Möglichkeiten der Liebe

VOR-SICHT: "Ich brauche euch", Fernsehfilm, Regie: Max Färberböck, Buch: Max Färberböck, Catharina Schuchmann, Kamera: Daniela Knapp, Katja Rivas Pinzon, Produktion: Bavaria Fiction (ZDF, 11.5.20, 20.15-21.45 Uhr)

Größer könnte der Kontrast der Lebensentwürfe auf den ersten Blick nicht sein. Silvi (Mavie Hörbiger) führt ein erfolgreiches Modelabel mit kollegialem Gruppen-Spirit, hat eine durchgestylte Wohnung, in der jeder Gegenstand am Platz steht, verteidigt lässig ihre Unabhängigkeit gegen die Liebeszumutungen von Alex (Fabian Hinrichs), den sie auf sorgsam bemessenen Gefühlsabstand hält und knipst ihren Charme an wie ein warmes Licht, wenn die Kunden aus Korea oder London vor ihr stehen.

Ihre Schwester Sabine (Judith Engel) besitzt mit Markus (Fritz Karl) den perfekten Mann, zwei wunderbare Kinder, Jani (Elias Eisold) und die jüngere Alex (Geraldine Schlette), ein großes Haus mit Pool und einen riesigen Kreis kultivierter Freunde. Am 23. Hochzeitstag hält sie die Ansprache beim Gartenfest und dankt Markus für "das Paradies", ihr geschenktes Glück. Abends, nachdem die Gäste gegangen sind, tauschen die Eheleute noch liebevolle Worte aus. Dann schüttelt Markus seine Frau so lange, bis sie tot ist.

In Max Färberböcks und Catharina Schuchmanns Film "Ich brauche euch" sieht man diese Tat nicht. Man sieht nicht die tote Mutter Sabine, man sieht keine Kampfspuren, keinen dramatisch aufgelösten Täter und zunächst wenig äußerliche Emotionen bei den Kindern, die von jetzt auf gleich in das Leben ihrer Tante kommen, die sie kaum kennt und in das sie nicht passen.

Jahrelang hatten die Schwestern keinen Kontakt, heißt es. Die Kamera (Daniela Knapp und Katja Rivas Pinzon) zeigt die Gesichter, aufgeräumte Zimmer, das aufgeräumte Haus, die fremden Menschen und ihre unmittelbaren Reaktionen auf den Trauerfall. Psychologisieren ist Sache des Films nicht, das Szenenbild (re-)konstruiert das Kontrollierte, Gefasste der beiden Schwestern, den Selbstausdruck beider Figuren in ihren Besitztümern, mit denen sie ihre privaten Zimmer und öffentlichen Räume gestaltet haben (Ausstattung Oliver Hoese).

So sorgsam verteilt die Alltagsgegenstände, alle aus dem Bereich demonstrative Kultiviertheit, einmal lässiger, einmal teurer, so punktgenau und sparsam begleitet die Musik von Martin Grube die zeitliche Entfaltung der Folgen des urplötzlichen Überwältigungsgeschehens. Färberböck und seine Ko-Autorin setzen dabei zunächst auf die Veranschaulichung der Distanz zwischen ihren Personen. Schon die Figur des Notfallsanitäters, eigentlich eine "überflüssige" Rolle, weist den Weg. Er ermutigt die Kinder, lobt ihre Kraft und gibt ihnen Zuversicht auf den Weg, nachdem Markus mit Handschellen abgeführt wurde und die fremdelnden Kinder bei Silvi unterkommen sollen.

Sie will nicht, lässt sie warten, bringt sie nach wenigen Tagen ins Kinderheim, weil sie ihre Grenzen erreicht fühlt, während ihr Freund Alex sofort einen Draht zu den Kindern hat. Das Mädchen Alex findet Unterstützung bei Silvis Mitarbeiterin Stella (Mei Li), aber Jani macht sich selbstständig, verschwindet, organisiert eine teure Beerdigung, taucht in der Pathologie auf, schreibt der toten Mutter einen langen Brief. Und trauert, sucht Antworten und Anker.

Wenige der Schauplätze von Janis Alleingängen sieht man, es gibt auch keine signifikanten Rückblenden, der Film bleibt bei wenigen Schauplätzen und vielen Gesprächen, zieht an entscheidenden Stellen den emotionalen, verbal kompetenten Monolog der Kamerabebilderung von Entwicklungen vor. Tatsächlich gelingt ihm dabei, etwas zu zeigen, was in den üblichen Triefproduktionen zum Thema "Karrierefrau nimmt Waisenkinder auf und findet ihre mütterlichen Gefühle" nie gelingt und auch nicht wichtig erscheint, weil es kaum Handlungsfortschritte und Lösungen liefert. "Ich brauche euch" zeigt die Komplexität der Liebesbeziehungen und familiären Bindungen, den Schmerz über verpasstes und falsches Leben, erzählt von Erwartungen und Zuweisungen gegen- und miteinander, die allzu oft Paarbeziehungen und Elternschaft bestimmen.

Es gibt nur weniges an Erklärung: Sabine mag eine Art Doppelleben geführt haben. Der Film erkundet einige Hinweise, schafft aber fast so etwas wie einen "schuldfreien Raum", wie sich das in der psychiatrischen Familientherapie nennt. Sein Besonderes: Er zieht die Trauer groß, aber nur als Gegenteil des menschlichen Kontrollbedürfnisses. Hier, und nicht im bildlichen "Erarbeiten" der Vorgeschichte, schließt sich am Ende des Films ein Kreis der dargestellten Emotionen mit einer großen Umarmung. Auf den ersten Blick so verschieden, haben doch beide Schwestern ein ähnliches Leben geführt, in dem es vor allem um Selbstbeherrschung ging.

Hochemotional, aber weder kitschig noch schwülstig, entfaltet der Film als Binnenunterströmung der dargestellten Annäherungen von Tante, Neffe, Nichte, Freund und auch Täter die Bedingungen der Möglichkeit von Liebe - als Wagnis des Kontrollverlusts. "Ich brauche euch" bewahrt dabei einen Fokus der teilnehmenden Diskretion, als wolle der Film seinen Figuren nicht zu nahe treten in ihrer Veränderung. Insbesondere Hörbiger und Eisold, aber auch Hinrichs und nicht zuletzt Karl spielen glänzend differenziert.

Aus epd medien 19/20 vom 8. Mai 2020

Heike Hupertz