Mit Selbstironie

VOR-SICHT: "Nicht tot zu kriegen", Fernsehfilm, Regie und Buch: Nina Grosse nach dem Roman "Ein Schlag ins Gesicht" von Franz Dobler, Kamera: Alexander Fischerkoesen, Produktion: Moovie GmbH (ZDF, 10.8.20, 20.15-21.50 Uhr)

Der Lack ist ab. Nicht nur von dieser Diva, die sich gerade in der Edelboutique in ein extravagantes Teil zwängt, sondern auch vom swingenden München der 60er und 70er Jahre, in denen Läden wie der vom Rudolf Moshammer zu Lieblingen der Schickeria avancierten und der Boulevard zwar schimmerlos war, die Klatschpresse aber zuverlässig mit Skandalen versorgte.

Jetzt steuert Simone Mankus, Ex-Filmstar, Ex-Angebetete, Ex-Heißester-Feger der Stadt, erst einmal auf den Schampus zu und kippt ihn ex, bevor sie den Glitzerfummel anprobiert. Boutiquenchef Papi (Robert Joseph Bartl) zeigt sich begeistert: "Ziagst a Miederhöschen an, dann passt des scho." Mankus, obwohl gewohnheitsmäßig angetrunken, schlussfolgert blitzschnell: Zu alt für die Klamotte, heißt das. Jetzt reicht es. Nervenzusammenbruch in der Garderobe.

Erst wird sie zu Tode geängstigt von einem Stalker, dann von der Bettkante geschubst von ihrem attraktiven Personenschützer, sowieso hin und her gerissen bei der Entscheidung, zum Comeback in die "Promihütte" zu ziehen ("Dschungelcamp" in den Alpen), und jetzt der absolute Gipfel: das Ansinnen, Formwäsche zu tragen! Gibt es eine größere Demütigung für die Frau, der früher ganz München zu Füßen lag und spekulierte, wer der Vater ihres Sohnes Jonas (Barnaby Metschurat) ist? Ein paar Tage Capri würden ihr guttun, meint Papi. Capri? Ist sie die Callas? Die im Übrigen lange tot ist? Wer fährt noch nach Capri? Vielleicht Heidi Klum.

Kleidung ist das Haus des Seins: Simone Mankus scheint mit ihrem bodenlangen Nerz so verwachsen, als wäre der Mantel ihr Schutzraum vor allem Ungemach. Ihre Villa ist so seltsam ausgestattet, wie man sich das frei zusammengewürfelte Innenleben des Stars vorstellen kann. 60er-Jahre-Plastikrelikte in organischen Formen (einst der letzte Schrei), eine dysfunktionale Küche, über die die Zeit hinweggegangen ist, die sie aber eh nur braucht, um Whiskyflaschen zu öffnen, und ein riesengroßes Bett. Für Gästezimmer hatte ihr Herrenbesuch nie Bedarf. Nicht zu vergessen die Fernsehausstattung, die natürlich auf dem neuesten Stand ist. Denn München leuchtet noch - im Video. In ihren eigenen Filmen von früher.

Iris Berben wird 70 - und das ZDF schenkt ihr einen Film zum Geburtstag. Einen Film, in dem Nina Grosse Motive und Filme aus Berbens Lebens nicht bloß verwursten darf, sondern auch einiges Anrührendes zu zeigen weiß aus dem Leben einer weiblichen "Rampensau". Auf der Grundlage eines Romans von Franz Dobler nimmt "Nicht tot zu kriegen" das auch aus dem Film "Bodyguard" bestens bekannte Motiv "Diva in Gefahr verliebt sich in ihren starken Beschützer", verwendet Ausschnitte aus älteren Berben-Werken wie gleich zu Beginn Rudolf Thomes "Supergirl - Das Mädchen von den Sternen", in dem sie als schöner Alien auftritt, und entwirft en passant das nostalgische Panorama eines intensiv gelebten Frauenlebens mit zahlreichen Liebhabern und starken Frauenvorbildern.

Wer ist Joni Mitchell, wer bloß Debbie Harry? Blondie? Nie gehört! Mankus' schweigsamer Bodyguard Robert Fallner (Murathan Muslu), der gerade erst in der Security-Firma seines Bruders angeheuert hat, stammt definitiv aus einer anderen Generation. Und er hat ein Problem, das ihm immer wieder begegnet, mit am Tisch sitzt, sich nicht wegdrängen lässt. Der angebetete Star und der attraktive Schweigsame, ein Musicalstoff.

Regisseurin und Autorin Grosse bespielt aber zunächst das Thrillergenre. Nachts baumelt eine Simone-Mankus-Barbie mit abgeschnittenen Haaren und grotesk verschmiertem Lippenstift am Gartenbaum. Am Telefon keucht der Stalker und wirft ihr vor, dass sie alt geworden ist. Eigentlich hat er etwas gegen die Vergänglichkeit. Wenig später wird die Fensterfront ihres Wohnzimmers eingeworfen. Logisch: Nun muss der Personenschützer Präsenz im Schlafzimmer zeigen - jedenfalls, wenn es nach der Diva geht. Fallner aber bleibt zurückhaltend - der perfekte "verwundete Wolf", der auf manche Frauen anziehend wirkt - und beharrt auf Abstand.

Im Lauf des Films schiebt sich das auch mit einigen ernsten Zwischentönen gespielte Alters- und Aufmerksamkeitsmotiv mehr und mehr in den Vordergrund. Dramatische Fallhöhen und Spannungsbögen werden zwar weiter erklommen und gedehnt - soll Mankus ein Live-Gesangscomeback in einem Club wagen, in dem man auf Tuchfühlung mit den Besuchern kommt? -, aber es geht vor allem um das Öffentliche und das Private, Selbst- und Fremdbild, um Einsamkeit, Verletzlichkeit und Lebendigkeit zwischen ungleichen Partnern.

Für Klatschinteressierte wird "Bunte"-Allgemeingut aus Berbens Leben augenzwinkernd fiktionalisiert: Mankus' Sohn hat eine Firma wie Berbens tatsächlicher Sohn, der auch "Nicht tot zu kriegen" produziert hat, ist aber ein selten unfähiger Geschäftsmann, furchtbar genervt und dauernd pleite. Mutter und Sohn streiten wie die Kesselflicker. Seine Influencer-Freundin gibt Mankus absurde Nachhilfe in gestellter Natürlichkeit. Das Geheimnis um den Vater wird gelüftet. In der Münchner Kneipenszene wissen Wirte (etwa Jacques Breuer) immer wieder gern Ehrenrühriges zu berichten. Einer der Ex-Liebhaber von Mankus ist eine zwar schlagkräftige, aber weinerliche Wurst.

Bisweilen denkt man bei dieser Figurenparade an Helmut Dietls sardonischen Witz. Zum Foto eines ehemaligen Liebhabers erläutert Berben lakonisch: "Ein Engländer, der mal in München war." Abgebildet ist Keith Richards. Das spricht für sich, für den Film und für Berben.

Das Ende wirkt dagegen wenig spielerisch, eher wie eine nachgeschobene dokumentarische Korrektur. Beim Auftritt (Berben singt mit tiefer Chansonnière-Stimme selbst) wird der Stalker gestellt. Dann der Nachklapp: Simone Mankus sitzt mit einer Moderatorin im Studio und wird zu ihrem Comeback befragt. Erst habe sie die "Promihütte" gewonnen, dann kam ein neuer Film, ihre Memoiren - wie erkläre sie sich ihren phänomenalen Wiederaufstieg? "Ich bin seit 45 Jahren da. Bleiben können die wenigsten. Erfolg ist eine Währung." Sohn Jonas sei ihr "engster Freund" sie seien "unzertrennlich, ein Team". Und was sei da mit einem neuen Mann in ihrem Leben? Ein Stuntman oder Bodyguard, so munkele man? Simone Mankus lächelt und schweigt.

Als Hommage ist "Nicht tot zu kriegen" gelungen. Der Film begegnet seiner Hauptfigur noch in demütigenden Situationen mit großem Respekt. Die Selbstironie ist eine feine Neulackierungszutat. Noch schöner wäre allerdings gewesen, sie bis zum Abspann unterzumischen.

Aus epd medien 32/20 vom 7. August 2020

Heike Hupertz