Millennials in der Krise

VOR-SICHT: „Damaged Goods“, achtteilige Comedyserie, Regie: Anna-Katharina Maier, Buch: Jonas Bock (Chefautor), Lene Pottgießer, Frederick Schofield, Claudia Seibl, Chris Hödl, Paul M. Feldmann, Isabella Oliveira Parise Kröger, Kamera: Nathalie Wiedemann, Produktion: Westside Filmproduktion (Amazon Prime Video, ab 11.7.22)

epd Als die Eltern der heutigen „Millennials“ einst in deren Alter waren, haben sie sich natürlich Gedanken über ihre berufliche Zukunft gemacht. Mindestens genauso wichtig war aber die Frage, ob man eine Familie gründen soll und wenn ja, mit wem. Davon hat 1995 die ZDF-Serie „Um die 30“ erzählt: Es ging um sechs Freundinnen und Freunde, die ihre Jugend hinter sich hatten (epd 34/21). „Damaged Goods“ ist „Um die 30“ für ihre Kinder. Die Hauptfiguren der achtteiligen Amazon-Serie sind Ende 20 und daher noch zu jung für eine Midlifekrise. Es handelt sich also eher um die Quarterlifekrise, und in der steckt vor allem Nola (Sophie Passmann).

Die angehende Psychologin steht vor den Scherben ihrer Karriereplanung: Ihre Masterarbeit ist aufgrund formaler Fehler abgelehnt und sie selbst umgehend exmatrikuliert worden. Weil sie keinen Plan B hat, arbeitet sie nun in einem Baumarkt. Freundin Tia (Zeynep Bozbay) hat sie auf eine Idee gebracht, wie sie ihre Erfahrungen aus dem Studium doch noch beruflich nutzen kann: Nun betreibt sie als „Küchenpsychologin“ einen Podcast, den sie „Damaged Goods“ (beschädigte Waren) nennt. Darin spricht sie über Freundschaft, Neid, Lügen, Abschiednehmen und all die anderen Themen, die ihre Clique umtreiben - allerdings ohne deren Wissen. Deshalb beginnt die erste Folge mit dem eingefrorenen Bild wütender Gesichter und Beschimpfungen: Offenbar haben die Freundinnen und Freunde herausgefunden, dass Nola die ganze Welt über ihre kleinen und großen Dramen informiert hat. Die Serie beschreibt, wie alles begann.

Die Podcast-Idee ist clever, weil Nola auf diese Weise offiziell als Erzählerin durch die Handlung führen kann. In vielen Filmen und Serien klingt der Offkommentar eher wie ein geschwätziges Hilfsmittel. Der Auftakt wirkt dennoch etwas ruckelig, der aufgekratzte Stil ist gewöhnungsbedürftig und die Figuren muten anfangs allzu klischeehaft an: Der attraktive Mads (Tim Oliver Schultz) lebt nach abgebrochenem Jurastudium von Gelegenheitsjobs und ist jeden Abend mit einer anderen Frau verabredet. Tia ist Künstlerin und unkonventionell. Ihr Atelier befindet sich in einem Gewächshaus, ihre Oma (Michaela May) ist Hippie. Nolas Mitbewohnerin Hennie (Leonie Brill) träumt von einem klassischen Spießerleben mit Familie und eigenem Häuschen. Fünfter im Bunde ist Hugo (Antonije Stankovic), ein schwuler Flugbegleiter, der sich ausgerechnet in seinen schlimmsten Feind aus Schulzeiten verliebt.

Das Quintett hat sich vor vielen Jahren bei einer Gruppentherapie kennengelernt und geht seither gemeinsam durch dick und dünn. Ihren Reiz bezieht die Serie daraus, dass die fünf Ex-Teenager jetzt in einem Alter sind, in dem man gemeinhin endgültig erwachsen wird. Und das macht ihnen ebenso Angst wie die Vorahnung, dass jede Clique ein Verfallsdatum hat.

„Damaged Goods“ hat viele Qualitäten: Das Ensemble ist mit seiner Mischung aus etablierten und noch zu entdeckenden Mitwirkenden ausgezeichnet zusammengestellt, die Dialoge sind temporeich und witzig, die Situationskomik ist oftmals verblüffend. Die Bildgestaltung von Nathalie Wiedemann sowie der Schnitt sorgen für weitere Dynamik, die Musik (David Reichelt) ist ebenfalls recht flott. Regie führte Anna-Katharina Maier, die für Amazon bereits „Der Beischläfer“ (2020) gedreht hat, eine witzige Serie voller liebevoll schräger Figuren.

Die größte Leistung aber ist die Emanzipation der Figuren von ihren Klischees. Einzig Hugo kommt nicht recht aus seiner Haut, aber die anderen dürfen gleich mehrere Metamorphosen durchmachen: Mads findet durch Zufall heraus, dass er Vater wird, die frisch von ihrem Freund verlassene Nola erlebt ein überraschendes „Awakening“ und verliebt sich in eine Psychotherapeutin.

Die im Writers' Room entstandenen Drehbücher (Chefautor: Jonas Bock) konfrontieren das Quintett immer wieder mit kurzweiligen Einfällen: Da drückt Tia Mads ein Säckchen Zement der Marke „Marisol“ in die Hand, damit er einen Tag lang die Vaterschaft üben kann, und dokumentiert das „Projekt“ mit dem Smartphone. Natürlich spielt auch Sex eine wichtige Rolle. Die Dialoge sind recht explizit, die Bilder dagegen jugendfrei. Mit Hilfe einer halben Pampelmuse veranschaulicht Mads Nola, wie sie ihre neue Freundin oral befriedigen soll.

Viele Gastrollen sind namhaft besetzt: Den Doktorvater spielt Christian Tramitz, die Analytikerin Jasmin Gerat, die Kindsmutter Klara Deutschmann. Helmfried von Lüttichau klärt als Arzt den von einem unangenehmen Ausschlag befallenen Mads darüber auf, dass Chlamydien die Ursache sind. Als der die Liebschaften der letzten sechs Monate über die Geschlechtskrankheit informiert, erfährt er von seiner Vaterschaft.

Allein die Entdeckung Sophie Passmanns als Schauspielerin ist jede Minute von „Damaged Goods“ wert. Die turbulente letzte Folge sorgt für den in der Auftaktfolge angedeuteten Knalleffekt, schafft aber auch die Basis für eine Fortsetzung, und das ist eine sehr gute Nachricht.

Aus epd medien 27/22 vom 8. Juli 2022

Tilmann Gangloff