Moralischer Anspruch

VOR-SICHT: „Und ihr schaut zu“, Fernsehfilm, Regie: Michaela Kezele, Buch: Dominique Lorenz, Kamera: Felix von Muralt, Produktion: Hager Moss Film (ARD/SWR, 9.11.22, 20.15-21.45 Uhr)

epd Es ist kompliziert. Im Kleinkindalter war das Verhältnis von Mia (Katharina Stark) und ihrer alleinerziehenden Mutter Jenni (Anja Schneider) wunderbar. Das Kind juchzte auf der Schaukel, die Mutter schubste es an, ein einziges Glück, eingefangen in zartleuchtenden, sommerlichen Filmszenen (Kamera: Felix von Muralt). Dann kamen die Auseinandersetzungen, der Freiheitsdrang der Tochter, das Nicht-Loslassen-Können und die Ängste der Mutter, die hart und verschlossen geworden war in ihrer Arbeit als Bäckerin und finanziell kaum über die Runden kam.

Jakob (Aurel Manthei), der Vater, zahlte keinen Unterhalt, Jenni nährte eine verborgene Wut. Seit Mia in Ulm studiert, ist es besser mit Mutter und Kind. Stolz, Besorgnis, Empty-Nest-Einsamkeit und die Aussicht auf eine sorglosere Zukunft mischen sich bei Jenni, als sie ihre Tochter nach dem Wochenende zum Bus bringt, man sieht all das und mehr in ihrer lebhaften Mimik. Die Zukunft beginnt jetzt. Und ist in einem Augenblick vorbei, als ein Autofahrer mit Herzinfarkt und Fuß auf dem Gas Mia in Ulm auf dem Fußgängerweg erfasst. Die junge Frau stirbt an der Unfallstelle. Jenni sucht Schuldige für ihre Trauer und findet sie.

Der Fernsehfilm „Und ihr schaut zu“ ist gewissermaßen das fiktionale Paradestück der diesjährigen ARD-Themenwoche „WIR gesucht!“. Und schon die ersten Filmminuten machen eine Grundproblematik des Drehbuchs deutlich. Manchmal ist es hilfreich, wenn nicht nur eine Geschichte erzählt wird, gerade wenn es um einen sogenannten Themenfilm geht. Das Leben kennt nicht nur Ursache und Wirkung, Motive des Handelns sind für gewöhnlich gemischt. Nicht immer aber geht diese Rechnung auf. Manchmal führt sie auch zu ungeplanten Verbindungen, die Autoren und Inszenierung auch in „Und ihr schaut zu“ bemerkt haben müssen, da plötzlich Erklärblöcke wie Fremdkörper in den Erzählfluss des Films eingefügt werden, um die Kurve zurück zum eigentlichen Thema zu kriegen.

„Und ihr schaut zu“ handelt von einem komplizierten Familiengefüge, in dem sich Unausgesprochenes und Unaufgearbeitetes im Groll der Mutter vereinen. Der Film handelt von einem tragischen Verkehrsunfall mit Folgen. Und von der - strafbewehrten - Behinderung von Rettungskräften durch einen durchgeknallten Managernarzissten, in diesem Fall Sven Giebert (Dominik Weber), und seine schwangere Frau Mara (Christiane Bärwald). Und er handelt von den beiden strohdummen Influencerinnen Beryl (Souhaila Amade) und Annika (Farina Flebbe), die hauptberuflich einen Beautysalon leiten und mit ihren Followern jetzt auch mal ernsten „Content“ teilen wollen, indem sie eine junge Sterbende filmen und dazu ihre eigenen „krassen“ Gefühle mit der Welt teilen. Sie verbreiten das Video der sterbenden Mia im Internet.

Erschwerend kommt auch noch die äußerst unsympathische und aggressive Anwältin Katharina Nolte (Bärbel Schwarz) hinzu, die ihre zögernde Mandantin Jenni später im Film für zu weich hält. Sie betet den Zuschauern Paragrafen und Tatbestände vor, als säßen sie im Repetitorium zum zivilgesellschaftlichen Staatsexamen.

Die Anwältin stößt bei Jenni auf Widerstände. Der Mutter reicht es eigentlich zu reden, sie will nicht anklagen. Zwar findet sie mit Hilfe von Mias WG-Mitbewohnerin, einer Computerspezialistin, heraus, wer ihrer Tochter beim Sterben die Würde gestohlen hat, aber eigentlich misstraut sie dem Prozess und dem Gericht. Sie will kein Recht im Namen des Volkes, sie will persönliche Genugtuung. Entschuldigung und Einsicht. Dieser Scheingegensatz ist gut gemeint, die filmische Umsetzung jedoch, die die Nebenfiguren zu Eigenschaftenträgern macht, ist dem moralischen Anspruch nicht gewachsen. Filme über Respekt und gutes Miteinander sind wichtig, doch sollten sie sich mit vorschnellen Zuweisungen und besonders der Geringschätzung des Rechtsstaats zurückhalten.

Am Ende sehen alle alles ein. Die beiden Influencerinnen weinen vor Gericht vor Mitleid mit Jenni, die in diesen Szenen etwas entschieden Pietàhaftes hat. Der Manager Giebert, der, wie sich im Verlauf des Films herausstellt, nicht von Natur aus rücksichtslos ist, sondern, als er den Sanitäter angriff, unter psychiatrisch gesichertem akuten Burn-out mit krankhafter Empathielosigkeit litt, ist die Zerknirschung in Person. Die Richterin ermahnt und verhängt einige Tagessätze, während für Jenni der Ausgang des Prozesses jede Bedeutung verloren zu haben scheint und die Sonne ihre Lichtstrahlen in den Saal schickt.

Das Thema der ARD-Themenwoche, „WIR gesucht!“, ist gut und wichtig. Sieht man davon ab, dass die Dialoge in „Und ihr schaut zu“ teilweise wie von der Kanzel gesprochen wirken und dass der gesamte Duktus etwas Predigthaftes hat, hat dieser Film durchaus seine Berechtigung. Für das, was er bezweckt, kann man ihn sogar gelungen nennen. Es wäre allerdings übertrieben, von einem guten Film zu sprechen.

Aus epd medien 44/22 vom 4. November 2022

Heike Hupertz