Modern Times

„Nestwochen“, Komödie, Regie: Tobi Baumann, Buch: Stefan Betz, Kamera: Brandan Uffelmann, Produktion: Bavaria Fiction/Conradfilm (ZDF, 19.8.21, 20.15-21.45 Uhr)

epd Kommt einem dieses Setting nicht allzu bekannt vor, um nicht zu sagen: mächtig abgedroschen, bekannt aus vielen, zu vielen ARD/ZDF/Sat.1-Familienkomödien? Wir sehen die klassische Kleinfamilie: Mama, Papa, frühpubertierende Tochter (12) und kleiner Sohn (7). Den Eltern ist zwar nicht die Beziehung, wohl aber die Liebe abhanden gekommen, auf der Strecke geblieben in 16 Ehejahren. Resultat: Eltern trennen sich, streiten, es gibt Missverständnisse, Eifersüchteleien, kindisches Benehmen. Bis die Kinder einschreiten und erzieherische Maßnahmen ergreifen, bis die Eltern einlenken. Am Ende gibt es fast immer eine wieder glückliche Kleinfamilie.

Immerhin: Hier lässt sich das etwas moderner, etwas realitätsnäher an. Da hätten wir zum einen den beruflichen Geschlechter-Gap: Mutter Julia (Bettina Lamprecht) ist Ärztin, hat eben mit 40 dazu noch ein Fernstudium der Psychologie begonnen. Robert (Matthias Koeberlin) ist Schreiner, hat nie studiert, dafür das gemeinsame Häuschen eigenhändig und mit viel Herzblut saniert und ausgebaut. Julia ist es, die beim rituellen gemeinsamen Restaurantbesuch wehmütig andere flirtende Paare beobachtet und dann ihrem Gatten plötzlich mitteilt, dass sie sich von ihm trennt. Der, völlig überrumpelt, flieht erst mal aus dem Lokal und dem Gespräch.

Das Problem löst sich aber durch Annahmeverweigerung nicht in Luft auf: Julia meint es ernst. Also Trennung. Nur wie? Schließlich sind da ja auch die Kinder. Roberts Kumpel Enzo (Denis Moschitto) hat da mal was gehört, von Bekannten von Bekannten: Nesting. Die Kinder bleiben in ihrem vertrauten Zuhause, die Eltern wechseln sich wochenweise ab: Mal wohnt Papa mit den Kindern, mal Mama. Nach anfänglichem Zögern einigen sich beide auf das Modell: Denn „es geht ja um die Kinder“. Das ist natürlich, wie fast immer in solchen Fällen, eine glatte Lüge, denn vor allem geht’s ja darum, dass die Eltern noch längst nicht fertig mit ihrer Beziehung sind und sehr mit ihrem eigenen Gefühlshaushalt beschäftigt. Julia aber will mehr vom Leben, Robert will die Familie und das geliebte Häuschen behalten.

Modern Times: Während es noch bei der Urgroßeltern-Generation üblich war, dass man die Abnutzung der Liebe eben hinnahm und „wegen der Kinder“ zusammenblieb (was für die Kinder auch nicht unbedingt das Beste sein musste), werden heute die unterschiedlichsten Modelle erprobt, eines davon eben „Nesting“. Und so sieht man hier, sehr hübsch im Zeitraffer inszeniert, wie sich Julia und Robert über die (Nest-)Wochen die Klinke in die Hand geben, einer geht, einer kommt, eher wortlos schiebt man sich aneinander vorbei, doch beider Mienenspiel spricht Bände.

Die Kinder wechseln zwar nicht das Nest, wohl aber wöchentlich die Erziehungsstile der Eltern: Mama lässt auch mal fünf gerade sein, Papa achtet sehr auf Regeln, Pflichten und gesundes Essen. Marie und Max tragen das emotionale Altlasten-Chaos der Eltern mit Fassung (und durchschauen die „Es geht um die Kinder“-Lüge längst, schweigen aber taktvoll). Die eher klischeelastigen Oma-Opa-Figuren - hier das standesbewusste Arzt-Elternpaar von Julia, dort Roberts feministische Althippiemutter mit peinlichen Slogans - sind da eher überflüssiges Drumrum.

Ist Julia gerade dran mit Nesthüten, haust Robert im Wohnmobil. Ist Papa im Nest, wohnt Mama bei ihrer Freundin Flo (Jasmin Schwiers), die Julia außerdem gern neu verkuppeln will, nämlich mit dem attraktiven Arztkollegen Sascha (Tom Beck) - erfolgreich. Auf peinlich-durchsichtige Weise versucht Robert nun mit der Polizistin Nina (Karen Dahmen) eine Retourkutsche, und auf der Schulaufführung der Kinder kulminiert das Ganze in einer veritablen Eskalation der involvierten Erwachsenen. Max und Marie, die sich völlig zu Recht für ihre Erziehungsberechtigten fremdschämen, verlassen die ruinierte Aufführung und verbarrikadieren sich zu Hause. Womit die Eltern gezwungen sind, die unausweichliche Aussprache miteinander im Wohnmobil zu führen.

Statt Dialogsätzen gibt’s (übrigens ganz gelungene) Musik. Und dank des Buches von Stefan Betz, immerhin Autor von vier amüsanten Eberhofer-Krimis, bleibt einem auch ein verlogenes Happy End erspart.

Dank der überzeugenden Hauptdarsteller, einem durchaus zeitgemäßen Buch mit kurzweiligen Dialogen (wenn sie auch nicht die herrlich trockene Brillanz der Eberhofer-Filme erreichen), flottem Schnitt und ein paar hübschen Regieeinfällen ist der Film tatsächlich unterhaltsam. Ein kleiner Lichtblick inmitten der altbackenen Herzkino-Kost, die das ZDF ja allzu reichlich im Angebot hat. „Nestwochen“ muss man sicher nicht unbedingt gesehen haben. Aber weh tut es auch nicht.

Aus epd medien 32/21 vom 13.August 2021

Ulrike Steglich