Mit den Augen der Mutter

VOR-SICHT: "Weil du mir gehörst", Fernsehfilm, Regie: Alexander Dierbach, Buch: Katrin Bühlig, Kamera: Jan Blumers, Produktion: FFP New Media (ARD/SWR, 12.2.20, 20.15-21.45 Uhr)

Was ist ein PAS? Es bedeutet Parental Alienation Syndrome, also Eltern-Kind-Entfremdung und passiert alltäglich in zerfallenden Familien. Das Drama "Weil du mir gehörst" von Katrin Bühlig (Buch) und Alexander Dierbach (Regie) spielt in Karlsruhe unter netten Mittelschichtmenschen. Aber daran, dass man nicht erfährt, was die Eltern der kleinen Annie eigentlich sonst so machen, sieht man schon, dass es hier weniger um das Familienleben als um das PAS geht, also um das Kind und darum, was es erleiden muss, wenn ein Elternteil den anderen so raffiniert runtermacht, dass das Kind ihn sich aus dem Herzen reißen muss.

Ein schreckenerregendes Drama, dass vor allem deshalb überzeugt, weil es nur diesen Prozess des Entfremdung erzählt und nichts anderes. "Weil du mir gehörst" ist einer von den Filmen, die ein Thema auf alle Implikationen hin durchblättern, keine Ablenkung, keine Nebenhandlung zulassen und durch ihre bittere Konsequenz das Publikum mitnehmen und aufschrecken.

Der Hintergrund: Die Eltern Julia (Julia Koschitz) und Tom (Felix Klare) waren mit ihrer Tochter Annie (Lisa Marie Trense) glücklich, bis Tom mit einer anderen Frau noch glücklicher zu werden hoffte und sich von Julia trennte. Es kam zur Scheidung, die Eltern teilten sich das Sorgerecht. Die achtjährige Annie lebt bei der Mutter, Papa holt sie öfters ab, alle scheinen mit dem Arrangement klar zu kommen.

Dann aber zeigt sich: Es gelingt Julia nicht, die Trennung zu verarbeiten. Sie leidet, sie beneidet Tom um sein neues Glück, sie denkt daran, ihn zu bestrafen. Das Kind soll jetzt nur noch eine Mutter haben, und um das zu erreichen, muss sie noch einmal vor Gericht ziehen und das ungeteilte Sorgerecht für sich erkämpfen. Um den Sieg in diesem Kampf zu erringen, bleibt ihr nur übrig, den Pfad der Entfremdung zu beschreiten. In dieser Phase beginnt der Film.

Noch sieht alles ganz rosig aus. Aber die Zuschauerin spürt, dass etwas nicht stimmt. Tom soll Annie abholen. Er ruft Julia an und sagt, er komme ein bisschen später. Da rückt die Mutter mit der Kleinen zu den Großeltern aus, ein Überraschungsbesuch, und sie macht Annie glauben, der Papa habe sie vergessen. Der steht nun vor verschlossener Tür. So geht es ein paarmal. Julia geht sogar so weit, Annie ein neues Handy zu besorgen und ihr weiszumachen, der Papa habe eine neue Nummer. Die aber führt nur zu Mamas Zweithandy, und da nimmt niemand ab. Der Kontakt zwischen Vater und Tochter wird so nachhaltig eingeschränkt, ja, fast unmöglich gemacht.

Und das ganz Perfide: Julia spricht immer gut über Tom. Er sei nun mal sehr beschäftigt. "Du weißt doch, wie sehr Papi seine Arbeit liebt." Annie leidet. Sie vermisst Tom, sie begreift nicht, warum er nicht kommt, sie fühlt sich abgelehnt. Nach und nach lernt sie, ihren Vater mit den Augen der rachsüchtigen Mutter zu sehen. Aber auch Annie spürt, dass etwas nicht stimmt. Ihre Trauer schlägt um in Wut, in einen düsteren Affekt gegen sich selbst. Schließlich beginnt sie, sich zu ritzen.

Dann ist da noch das Personal, dass sich bei so einem Sorgerechtsstreit ansammelt: die Anwälte, die Berater, die Richter. Sie sind von Berufs wegen parteilich oder aber abhängig von parteilichen Gutachtern. Es sieht immer düsterer aus für den Papa und damit auch für Annie. Als Zwischenergebnis erreicht Julia, dass Toms Besuchsrecht für drei Monate ausgesetzt wird. Bis am Ende dann doch die Vernunft einen Lichtstrahl aussendet.

Es gelingt Regisseur Alexander Dierbach, das Buch von Katrin Bühlig so umzusetzen, dass die Zuschauerin, die anfangs mit dem hintergangenen Papa fühlt, sich mehr und mehr mit ihrer Empathiefähigkeit der kleinen Annie zuwendet. Damit hat der Film sein Ziel erreicht, diese schwächste und empfindsamste Person im Szenario Sorgerecht in den Mittelpunkt zu rücken. Jeder weiß heute, dass Eltern ihre Krisen und Kämpfe nicht auf dem Rücken ihrer Kinder austragen dürfen. Aber wer weiß schon, was, wenn es doch geschieht, in den Kindern vorgeht, was sie durchmachen. "Weil du mir gehörst" gibt davon einen klaren, schmerzhaften Eindruck.

Julia Koschitz spielt die verletzte Mutter, die ihr Kind nur für sich will und ihm damit ebenfalls wehtut, ausgezeichnet, mit souveräner Ruhe. Sie agiert immer so, als gäbe es keinen anderen Weg. Felix Klare ist als unglückseliger Vater seinerseits sehr überzeugend. Er versteht nicht, was da vor sich geht, und es bricht ihm das Herz. Eine Glanzleistung liefert Lisa Marie Trense als Annie ab. Sie sieht aus wie ein kleiner Engel und wandelt sich zu einem kleinen Teufel, wenn sie dem Richter verkündet: "Ich hasse ihn!" - den Papa.

Einzuwenden ist wenig, darunter dies: Toms zweite Frau bleibt - als Rolle - sehr blass, man hätte ihr ein wenig mehr Entfaltung gegönnt. Und dann wieder mal der Titel: Man weiß erst, wie er gemeint ist, nachdem man den Film gesehen hat. Aber wenn man ihn nicht kennt, führt einen dieser Titel auf eine ganz falsche Fährte. Man denkt unwillkürlich an ein leidenschaftliches Paar, an Ehebruch und Gattenmord. Also: Er passt überhaupt nicht. Das ist aber nicht egal. Ein Titel sollte eine Ahnung davon transportieren, was der Film vorbringt oder worum es ihm geht. Es gibt auch atmosphärische Titel, die nichts Bestimmtes aussagen, aber doch auf den Film einstimmen. Eine Assoziation in eine ganz andere Richtung aber ist keine Option.

Aus epd medien 6/20 vom 7. Februar 2020

Barbara Sichtermann