein exzellenter Saxofonist, als Freejazzer spielte er unter anderem mit Ornette Coleman. Beide sind Jazzer, weil sie das Improvisieren lieben. "Bei mir gibt es niemals Noten", sagt Rolf Kühn.

Die Brüder Kühn stammen aus einer Künstlerfamilie, aber nicht aus der Welt der Musik. Der Vater war Zirkusartist, und auch Rolf wollte als Junge Artist werden. Sein Vater und dessen Bruder tourten durch die Welt und nannten sich "Die kühnen Brüder". Rolf Kühn erinnert sich, dass die beiden zehn Jahre lang an einer bis dahin einmaligen Nummer übten: Kopfstand auf Kopf, aber ohne dazwischenliegenden Ring. Davon geblieben ist den Söhnen die Disziplin, die man als Musiker braucht: Üben, üben, üben.

Die beiden Brüder haben gemeinsam, dass sie Jazzmusiker geworden sind, auch miteinander musizieren und sich auf der Bühne blind verstehen. Sie sind aber auch sehr gegensätzlich. Rolf Kühn, der Ältere, ist ein eher ausgeruhter Typ. Ging früh in die USA, musste dort mal Billie Holiday nachts aus der Wohnung klingeln, weil er den Hausschlüssel verloren hatte. Er musste sich in New York durchsetzen, der Stadt mit den vielen Talenten, lernte den Jazz kennen als Kampf, gewann Raum, wurde berühmt. Stand aber nicht immer auf der Bühne, ließ auch mal die Klarinette links liegen, komponierte für Film und Theater, unterrichtete, ging irgendwann nach Westberlin. Musikalisch ist er eher ein Minimalist.

Der Film zeigt ihn in einer Szene, in der er einem Orchestermusiker das Improvisieren erklärt: auf die musikalische Essenz kommen, weglassen, reduzieren auf den Kern. "Noch einmal mit weniger Noten", lautet eine Anweisung.

Joachim Kühn ist dagegen ein barocker Typ, wirkt in sich viel gegensätzlicher. Auf dem Klavier arbeitet er manchmal wie ein Berserker, und Sekunden später zeigt er sich als zarter Poet. Mit Drogen hat er experimentiert, einen Ausflug in die Rockmusik hat er gewagt und ist dann reumütig zum Jazz zurückgekehrt. Er ist ganz der Gegenwart zugekehrt, bezeichnet sich selbst als asozial, weil er nur noch macht, was ihm Spaß macht: Musik. Er lebt auf Ibiza und sagt, für "Katzen, Köter, Kinder, Kirche" habe er keine Zeit. Er merkt aber auch deutlich, dass das Musikerleben Mühe macht, das Touren werde allmählich für ihn hart.

Es wäre kein Film von Stephan Lamby, wenn nicht auch Politik und Zeitgeschichte hineinspielten. Die Biografien der Brüder Kühn spiegeln deutsche Zeitgeschichte. Aufgewachsen in Leipzig, erlebte Rolf Kühn, wie seine Mutter als Jüdin ausgegrenzt wurde. Einige Verwandte kamen in Auschwitz um; er kümmerte sich darum, dass vor dem ehemaligen Wohnhaus Stolpersteine eingesetzt wurden. Der Mauerbau trennte auch die beiden Brüder. Joachim Kühn wurde ein Enfant terrible im Jazz in der DDR, so bekannt und gefragt, dass er auch in den Westen geschickt wurde, um die DDR zu repräsentieren - und türmte.

In einer Szene sieht man, wie die beiden Brüder die Stasi-Akte studieren, die Stephan Lamby ihnen organisiert hat. Sie lachen viel über die musikalischen Einschätzungen der IMs. Rolf Kühn lebt seit langem in Westberlin, Joachim Kühn lebt auf Ibiza, wo er sich von nichts und niemandem stören und dreinreden lassen will. Musikalisch versucht er immer wieder etwas Neues, wovon 2014 auch die Dokumentaristen Christoph Hübner und Gabriele Voss in "Transmitting" erzählten.

Eine Schlüsselfrage für Filme über Musiker ist der Umgang mit der Musik. Nicht selten kommt es vor, dass die Musik hinter den Bildern zurücktreten muss. Stephan Lamby schafft es, der Musik der Brüder genügend Raum zu geben - obwohl es beim Zuschauen dann doch wieder nicht genügend Raum ist. Der Autor unterlegt den Gesprächen eine Art instrumentale Leitmotivik, in den Szenen mit Joachim Kühn erklingt das Klavier, bei Rolf Kühn ist es die Klarinette.

Vor allem aber schafft es Lamby, Musik als Kommunikation zu zeigen. Es sind die schönsten Momente dieses Films, den Musikern nicht nur zuhören, sondern auch zusehen zu können: die Blickkontakte, das lächelnde Zuhören, wenn der andere seine Solopassage hat, sparsame Bewegungen der Verständigung, eine Neugier, am Ende Lachen. In der schönsten Szene des Films sieht man die beiden Brüder gemeinsam musizieren, nur die beiden. Der eine spielt eine musikalische Phrase an, der andere greift sie auf. Der Klarinettist horcht in die Töne hinein, die er da eben aus seinem Instrument hervorgeholt hat, und der Pianist folgt dieser kontemplativen Haltung, bevor er gleich wieder über seine Tasten herfällt. Ein Seh- und Hörvergnügen.

In diesem Jahr wird Rolf Kühn 90 Jahre alt, auch dies war ein Anlass für den Film. Aufhören wollen beide nicht. Wenn man aufhöre, sagt Joachim, warte man nur noch auf den Tod: "Warten tu ich nicht gerne, schon gar nicht auf den Tod. Also lebe ich in der Zwischenzeit weiter." Rolf Kühn wird vom Filmemacher gefragt, ob er an den Tod denke, und antwortet schnell und entschieden: "Nein. Gott sei Dank nicht. Das belastet mich nicht. Ich denke nicht im Geringsten daran."

Das sieht man auch in der Szene, in der die Brüder miteinander auf der Bühne stehen, zwei sehr unterschiedliche Menschen, zwei exzellente Musiker und pure Kunst. Er sei viel freier als früher, sagt Rolf Kühn, "vielleicht sogar ganz frei". Und Joachim Kühn nimmt sich die Freiheit, nur noch zu tun, was ihm Spaß macht. Musik eben.

Aus epd medien 38/19 vom 20. September 2019

Fritz Wolf