Maßgeschneiderte Lebenslügen

VOR-SICHT: „Ich und die Anderen“, sechsteilige Serie, Regie und Buch: David Schalko, Kamera: Martin Gschlacht, Produktion: Superfilm Filmproduktion (Sky Atlantic, ab 29.7.21, sowie auf Abruf)

epd Seit dem Paradigmenwechsel der Philosophie hin zum Denken des Bewusstseins haben Freud, Konsorten und KI-Schnittstellen das Dilemma noch verschärft. Was denkt mich? Woher weiß ich, dass ich ich bin und kein anderer? Ist mein Leben gar nicht mein Leben, sondern lediglich ein Zustand der gelenkten Manifestation eines Möglichkeitsangebots? Mit Vieldeutigkeit kennen die Künste sich am besten aus. Darin, Figuren auf Bühnen zu stellen, die über etwas reden und immer nur sich meinen. Die Handlung wie Leben darstellen. Kunst, so ein Denker des Ästhetischen, ist die „Hermeneutik des als-ob“. Wir sind geneigt, die Kunst für das Leben zu halten, obwohl wir genau wissen, dass gespielt wird.

Um vom Heiligen (Kunstreligion des 19.Jahrhunderts) zum Profanen (Fernsehen/Streamingproduktionen des 21. Jahrhunderts) zu kommen: Solche Zusammenhänge mag Theater gestalten und reflektieren, im (Bezahl-)Fernsehen sind sie weitgehend unbekannt. Streaminganbieter wie Netflix halten es bestenfalls mit dem mystisch Verschwörten („Dark“).

Was aber, wenn nun eine oder einer käme, der die bildgewaltigen Vorzüge des Filmischen und der Videokunst mit der schwankenden Bühnenatmosphäre des „Ecce homo“ (Nietzsche) zu einer wahnwitzigen Parabel auf die KI-gestützte Existenz des Menschen als fortgeschrittenen Konsumenten verbände? Dann hätte man David Schalkos sechsteilige Egotrip-Serie „Ich und die Anderen“. Bei der zunächst auffällt, mit wie viel fast schon selbstlos wirkendem Eigenlob der „Trip in erzählerisches Neuland“ (Schalko) gerade vermarktet wird. Ein „visuell aufwendig inszeniertes Gedankenspiel“, „beißende Gesellschaftskritik“, surreal-komisch und tragisch zugleich. Hauptdarsteller Tom Schilling setzt eins drauf: „Das wird man so noch nicht gesehen haben (...) philosophisch, lustig und absolut irrsinnig.“

„Ich und die Anderen“ hatte Premiere auf der digitalen Berlinale in diesem Jahr und eröffnet heuer das Berlinale Summer-Special. In Österreich hat die Produktion in diesem Jahr mehrere „Romys“ gewonnen, unter anderem für die Bildgestaltung Martin Gschlachts. Das Handlungsgerüst, besser: der Handlungsantrieb oder -motor jeder der sechs Folgen ist die Empfindung der Hauptfigur Tristan (Tom Schilling mit furiosem Auftritt), der mit seiner Existenz als Wiener Kreativer des Unternehmens „42!“, das nichts weniger als maßgeschneiderte Lebenslügen entwickelt, hadert.

Tristan ist bei „42!“ nicht nur angestellt, sondern, ohne es zu wissen, Versuchsperson für die neuesten Lebenssimulations-Produkte. Virtualität ist für den Chef Herrn Brandt (Lars Eidinger durchgehend im Pyjama) nicht mehr bloß der letzte Schrei, sondern längst der erste. Ungefähr zur Hälfte stellt sich heraus, dass Tristan als lebende Betaversion auf eine Art personalisierte In-Ear-Alexa-Version hin personalentwickelt wurde, die nicht nur Anweisungen folgt, sondern selbst die Steuerung der Tristanmaschine übernimmt.

Schalko will auf alles mögliche hinaus, auch auf das Nicht-leicht-konsumierbar-Sein, das gelingt ihm nicht durchgehend. Tristans Egotrip ist zum Teil nämlich einfach sehr lustig, wie in der dritten Folge, in der er sich wünscht, von allen geliebt zu werden, und in der die pastellbunte amerikanische 50er-Jahre-Ästhetik schließlich in ein Jesus-Christ-Superstar-Happening zu R.E.M.s horrormäßig fröhlicher „Shiny Happy People“-Hymne ausartet, die an Stellen an The Who's Rockoper „Tommy“ erinnert. Aus Humor wird Grauen.

Anstrengend ist das übergroße „Identitäts-Wünsch-Dir-Was“ der Serie, die man sich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen kaum vorstellen kann, freilich auch. Wenn in der letzten Folge der „Ewige Jude“ als Obdachloser im Wien von heute mit einem Knallchargen-Adolf-Hitler zusammentrifft, der nun als Katzenretter von sich reden machen will, lässt sich der durchsichtig platzierten Aufforderung zur Bedeutungshuberei leicht widerstehen. Wie bei der Ausdeutung der Vagina-Kunst von Tristans Schwester Isolde (Sarah Viktoria Frick), deren Vernissage zusammen mit der Penis-Obsession von Vater Karl und Mutter Elvira (Martin Wuttke und Sophie Rois) zur gewollten Verwirrung („Bewusstseinserweiterung“) durch hingeworfene Plakativitätsbrocken beitragen. Satire ist auch, wenn Zuschauer und Kritiker intellektuell auf den Arm genommen werden.

Im Übrigen eine traditionelle österreichische Ästhetik-Spezialität. Wagner, Freud, Penisneid und Vagina-Anbetung, ein espressobesessener Therapeut (Michael Maertens), der bedürftiger zu sein scheint als sein Patient, eine schwangere Lebensgefährtin, Julia (Katharina Schüttler), und eine abgängige Freundin mit identischer Zwillingsschwester, Franziska (Mavie Hörbiger), „Freund“ und Kollege Hubert (Merlin Sandmeyer) - Tristans Umwelt und Lebensmenschen, so der Ausgangspunkt jeder Folge, sind gleich und gleichzeitig immer andere, je nach seinen Wünschen, die allen Befehl sind. In jeder Folge wünscht sich der scheinallmächtige Held alles anders: Alle sollen alles über ihn wissen. Alle sollen ihn lieben. Alle sollen sich die Wahrheit sagen. Die Folgen des Wünschens sind fast immer katastrophal.

Gegenseitige Ehrlichkeit artet in bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Ein schwadronierender Taxifahrer (Ramin Yazdani) scheint als Abgesandter von Goethes Turmgesellschaft die Lizenz zum Räsonieren gepachtet zu haben. Nicht nur Tristan brummt der Kopf. Abgefahrenes trifft auf Überspanntes. Dass Schalko seine Fragen im grenzüberschreitenden Psychodrogen-Bildgewitter manchmal sehr präzise stellt, geht großenteils unter. Wenn mein Leben sich nur um die Befriedigung meiner Bedürfnisse dreht, müssen nicht alle anderen dann bloß Statisten sein? Ist das Ich bloß ein Gefühlsmoment in einem beliebigen Körper? Was schafft Einheit, Ganzheit, Selbstbestimmung? Ist Identität eine Simulation unter vielen? Das Ensemble liefert eine große Show. Die Musik von Kyrre Kvam berauscht. Genial oder Murks? Selbst wenn man „Ich und die Anderen“ für aufgeblasenen Mist hält - mehr Schauwert geht wohl nicht.

Aus epd medien 29-30/21 vom 23. Juli 2021

Heike Hupertz