Menschgewordener Klassiker

VOR-SICHT: "Brecht", Dokudrama in zwei Teilen, Regie und Buch: Heinrich Breloer, Kamera: Gernot Roll (ARTE/WDR/BR/SWR/NDR, 22.3.19, 20.15-23.15, ARD 27.3.19, 20.15-23.15 Uhr)

"Lasst mich doch in Ruhe", seien seine letzten Worte gewesen, sagt Barbara Brecht-Schall, die Tochter von Brecht und Helene Weigel, am Ende von Breloers Dokudrama über das Leben ihres Vaters. Sie, Brechts Haupterbin und Nachlassverwalterin, hat bis zu ihrem Tod 2015 mit unerbittlicher Strenge manche Aufführung eines Theaterstücks von Brecht wegen "unzulässiger Eingriffe" mit ihrem Veto verhindert. Ob sie sich auch mit Breloer gestritten hätte? Weil er Brecht nicht "in Ruhe lässt"? Ihm nicht als versteinertem Klassiker ein Denkmal setzt? Sondern ihn lebendig macht mit seinen Widersprüchen als Mensch, als Künstler, als Kommunist, als Zweifler, und nicht zuletzt als Mann, dessen Beziehungen zu zahlreichen Frauen, höflich gesagt, vielfältig gewesen sind.

Das Dokudrama umspannt vier Jahrzehnte im Leben von Brecht, von 1916 bis zu seinem Tod. Und nachdem sich inzwischen vieles "Dokudrama" nennt, weil zwischen historischen Exkursen und mehr oder weniger dilettantisch nachgespielten Szenen hin und her gesprungen wird, ist es geradezu eine Befreiung zu sehen, wie souverän Breloer, der Meister dieses Genres, die Menge an Material, die Aussagen von Brechts Weggefährten und Mitarbeitern, Archivbilder, Fotos, Theateraufführungen, Zitate von Brecht arrangiert und mit den gespielte Szenen verknüpft.

Im ersten Teil - "Die Liebe dauert oder dauert nicht" - bis zu Hitlers Machtantritt ist Tom Schilling der junge Brecht, entschiedener Kriegsgegner, als "Vaterlandsverräter" angefeindet, vom Vater als "Dichterling" beschimpft, aber schon davon überzeugt, "das letzte deutsche Genie" zu sein. Die junge Paula Banholzer (Mala Emde) hat er mit seinem Charme verführt - man könnte auch sagen: sexuell überrumpelt - und sein erstes Kind gezeugt, einen Sohn, der wegen der Schande von Pflegeeltern aufgezogen werden musste. Paula Banholzer als alte Dame konnte Breloer vor 40 Jahren noch interviewen für seinen und Horst Königsteins Dokumentarfilm über Brechts Jugendliebe. Teile dieses Interviews hat er hier noch einmal verwendet: Er konfrontiert Paula Banholzer mit Brechts Behauptung, er habe Paula das Schwimmen beigebracht: "Oh, der Lügner, der Lügner, ich habe ihm das Schwimmen beigebracht", sagt die alte Dame, "da ist viel dichterische Fantasie dabei".

Noch drastischer drückt sich die Opernsängerin Marianne Zoff (Friederike Becht) in ihrem Tagebuch aus: "Brecht kann alles, auch lügen." Sie war seine erste Ehefrau, mit der er sein zweites Kind bekam, eine Tochter, die spätere Schauspielerin Hanne Hiob. Und dass Brecht seinen Rivalen um die Gunst der Marianne Zoff verächtlich einen "Halbjuden und Geschäftsmann" nannte, weist darauf hin, dass auch er, der große Denker, von kleingeistiger Feindseligkeit nicht frei gewesen ist.

In die Zeit des ersten Teils fallen auch Brechts erste Erfolge: die "Sensationspremiere" seines Theaterstücks "Trommeln in der Nacht" mit dem berühmten Zitat: "Glotzt nicht so romantisch!", und sein "kleines Nebenwerk", das zur gefeierten "Dreigroschenoper" wurde, die es wohl ohne seine Sekretärin, "Fräulein Elisabeth Hauptmann" (Leonie Benesch) nicht gegeben hätte. Denn sie, die, im Unterschied zu Brecht, Englisch konnte, hat es als "Beggar’s Opera" entdeckt und übersetzt.

Sehr feinfühlig und zugleich aussagekräftig ist die Szene nach dem Triumph vor dem Theater: Brecht fährt, seinen Erfolg feiernd, mit Freunden im Auto weg - "das Fräulein Hauptmann" bleibt allein zurück. Und auch wenn Elisabeth Hauptmann Jahre später in einer Biografie zu Protokoll gab: "Ich fragte nicht nach meinem Anteil", so spricht doch diese Szene, wie sie vom Feiern des Erfolgs ausgeschlossen wird, von einer Demütigung, die ihr wehgetan haben muss. Zumal Brecht kurz zuvor auch schon seine nächste Eroberung, die junge "Heli", Helene Weigel (Lou Strenger), mit Gesang und Gitarre bezirzt hat.

Im zweiten Teil - "Das Einfache, das schwer zu machen ist" - spielt Burghart Klaußner den älteren Brecht: Er steht, nach 14 Jahren im Exil, in New York vor einem Spiegel und übt auf Englisch seinen Auftritt vor dem "Ausschuss für unamerikanische Umtriebe". Auch Klaußner trägt, wie Schilling, ständig eine Schiebermütze. Aber obwohl Tom Schilling und Burghart Klaußner die Rolle des Brecht großartig spielen, ist es doch ein wenig irritierend, im Älteren den Jüngeren nicht mehr zu erkennen. Auch in Adele Neuhauser, die nun die ältere Weigel spielt, ist von der Jüngeren nichts geblieben. Dafür aber ähnelt sie der echten Weigel auf fast unheimliche Weise. Und wenn Szenen der Original-Aufführung von "Mutter Courage" wechseln mit neu gespielten Szenen, ist zwischen den beiden Frauen kaum ein Unterschied zu sehen.

Die Brechts leben jetzt in der DDR, in einer Villa am Weißensee. Helene Weigel richtet die Wohnung ein ("Ich werde mich um alles kümmern müssen"), aber "die Berlau" steht vor der Tür und muss abgewimmelt werden: Ruth Berlau (Trine Dyrholm). Deren Bedeutung im Leben und als Mitarbeiterin von Brecht im dänischen Exil verliert sich bei Breloer in vagen Andeutungen. Stattdessen wird sie zur traurigen, aufdringlichen Figur gemacht: reduziert auf eine psychisch labile, weinerliche Ex-Geliebte, die für Brecht ihren Mann verlassen und das mit Brecht gezeugte Kind verloren hat, von Brecht aber nur ermahnt wird: "Sei vernünftig. Mach dir keine Sorgen wegen anderer Frauen. Wir arbeiten am Aufbau einer neuen Gesellschaft."

Faszinierend im zweiten Teil sind die Szenen der Theaterproben, Brechts Regieanweisungen, die Einblick in seine Arbeitsweise und seinen Umgang mit den Schauspielern geben. Hier kommt auch die Schauspielerin Regine Lutz zu Wort, für die Brecht als Regisseur "eine Offenbarung" gewesen ist, die aber "nie das Bedürfnis hatte, mit ihm zu schlafen. Dafür roch er mir viel zu stark."

Der zweite Teil gibt aber vor allem Einblicke in den Umgang der SED mit dem "Arbeiterdichter" Brecht - und in Brechts Bereitschaft, die negativen Entwicklungen im Sozialismus der DDR nicht wahrhaben zu wollen oder schön zu reden. Nach dem Aufstand im Juni 1953 befindet er: "Die Forderung nach freien Wahlen wäre für uns keineswegs sinnvoll." Das kommentiert Martin Wekwerth, einer von Brechts ehemaligen Schülern: "Der wollte keine bürgerliche Demokratie, der wollte die Diktatur des Proletariats." Und Brechts Überzeugung, "befreiendes Wissen muss dem Volk weitergegeben, nicht der Macht überlassen werden", klingt in der heutigen Zeit, in der "das Volk" eine politisch gefährliche Bedeutung bekommen hat, höchst problematisch.

Die letzten Bilder sind von geradezu unheimlicher Dialektik aus Liebe zu Brecht und seine Ehre rettender Zerstörungswut: Sie zeigen, wie ein Bühnenarbeiter sämtliche Totenmasken von Brecht mit dem Hammer zerschlägt. Auf Anweisung von Helene Weigel, nachdem sie erfahren hatte, dass eine Weinfirma im Rheinland, eine Woche nach Brechts Tod, ein "Dreigroschentröpfchen" angeboten hat, mit einem Foto von Brechts Totenmaske auf dem Etikett. Diese Blasphemie eines Weinhändlers wäre, wie vieles andere, längst vergessen, hätte sich nicht Breloer mit seinem meisterhaft komponierten Dokudrama Brechts letzten Worten widersetzt: Er hat ihn nicht in Ruhe gelassen, sondern die Totenmaske behutsam aufgebrochen und ihn als menschgewordenen Klassiker gewürdigt.

Aus epd medien 12/19 vom 22. März 2019

Sybille Simon-Zülch