Moderne Heldin

VOR-SICHT: "Schneewittchen und der Zauber der Zwerge", Märchenfilm, Regie und Kamera: Ngo The Chau, Buch: Max Honert, Produktion: Provobis (ZDF, 24.12.19, 15.05-16.35 Uhr)

"Schneewittchen", "Dornröschen", "Rotkäppchen": Fast jedes Kind kennt die berühmten Märchen der Gebrüder Grimm. Die Geschichte von "Schneewittchen", dessen Schönheit den Neid der bösen Stiefmutter weckt, ist dutzendfach verfilmt worden. Der Reiz einer neuen Adaption muss darin bestehen, der bekannten Handlung neue Seiten abzugewinnen. Ein Fantasy-Spektakel im Stil jüngerer Hollywoodproduktionen wie "Snow White and the Huntsman" kam für das ZDF nicht nur aus Kostengründen nicht infrage: Der Sendeplatz am Nachmittag des Heiligen Abends

im "Zweiten" ist eher konservativ ausgerichtet. Den Filmen tut das nicht immer gut: Es gab herausragende preisgekrönte Produktionen wie "Die Schöne und das Biest" oder "Die weiße Schlange", gut gespielt und erlesen fotografiert, aber auch eher gediegen inszenierte Märchenfilme wie im letzten Jahr "Der süße Brei".

Der flotte Auftakt von "Schneewittchen und der Zauber der Zwerge" wirkt, als hätten Max Honert, der auch "Die weiße Schlange" geschrieben hat, und Regisseur Ngo The Chau gleich zu Beginn sämtliche Bedenken erledigen wollen: Die Heldin wird eingeführt wie ein Supergirl, das mit einem furiosen Stunt der Enge seines Zimmers durchs Fenster entkommt. Eigentlich schade, dass Schneewittchen einen derartigen Auftritt erst wieder zum Finale hinlegt.

Honert hält sich bis hin zum vergifteten Apfel an den Handlungskern der Vorlage, aber die moderne Anmutung der ersten Szenen wirkt nach. Der renommierte Kameramann Ngo The Chau hat hier seinen ersten eigenen Film inszeniert: mit vielen Anleihen beim Fantasy-Genre, mit überzeugenden Spezialeffekten und mit Figuren, die gegen den klassischen Märchenstrich gebürstet sind.

Dass Schneewittchen (Tijan Marei) schön, stark und mutig ist, versteht sich beinahe von selbst. Die Zeiten, in denen die Heldinnen solcher Geschichte attraktiv, aber nicht mehr zu sein hatten, sind zum Glück vorbei. Ein Knüller sind die Zwerge, eine Ansammlung verwegener Burschen, die zu einer gewissen Streitlust neigen, aber ein verschworener Haufen sind. Auch der Prinz (Ludwig Simon) wirkt eher wie ein Abenteurer als wie ein junger Mann aus gutem Hause. Einzig die böse Stiefmutter entspricht dem Grimm'schen Entwurf, und Nadeshda Brennicke verkörpert die Frau exakt so, wie sie zu sein hat: eitel, machtgierig und entsprechend skrupellos, als sie ihre Macht in Gefahr sieht.

Noch böser ist der Bruder der Königin: Victor Schefé lässt vom ersten Moment an keine Zweifel daran, dass er den Schurken der Geschichte verkörpert. Der Mann hat einst den König ermordet und soll nun auch dem Leben von Schneewittchen ein Ende setzen, als der Zauberspiegel verkündet, die Stieftochter werde dereinst die Schönheit der Königin überstrahlen.

Zum Glück gelingt dem Mädchen die Flucht und es wird von den Zwergen gerettet. Danach will die Truppe zwar nichts mehr mit Schneewittchen zu tun haben, aber sie findet die Höhle der Sieben und kommt ihrem Geheimnis auf die Spur: Die Zwerge versehen ihre Arbeiten mit einem Zauber, den sie Odem nennen. Es handelt sich um die Magie des Lebens, jener Energie also, die in allem wohnt. Anführer Bömbur (Peter Brownbill) fängt sie in der Natur ein. Weil er einst der Schönheit der Königin verfallen ist, kennt auch sie das Geheimnis und beauftragt ihn, ihr zu ewiger Jugend zu verhelfen. Also stellt Bömbur eine entsprechende Perücke her. Als die Königin sie aufsetzt, wird deutlich, welche Macht ihr nun gegeben ist, die entsprechende Bildbearbeitung sorgt für einen echten Gänsehauteffekt.

Ngo The Chaus Regiedebüt ist nicht allein wegen seiner exzellenten Bildgestaltung von bemerkenswerter Qualität. Die Lichtsetzung lässt die Königin gern in güldenem Glanz erstrahlen, für Schauwerte sorgen auch die liebevolle Ausstattung von Colin Taplin und interessante Bildmotive. Dass der Kameramann viel vom Film versteht, zeigen die flott geschnittenen Actionszenen, der Einsatz von Zeitlupe im richtigen Moment sowie die Arbeit des Sounddesigns, das im nächtlichen Wald für Gruseln sorgt. Ausgezeichnet ist auch die gern mal rockige Musik von Michael Beckmann und Tom Stöwer.

"Schneewittchen und der Zauber der Zwerge" imponiert aber vor allem durch die Arbeit mit den Darstellern. Tijan Marei überzeugt sowohl als jugendlicher Wildfang als auch als attraktive junge Frau, der Prinz Kilian umgehend verfällt. Die junge Schauspielerin war zuletzt als Filmtochter von Maria Furtwängler in "Nachts baden" zu sehen und hat vorher unter anderem als Titeldarstellerin der witzigen Tragikomödie "Ellas Baby" (beide ARD) auf sich aufmerksam gemacht. Ludwig Simon, Sohn von Maria Simon und Devid Striesow, bleibt als schmucker Held ebenfalls in Erinnerung. Mit seinem opulenten Erscheinungsbild würde sich dieser Film auch im Kino gut machen.

Aus epd medien 51/52 vom 20. Dezember 2019

Tilmann Gangloff